31. Januar 2015

Vertrauensbildende Maßnahmen

Vor drei Jahren bin ich um diese Jahreszeit nach Nürnberg gefahren, um mit Hertha in die Rückrunde einer Erstliga-Saison gehen, die nur ein Ziel hatte: nicht wieder absteigen. Zur Winterpause standen 20 Punkte auf dem Konto, die Mannschaft hatte unter Markus Babbel solide gearbeitet, allerdings wurden in Richtung Weihnachten die Leistungen immer durchschaubarer. Aber das war nicht der Grund, aus dem der Trainer gehen musste, sein Abgang zählt sicher zu den peinlichsten Kabalen in der Hertha-Geschichte.

Ich erinnere mich an die 0:2-Niederlage in Nürnberg vor allem aus einem Grund: der neue Betreuer Michael Skibbe versuchte es damals mit einem neuen Regisseur. Ronny sollte es richten. Das Ergebnis war eine sang- und klanglose Auswechslung nach 45 Minuten. Änis Ben-Hatira war danach nicht sehr viel wirkungsvoller, der Auftritt von Ronny allerdings war wirklich trostlos gewesen.

Die Situation lässt sich nur bedingt mit der von heute vergleichen, nicht zuletzt deswegen, weil Ramos und Lasogga damals eine Doppelspitze bildeten, die sich nach weiter hinten als Positionsproblem übersetzte. Ronny wusste damals gar nicht so richtig, wo er auf der 10 spielten konnte.

Gegen Werder Bremen wird Hertha morgen mit einer ähnlichen Ausgangsposition wie vor drei Jahren in die Rückrunde gehen, und wir lesen wohl nicht allzu viel aus dem Kaffeesud der diversen Vorberichte, wenn wir davon ausgehen, dass Ronny wieder auf der 10 zum Zug kommen wird. Die Position ist vakant, an anderen Stellschrauben des Mannschaftsgefüges gibt es ein Überangebot an Personal.

Der Bericht im DoKi (Donnerstags-Kicker) über Ronny war wohl auch im Sinne der Berliner Presseabteilung. Jos Luhukay hat etwas über für den Brasilianer, stand da, seine taktischen Defizite stehen daneben nicht so stark zu Buche. Ist ja auch egal, es ist ja niemand da, der das sonst sinnvoll spielen kann, allenfalls Per Skjelbred, aber der passt besser neben die 6, also auf die 8. Wenn er denn bei Kräften ist.

Die weiteren spannenden Personalfragen: Wo spielt Nico Schulz? Ich wäre für links hinten, aber ich kann das nur mit Eindrücken der Hinrunde begründen, nicht mit Beobachtungen aus der Vorbereitung. Wo spielt John Anthony Brooks? Ich wäre für links neben Langkamp, vermute aber, dass er auf die Bank muss. Wo spielt Fabian Lustenberger? Ich wäre für die Position 6, vermute aber im Einklang mit vielen Medien, dass er in der Innenverteidigung antreten wird.

Eines der wichtigsten Probleme der Hinrunde war, dass der Coach mit dem Kader nicht zurechtkam. Er probierte viel aus, vermittelte aber nie den Eindruck einer Pädagogik aus einem Guss. Mit manchen Spielern war er kürzer angebunden als mit anderen, so richtig ausprobieren konnte sich niemand. Kontinuität war insgesamt das große Manko. Es wird nun sehr viel davon abhängen, dass er das Potential des Kaders besser nützt. Hertha hat definitiv die Leute, um die Klasse zu halten. Aber für Experimente mit Polyvalenz (Schulz auf die 8?) ist vielleicht jetzt nicht der Moment.

Schulz war einer der wenigen Gründe im Herbst, sich über Hertha zu freuen. Defensiv nicht über jeden Zweifel erhaben, offensiv aber fast immer interessant. Seine Qualitäten: Antritt, Flanken, offensive Kombinationen. Ob er die Ruhe am Ball und die Übersicht für das strategische Passspiel hat, die es auf der 8 braucht, ist schwer zu sagen. Am besten, man zeigt ihm ein, zwei Spiele mit Tolga Cigerci.

Vor drei Jahren stand Hertha nach 22 Spielen immer noch vor Kaiserlautern, Augsburg und Freiburg, ohne in der Rückrunde bis zu diesem Zeitpunkt einen einzigen Punkt geholt zu haben. Das wird in diesem Jahr so nicht möglich sein, zu dicht ist der Pulk. Im Freundeskreis verspüre ich Nervosität gemischt mit Unwillen. Der Coach hat das Vertrauen aufgebraucht, er muss jetzt neues schaffen. Hertha wird auch in der Rückrunde immer wieder Spiele verlieren, aber es müssen Niederlagen mit Perspektive sein, solche, in denen auch die Möglichkeit eines anderen Resultats aufscheint. Hertha hat 2014 häufig auf eine Weise verloren, die einfach absolut folgerichtig war: dürftiges Spiel, null Ausbeute.

Daran ist Jos Luhukay ab sofort zu messen: ob die Mannschaft eine Perspektive erkennen lässt. Das gilt übrigens auch für Siege. Die müssen genauso auf den Prüfstand. Hertha hat 19 Punkte, von denen zumindest drei vom Himmel fielen, der Ausgleich in Freiburg und der Sieg in Köln waren nicht erarbeitet. Ohne diese Punkte wäre Hertha ganz unten. Es wird Zeit, sich den Herausforderungen der ersten Liga zu stellen. 


Eingestellt von marxelinho am 31. Januar 2015.
Keine Kommentare