19. Oktober 2014

Unbeschriebenes Blatt

Die 0:2-Niederlage bei Schalke 04 vom Samstagabend ist schwer einzuschätzen. Das liegt daran, dass Hertha in dieser Saison bisher einfach noch nicht klären will, klären kann, an welchen Ansprüchen sie zu messen ist. Geht es rein um den Klassenerhalt, dann könnte man aus Gelsenkirchen positive Aufschlüsse mitnehmen (gute Grundordnung, kompakte Mannschaftsleistung), aber auch den Eindruck einer gewissen Naivität. Geht es um ein bisschen mehr, zum Beispiel darum, einen absolut schlagbaren Großen auch tatsächlich zu schlagen, und vielleicht ein bisschen Momentum zu erzeugen, dann ist der Befund eher ernüchternd.

Interessanterweise gleichen nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Spielverlauf der Begegnung aus dem März, dem ersten Auswärtsspiel in der Turnhalle, wie viele Freunde die Arena in Gelsenkirchen scherzhaft nennen, nach dem Wiederaufstieg. Auch damals gab es ein 0:2, auch damals war für Hertha mehr drin, allerdings wurde das auch durch eine Entscheidung des Unparteiischen erschwert, der einen regulären Kopfballtreffer von Langkamp nicht gab. Der entscheidende zweite Treffer fiel damals sehr spät.

Dass Langkamp einmal so fehlen würde, wie es gestern der Fall war, hätte ich vor einer Weile noch nicht vermutet. Aber es ist so. Heitinga, von dem ich mir viel mehr erwartet habe, der aber auch offensichtlich einen schwierigen Start in Berlin (mit Luhukay?) hatte, ist alles andere als eine Säule. Lustenberger ist anfällig in so manchen Situationen im direkten Duell, im Einszueins. In beiden Fällen kann man den Spielern zugutehalten, dass Pech und widrige Umstände im Spiel waren. Huntelaars Schubser gegen Heitinga vor dem ersten Gegentor hätte ich als Foul gewertet, zumal auf dem Acker in der Turnhalle. Lustenberger lässt Draxler zu unbedrängt laufen, und fälscht dann einen haltbaren Schuss so ab, dass er unhaltbar wird.

Pech, aber auch in der Zusammenschau mit einigen anderen Momenten doch ein Indiz, dass der Kapitän nicht ganz auf der Höhe ist. Nimmt man dann das Fehlen von Cigerci und Baumjohann zu der Abwesenheit von Langkamp hinzu, dann sieht man, dass Hertha trotz des umfangreichen Kaders eine ganze Achse der Qualität fehlt.

Sie wird durch eine Achse des rechtschaffenen Bemühens halbwegs ersetzt, wobei ich bei Heitinga mehr und mehr den Eindruck habe, dass er das Bemühen zum Teil nur spielt. Bei seinen langen Bällen in der Spieleröffnung erweckt er schließlich ganz und gar den Eindruck, mit den Gedanken wo anders zu sein. Den Vertrauensvorschuss, den eine langjährige Stütze des FC Everton verdient, hat er jedenfalls bald aufgebraucht. Die Frage ist allerdings, ob er ihn vom Coach überhaupt jemals hatte?

Es gibt noch ein zweites Spiel, dessen Matrize man dem gestrigen unterlegen könnte: die Niederlage des BVB auf Schalke vor wenigen Wochen. Hertha hat spielerisch nicht die Qualität von Dortmund, wandte aber eine vergleichbare Strategie an. Die hohe Linie spielte Schalke in die Karten, denn die Gazprom-Knappen hatten (anders als Hertha) eine sehr konzentrierte Innenverteidigung. Da zudem das Flügelspiel von Hertha zumeist mit ungenügenden Flanken endete, war es nicht wahnsinnig schwer, das "unbeschriebene Blatt" (clean sheet) über die Zeit zu bringen.

Hätte Hertha abwartender spielen sollen, sich ein wenig zurückziehen vielleicht? Es war jedenfalls überraschend, wie bereitwillig die Mannschaft sich auf die Bedingungen einließ, die Schalke anbot, obwohl die Warnsignale von Beginn an deutlich waren. Die hundertprozentige Chance von Huntelaar noch vor dem Führungstreffer verwies jedenfalls auf die Bedingungen eines hohen Spiels: es reichen drei, vier Situationen, in denen Schalke umschalten kann, um jenes Durcheinander in der Defensive zu erzeugen, das dann zwei Gegentreffer ergibt.

Am besten ist wohl, die Niederlage auf Schalke als Trainingseinheit für ein Dominanzspiel zu sehen, dass dann gegen andere Gegner vielleicht produktiver wir. Allerdings ist genau das, was Schalke zeigte, mehr oder weniger die Erbsubstanz der Liga der Weltmeister: abwartendes Effizienzspiel, das nach einem Gegner sucht, der sich die Mühe macht, die uninteressanten Passagen des Spiels zu bestreiten.

Hertha hat auf Schalke neunzig Minuten lang skizziert. Zwei Spiele noch, dann ist die Phase der Saison erreicht, von der an Jos Luhukay sich messen lassen will. Dass er überhaupt diese "hundert Tage" beanspruchen kann, ist ein seltsames Indiz in sich und deutet darauf hin, was auch gestern wieder zu sehen war: Hertha steht derzeit irgendwie immer auf Anfang.


Eingestellt von marxelinho am 19. Oktober 2014.
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