19. März 2016

Verwalter und Gestalter

Vor dem Zieleinlauf dieser Saison steht das Betreuerteam vor einer interessanten Entscheidung: Soll Tolga Cigerci in der ersten Mannschaft bleiben? Das würde bedeuten, dass der Kapitän weiterhin nur Ersatz wäre, es sei denn, Skjelbred bekommt einmal eine Pause. Die Personalie Lustenberger geht über den aktuellen Moment hinaus, sie betrifft, wie gegen Schalke sehr deutlich wurde, die Statik der Mannschaft in einem hohen Maß. Und sie zeigt uns etwas über diese laufende Saison, was man durchaus als eine ihrer Signaturen sehen kann.

Denn Pal Dardai hat sich in entscheidenden Momenten als sehr konsequent erwiesen. Drei Positionen betraf das vor allem. Im ersten Spiel, dem knappen, aber wegweisenden Sieg in Augsburg, stand eine Mannschaft auf dem Platz, die von der aktuellen gar nicht so stark verschieden ist. Und doch hat sich eine Menge getan. Dabei wurden auch Verletzungen, man muss es so brutal sagen, produktiv gemacht.

Der Wechsel von Kraft zu Jarstein war mit Sicherheit eine kaum zu überschätzende Veränderung. Erst mit dem Norweger kam dieses abwartende Aufbauspiel so richtig in Gang, das den wiederholten Pass auf den Keeper für immer neue Seitenverlagerungen, aber auch ganz einfach zur wohlfeilen Beschäftigung des pressenden Gegners zu einem wichtigen Mittel werden ließ. Thomas Kraft, ein Klassemann in bestimmten Bereichen, aber eben kein kompletter Toptorhüter, ist seither nicht mehr erste Wahl, und wir werden wohl nie erfahren, was an seinen Verletzungen tatsächlich Fakt war und was Sprachregelung zur Gesichtswahrung.

Die Sache mit Jarstein wurde einfach durchgezogen, alte Verdienste und Standing halfen nichts, ganz anders, als wir das so oft bei Hertha sahen. Ähnlich verhielt es sich mit Pekarik, einem soliden Spieler, von dem nach der Verletzung schnell deutlich wurde, wieviel besser und interessanter Weiser diese Position interpretiert. Nach der Rückkehr von Pekarik gab es ein paar Versuche, die rechte Seite anders zu formieren, nach dem Schalke-Spiel dürfte Weiser aber wieder dort gesetzt sein, wo er selber spielen möchte - wenngleich er für die Länderspielpause nun "nur" für die U21 nominiert wurde.

Die dritte dieser wegweisenden Personalien betrifft Fabian Lustenberger. Er begann in der Innenverteidigung, weil damals noch offen stand, ob und wie John Brooks in die Mannschaft integriert werden würde. Es war immer klar, dass er auf Dauer nicht auf der Bank bleiben würde - man war ja interessiert, ihn zu einer Vertragsverlängerung zu bewegen. Für Lustenberger fand sich neben Skjelbred und in einer immer noch nach ihren Möglichkeiten suchenden Mannschaft eine Aufgabe, die er bis zur Winterpause auch gut erfüllte.

Seit der Winterpause aber steht Hertha vor neuen Herausforderungen. Noch mehr Spielgestaltung, noch stärker abwartende Gegner, mit einem Wort: die Aufgaben einer Spitzenmannschaft in der Liga. Lustenberger kam nicht so gut in die Rückrunde, gegen Schalke bot sich eine Gelegenheit, es einmal anders zu versuchen. Cigercis Leistung war keineswegs lupenrein, aber insgesamt erinnerte er schon wieder stark an die tollen Leistungen vor seinem langen Verletzungsloch. Damals war er wegen seines großen Aktionsbereichs, seiner Originalität und auch Torgefahr ein riesiges Versprechen, das er nun erneuert hat. Er erinnert mich oft an Aaron Ramsey, der bei Arsenal eine vergeichbare Rolle spielt.

Fabian Lustenberger ist der Kapitän, es könnte aber sein, dass ihm ein Schicksal wie Thomas Kraft droht. Klar, auch er kann gemeinsam mit Skjelbred eine offensivere Hertha prägen, vielleicht wäre es da allerdings gescheiter, wenn Lustenberger stärker als der "holding midfielder" agieren würde. Skjelbred kam ja als Achter, wenn ich mich richtig erinnere, nun hängt er tief drin im Maschinenraum, und kommt kaum dazu, etwas mehr nach vorne zu machen.

Mit der Hertha des ersten Spieltags (ohne Ibisevic, mit Kraft, ohne Brooks) wäre Hertha aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so weit vorn. Denn wenn man genau hinsieht, wurde die Mannschaft von ganz hinten heraus, also von der Torwartposition ausgehend, in kleinen Schritten offensivstärker gemacht. An die Stelle von Verwaltern traten Gestalter - ich spitze zu, klarerweise.

Die Härten des Geschäfts kann kaum jemand so gewitzt moderieren wie der aktuelle Trainer von Hertha. Es sind Härten, aber solche, die der Entwicklung der Mannschaft helfen. Thomas Kraft hat in all den Monaten ja nicht einmal aufgezeigt, wir können annehmen, dass hinter der Kulissen intensiv daran gearbeitet wurde, diese Angelegenheit nicht zu einer werden zu lassen. Bei Valentin Stocker verhält es sich insgesamt ein wenig anders, aber auch er zählt zu den Härtefällen, denen angesichts der aktuellen Platzierung nichts anderes übrig bleibt, als gute Miene zu einem Spiel zu machen, zu dem er kaum beitragen kann.

Dass das alles so klaglos abläuft, ist nicht das geringste Verdienst der Verantwortlichen in diesem Jahr. Hertha präsentiert sich sympathisch und kultiviert das Understatement. Die deutlichen Worte, die sicher auch nötig sind, bekommen wir nicht zu hören. Und so verändert sich die Mannschaft ganz allmählich zum stetig Besseren. Den hier pflichtgemäß einzusetzenden Generalvorbehalt spare ich mir heute einfach mal.


Eingestellt von marxelinho am 19. März 2016.
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