25. Februar 2016

Unwahrscheinlichkeitsrechnung

Nacho Monreal stand vor einem unlösbaren Dilemma in der 71. Minute des Spiels von Arsenal gegen den FC Barcelona. Auf der rechten Defensivseite war Neymar an den Ball gekommen und im Begriff, allein auf das Tor zuzulaufen. Die defensive Hälfte von Arsenal war weitgehend leer, nachdem Mertesacker, weit aufgerückt, einen Ball durchrutschen lassen musste, den Suarez brillant wieder auf Neymar durchsteckte. Monreal tat das Naheliegende, er lief dem Brasilianer nach, und ließ deswegen Lionel Messi aus den Augen, der in seinem Rücken auf das Tor zusprintete, in seiner typischen Manier, so, als hätte Uderzo seine Beine gezeichnet. Bellerin war auch hinter Neymar her, der schnelle Bellerin, der aber wohl für Neymar nicht schnell genug gewesen wäre. In jedem Fall war der Konter zu schnell für Arsenal - eine Koproduktion des magischen Dreiecks, das diesen Namen wirklich verdient.

Und doch ist auch dieser Spielzug voller Fragezeichen, sie strahlen auf die gesamte Formation aus, und auf den vierten Versuch von Arsenal in zehn Jahren, gegen Barcelona etwas auszurichten. Dieses Mal war Arsenal relativ nahe an einer ausgeglichenen Leistung, nicht beim Ballbesitz natürlich, aber bei den relevanten Szenen. Allerdings fehlte bei den offensiven Szenen die Präzision, sodass man berechtigt hinterfragen kann, ob Arsène Wengers Matchplan wirklich realistisch war. Er sah Arsenal nämlich um die 70. Minute schon ein wenig im Vorteil. Er meinte, eine beginnende Müdigkeit bei Barcelona wahrzunehmen, dabei war es eher sein Team, das zu diesem Zeitpunkt allmählich in Schwierigkeiten geriet. Man sieht das an der Szene, in der Neymar überhaupt erst den Pass auf Suarez spielen kann, bedrängt von Coquelin und Ramsey, aber wirkungslos bedrängt, ohne eigentlichen Druck.

Wenige Sekunden davor war Giroud, der teilweise am eigenen Fünfer ausgeholfen hatte, schon gar nicht in das Kopfballduell mit Piqué gegangen, so kam es überhaupt erst zu dem Spielzug, der auf drei gewonnenen Zweikämpfen beruht, bevor Suarez den entscheidenden Pass spielt, in einem vierten Zweikampf, der keiner mehr ist, weil der Ball schon weg ist, bevor Suarez attackiert werden könnte. Wenger macht sich also etwas vor, de facto war Arsenal zu diesem Zeitpunkt mürbe gespielt, erschöpft von den vergebenen Chancen und durch Angriffsaktionen, denen im letzten Moment durch einen ungenauen Pass (Sanchez) das Momentum genommen wurde.

Personell kann man feststellen, dass Barcelona die Schwachstellen von Arsenal genauestens gezeigt hat. Coquelin ist ein achtbarer Sechser, in der entscheidenden Szene aber sieht man, dass ihm fast alles zu einem großen Spieler fehlt, das gilt auch für seinen Ersatzmann Flamini. Im Winter wurde mit Mohammed Elneny ein weiterer Sechser gekauft, den Wenger aber offensichtlich nur für den FA-Cup geeignet sieht; mit Krystian Bielik ist auch schon einer da für 2017/2018. Nur für die Gegenwart hat Arsenal niemanden, jedenfalls niemanden wie Sergio Busquets auf der anderen Seite.

Per Mertesacker bestand nach dem Spiel darauf, dass die vergebenen Chancen entscheidend waren, er gab sich aber beim zweiten Gegentor eine deutliche Blöße, und stand schon beim ersten schlecht. Arsenal hatte Chancen, aber insgesamt funktionierte das Herausspielen schon die ganze erste Halbzeit hindurch schlecht, frustrierend war vor allem die rechte Seite, wo Wenger sich für Oxlade-Chamberlain entschieden hatte, der aber die ganze Saison hindurch sehr fehlerhaft spielt. Für Welbeck wäre die Startelf wohl noch zu früh gekommen, also wäre die plausiblere Alternative wohl Walcott gewesen.

Das sind so die Gedanken auf der Suche nach einer Verkleinerung des Unterschieds zwischen Barcelona und Arsenal. Interessant ist auf jeden Fall auch die generelle Konstellation. Barcelona spielt kein starkes Pressing im eigentlichen Sinn, macht aber die Räume ungeheuer eng, und verteidigt weit vorn - manchmal hat man fast schon den Eindruck, hier würde ein Schutzschirm aufgezogen, etwas halb Virtuelles wie in Raumschiff Enterprise, eine Mischung aus unsichtbarer Macht und konkreter Verteidigung. Es gibt dahinter Räume für Konter, ein Spiel, das Arsenal entgegenkäme, und auf das die Taktik auch angelegt war. Für das Rückspiel, in dem Arsenal nach allgemeiner Meinung kaum noch Chancen hat, eröffnet das durchaus noch Perspektiven. Ich setze meine Hoffnungen dabei auf Danny Welbeck, der in der letzten Viertelstunde im Emirates schon sehr auffällig spielte. Im Idealfall kann er in drei Wochen über den rechten Flügel kommen.

Allerdings muss Arsenal dazwischen noch zwei schwere Spiele in der Liga bestehen: im Old Trafford und an der White Hart Lane. Vier Punkte sind das Minimum, das es für eine "title challenge" braucht. Sechs Punkte wären ein Statement, und ergäbe auch ein Momentum für die Champion's League.

Man kann in diesem Jahr nicht einmal richtig Klage führen über das Lospech, das schon im Achtelfinale so ein Spiel beschert, während anderswo Begegnungen von regionalem Interesse ausgetragen werden. Arsenal war in einer Gruppe mit dem FC Bayern immer auf den zweiten Platz gebucht, musste also mit einem Großen im Achtelfinale rechnen. War also zweimal Lospech, und in beiden Fällen hatte Arsenal nicht genügend entgegenzusetzen. Nun, bisher, in drei Wochen gibt es ja immer noch Gelegenheit zu einem Comeback, über das die Welt noch lange sprechen würde.



Eingestellt von marxelinho am 25. Februar 2016.
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