18. Februar 2013

Viertelstündchen

In meinen Jahren in Wien wurde ich mit einem Kulturgut des Fußballs vertraut gemacht, an das ich mich dieser Tage bei Hertha verschiedentlich erinnert fühle: die sogenannte Rapid-Viertelstunde zählt zu den unverbrüchlichen Hoffnungen jedes Anhängers des Wiener Clubs. Sie wird in der Regel eigens eingeklatscht, und bringt dann, wenn das noch notwendig ist, das große Comeback. Ob Rapid das heute noch regelmäßig auf dem Platz bekommt, was sich mit seiner Viertelstunde verbindet (Willenskraft, Wundermacht, Wendepunkte), das weiß ich nicht so genau. Aber auf jeden Fall können wir beobachten, dass Hertha BSC in dieser Rückrunde der zweiten Liga dort weitermacht, wo schon im Herbst vielfach das Wesentliche geschah: die Spiele werden oft erst hinten heraus interessant, je näher es dem Ende zugeht, desto gefährlicher wird die Mannschaft von Jos Luhukay.
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Wobei es nicht immer leicht ist, sich ungebrochen darüber zu freuen. Denn allzu schnöde erscheint doch der Pragmatismus, mit dem im Derby gegen Union ein Rückstand von 0:2 noch gedreht wurde (Kopfball von Ramos nach Corner, Freistoß von Ronny über die Mauer), und fast schon zynisch könnte einem der Siegestreffer gegen Aalen vorkommen, nach fadem Spiel auf tiefem Acker reichte eine einzige Beschleunigung, eine vernünftige Kontraktion, um Ndjeng (dem dieser Move gehörte) in Position zu bringen.
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Drei Punkte im Sack, zehn vor dem FCK, Lichtjahre Vorsprung auf den vierten Platz. Hertha könnte diskret mit den Planungen für die erste Liga beginnen, doch zu weit scheint dieses Team davon entfernt zu sein. Es bewegt sich durch die zweite Liga, als gehörte es auch nicht ganz dazu, als wären da eigene Gesetze am Werk, die Hertha-Spiele nicht in zwei Halbzeiten, sondern in sechs Sechstel unterteilen, von denen nur das letzte wichtig ist.
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Gegen Aalen konnte Alfredo Morales wieder einmal andeuten, dass mit ihm noch zu rechnen sein könnte - doch wofür? Hertha steckt in der Zone fest, der Kader reicht anscheinend für einen ungefährdeten Wiederaufstieg, doch enthält er nur beschränkt Perspektive. Der Coach moderiert weiterhin weise über die neuralgischen Punkte hinweg. Hubnik scheint damit zu rechnen, dass der Wiederaufstieg seine Ausgangslage verbessern wird (Brooks überzeugt in Wahrheit ja nur bedingt); Lasogga wird die Rückrunde so geduldig nicht aussitzen. Ben-Hatira sollte gegen den FCK schon wieder zur ersten Elf gehören. Ronninho ist weit von einem großen Fußballer entfernt, mag in der gegenwärtigen Situation jedoch als solcher erscheinen und sich als solcher fühlen.
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Der beste Moment im Derby kam neben dem Spielfeld: nach seinem Tor lief der Brasilianer nach draußen, befand sich aber plötzlich im Schnee, und reagierte, als wäre er auf einem Planeten mit veränderter Schwerkraft. Groteskes Hinfallen, leichte Verletzung, komisches Intermezzo. Sehr schön. Hertha kann ja doch unterhaltsam sein.


Eingestellt von marxelinho am 18. Februar 2013.
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