03. April 2017

Verdienste kommen auch in die Jahre

Eigentlich hatte Arsène Wenger ja versprochen, bis zum Ende der Länderspielpause Klarheit über seine Zukunft bei Arsenal zu schaffen. Vermutlich wollte er aber noch warten, bis ein positives Ergebnis den Fanprotesten ein bisschen den Wind aus den Segeln nimmt. Das 2:2 am Sonntag gegen Manchester City kann man immerhin als Zeichen einer leichten Konsolidierung sehen, zumal City schon nach fünf Minuten in Führung gegangen war. Aber für einen unvoreingenommenen Beobachter war das vor allem ein insgesamt mäßiges Spiel zweier englischer Spitzenmannschaften. Argumente für eine gedeihliche Weiterarbeit kann Wenger schon lange nicht mehr liefern.

Aber ist nun einmal die relevante Figur bei Arsenal seit 20 Jahren, insofern kann es wohl gar nicht anders sein, als dass sich diese Trennung (irgendwann ist sie ja doch unumgänglich) so furchtbar zieht. Dass jetzt alles von Wenger selbst abzuhängen scheint, dass er also über eine Verlängerung für weitere zwei Jahre entscheiden kann und auch über den Zeitpunkt, an dem es ihm passend erscheint, sich dazu zu äußern, das ist allerdings mehr als eine Konzession an ihn wegen seiner großen Verdienste. Das zeugt von einem vollkommen kopflosen Club. Ist aber eben nur eines von vielen Beispielen dafür, wie sehr der Kult um die starken Männer (siehe auch die deutschen Autokonzerne) den Blick auf die Realitäten verstellt.

Man merkt das ja auch an so unbedeutenden Nebenschauplätzen wie in den Kommentatorenkabinen der deutschen Premier-League-Übertragungen. Wie da die Wenger-Rhetorik nachgebetet wird, die ja längst in peinliche Ablenkungsmanöver umgeschlagen ist, das zeigt, wie wenig die Leute einfach hinschauen wollen und wie sehr ihr Blick von Klischees verstellt ist. Sicher, das Arsenal-Board erweckt auch selbst den Eindruck, als sollte Wenger einen Vertrag bis 2019 für Verdienste von 1999 bekommen.

Aber der Arsène Wenger von 2008 bis 2017 (das wäre ungefähr meine Periodisierung für den Beginn des Niedergangs) ist nicht der "wissende" Trainer der ersten Dekade bei Arsenal. Man wirft den Kritikern, den Verfechtern des "enough is enough" immer vor, sie wären emotional und nicht in der Lage, das Gesamtbild zu sehen. Deswegen in aller Ruhe, so sachlich wie möglich, noch einmal das Argument: Wenger II (wie ich diese Phase seines Schaffens bezeichnen würde) hat für den Club nach der Saison 2003/2004 (die "Invincibles") noch eine große Sache geleistet - er hat die Jahre nach dem Umzug in das neue Stadion so gut moderiert, dass Arsenal auch damals den Anschluss an die internationale Spitze (und die Elite der Premier League) nicht verloren hat.

Dieses Verdienst ging allerdings mit einer zunehmenden Stagnation einher: Besser als Platz 4 (auch wenn es de facto gelegentlich auch Platz 2 war) und das Viertelfinale in der Champions League war Arsenal seither nie mehr. Und im Detail sind seit langem die Erosionsprozesse erkennbar: Früher sprach man oft noch von einer neuen Mannschaft, an der Wenger arbeitete (vergleichbar den Formationen rund um Bergkamp, Vieira oder Henry früher), inzwischen ist längst deutlich, dass seine Ideen nur noch Stückwerk bleiben. Er investiert in Özil und Sanchez, und setzt im Mittelfeld hartnäckig auf einen Coquelin. Dann kauft er doch einen Xhaka, lässt ihn aber völlig unbetreut durch eine erste Saison irren.

Die Bilanz gegen die "großen Teams" ist seit vielen Jahren verheerend. Dafür ist eine Mischung aus mangelnder Mentalität und taktischer Naivität verantwortlich. Arsenal hat selten einen Plan, weil Wenger im Grunde erwartet, dass die Mannschaft halt Fußball spielt. Das reicht aber längst nicht mehr. Zudem stagnieren fast alle Talente unter seiner Ägide.

In diesem Jahr ist die Qualifikation für die Champions League so stark in Gefahr ist wie noch nie. Die Spitze in der Premier League umfasst inzwischen sechs Teams, und Arsenal ist derzeit das Schlusslicht in dieser Liga in der Liga.

Das hat sich auch im Spiel gegen Manchester City gezeigt, in dem die Bemühungen zwar erkennbar waren, aber mehr als ein Zufallstor und eine Standardsituation kamen nicht heraus. Der Gegner war übrigens auch dürftig: Zu dem, was Guardiola in München geleistet hat, gibt es in England noch keinen Vergleich. Von einem Dominanzfußball ist City weit entfernt, dazu ist die Mannschaft zu sehr halbiert (die ganze hintere Hälfte kann man vergessen). Arsenal war aber auch so deutlich die Mannschaft, die mit dem Remis eher einverstanden sein musste.

Die englische Woche bringt für Arsenal ein Heimspiel gegen West Ham United. Spätestens dann könnte vielleicht doch wieder einmal ein Sieg gelingen, ein Ergebnis, auf das Wenger offensichtlich wartet, um zumindest ein bisschen Rückenwind für seine Sturheit zu bekommen. Oder gibt es vielleicht doch noch eine Überraschung? Eine Verlängerung mit Arsène Wenger wäre die einfachste, die klarste - und die schlechteste aller Lösungen. Außer natürlich Otto Rehhagel.


Eingestellt von marxelinho am 3. April 2017.
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