14. März 2014

Ultra Maidan

Die Geschehnisse in der Ukraine beschäftigen mich immer noch sehr. Zunehmend bin ich in den letzten Tagen auch auf Aspekte aufmerksam geworden, die mit Fußball zu tun haben. An diesem Wochenende, an dem auf der Krim über die Abspaltung abgestimmt werden soll, soll der Ligabetrieb wieder aufgenommen werden. Von einer regulären Runde kann aber aus verschiedenen Gründen nicht die Rede sein.

Bei Chernomorets Odessa haben fünf Legionäre, darunter der Österreicher Markus Berger, das Angebot einer Vertragsauflösung angenommen und den Club verlassen. Da trifft es sich gewissermaßen gut, dass der Gegner in der 21. Runde gleich gar nicht antreten kann: Arsenal Kiew ist im Oktober letzten Jahres aus dem Spielbetrieb der Premjer-Liha ausgestiegen. Sewastopol, einer der beiden Clubs von der Krim, spielt auswärts in Dnipropetrovsk. Tavriia Simferopol wiederum, das Dinamo Kiew empfangen sollte, hat kurzerhand auf das Heimrecht verzichtet und spielt in der Hauptstadt im Olympiastadion.

Auf BBC World habe ich neulich zufällig einen Beitrag gesehen, der mich auf einen anderen interessanten Aspekt verwiesen hat: auf die Rolle, die Ultras aus den Fankurven in der aktuellen politischen Landschaft spielen. Der Spieler, der sich dazu geäußert hat, hat eine gewisse Berühmtheit, denn er gilt als die schlechteste Verpflichtung, die der FC Barcelona jemals getätigt hat: Dmytro Chyhrynskyi mag ein schwacher Verteidiger gewesen sein, als Persönlichkeit ist er ziemlich beeindruckend.

Nach allem, was man so lesen kann, hatten Ultras von praktisch allen wichtigen Clubs der Ukraine Delegationen nach Kiew entsandt, die auf und um den Maidan demonstriert und gekämpft haben. Und auch jetzt noch machen sie den Geleitschutz, wenn in Donetsk oder Odessa Leute gegen die prorussischen Fraktionen demonstrieren. Allerdings ist die Sache keineswegs eindeutig so, dass die Ultras alle eindeutig Rechte oder Rechtsradikale sind, auch wenn es Überschneidungen zu den Radikalpatrioten und zu den "Banderoviten" gibt, die sich an einem zwiespältigen Nationalhelden orientieren, der gegen die Rote Armee, aber eben auch mit den Nazis gekämpft hat.

Ein junger Journalist hat in einem Text für die Kyiv Post die ganze Sache gut zusammengefasst. Ich habe mir jetzt vorgenommen, nach Möglichkeit mit Sherji Zhadan demnächst einmal zu diesem Thema ein Interview zu machen. In einem entlegenen Post auf Indymedia finde ich gerade noch eine Notiz zu einem rechtsradikalen Vorfall im Jahr 2010, dem zu entnehmen ist, dass Arsenal Kiew dafür bekannt war, eine dezidiert antifaschistische Anhängerschaft zu haben.

Jetzt frage ich mich gerade, ob ich in der Ukraine eigentlich eine Lieblingsmannschaft habe. So richtig habe ich mir das eigentlich nie überlegt, es gibt aber zwei Kandidaten. Das eine wäre Chernomorets, einfach weil ich glaube, dass Odessa eine Stadt ist, in der es mir gefallen wird. Das andere Team wäre Zoria Luhansk, aus der östlichsten Stadt, und hauptsächlich deswegen, weil es die östlichste ist.

Auf der Internetseite eines großen Sportwettenanbieters habe ich vor längerer Zeit gelegentlich ein paar Minuten von Spielen der ukrainischen Liga verfolgt, hauptsächlich des eigentümlichen Erlebnisses wegen, in einem kleinen Bildfenster, das sich nicht auf Vollbild stellen ließ, weit nach Osten schauen zu können. Ob es diese Möglichkeit noch gibt, werde ich am Sonntag überprüfen.


Eingestellt von marxelinho am 14. März 2014.
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