26. September 2004

Vogelschau

Das Glück ist ein Vogerl, sagt man in Österreich. Vor einer Stunde ist das Vogerl durch das Hamburger Volksglückstadion geflogen, hat zwischen Niko Kovac und Michael Hartmann ein wenig tiriliert, wodurch der Ball zu einem HSV-Mann kam, der allein war und in den Strafraum spielte, wo Takahara sich so in Position brachte, daß der Ball ins Tor sprang, und das Vogerl auf seinem Knie landen konnte. Das war es mit dem 1:2 aus Sicht der Hertha. Wenn du Pech hast, hast du Glück auch keins - auch das wissen die Österreicher.

Aber war es wirklich Glück, das die Entscheidung brachte? Falko Götz hat diese Auffassung plausibel vertreten im Premiere-Studio, und Toppmöller hat ihm das konzediert, denn es war tatsächlich keine schlechte Leistung der Hertha. Unausgesprochen blieb, daß der wahrscheinlichste und am wenigsten ungerechte Ausgang dieses Spiel ein 1:1 gewesen wäre, mit dem kein Team eine Freude gehabt hätte.

Denn die Hertha war zwar feldüberlegen in vielen Passagen, aber sie hatte keine große Durchschlagskraft, und Bobic ist unter den glücklosen Stürmern noch derjenige, der sein Pech redlich verdient - ich wiederhole mich. Die Aufstellung empfanden die Kommentatoren als couragiert - wieso eigentlich? Hinten spielte eine Viererkette, die nur nominell nicht so hieß, weil Fathi im Mittelfeld eingetragen war. Rechts spielte Hartmann, den Götz anscheinend um jeden Preis in der Mannschaft haben will, auch um den Preis einer halbseitigen Lähmung der ganzen Mannschaft. Zentral spielte Kovac - rustikal, da hat der rustikale Fritz von Thurn und Taxis recht.

Bleibt also als Boy Courage nur Müller, der wirklich vielversprechend ist - als er in der zweiten Halbzeit ein wenig nachließ, merkte man aber auch, daß ein Stürmer eben nicht zwei Öltanks ist, und die Varianten entsprechend geringer sind. Ab der 60. Minute hätte ich König Artur gern schon gesehen, neben Bobic, für Gilberto (und Marx für Hartmann).

Die Hertha ist aber noch nicht gut genug, um das Glück zu zwingen. Zu unsanft ist sie nach der wunderbaren ersten Halbzeit gegen Bochum, als sie das Vogerl nicht brauchte, weil sie es selbst war, wieder im Alltag der unteren Tabellenhälfte gelandet. Falko Götz kann überzeugend über die allgemeine Situation sprechen, ich höre ihm gern zu, er artikuliert wie der Trainer einer Hauptstadtmannschaft. Und er baut am Team, man sieht es.

Aber er baut für jeden Beschleuniger einen Verzögerer ein, bisher hat er Dardai durch Kovac ersetzt (Perspektivgewinn: 0%), heute bringt er Hartmann für Marx (-20%). Das Glück in Permanenz wird mit Friedrich, Bastürk, Reina nicht zurückkehren, aber einen Lauf kann diese Mannschaft durchaus einmal bekommen, denn hinten ist sie konsolidiert, und vorne wird Wichniarek bald der Knopf aufgehen - auch das eine österreichische Redensart, soll heißen: der Knoten platzen.

Welches Idiom ist schöner? Jetzt hoffe ich nur noch, daß sich Tim Wiese in der nächsten Runde so blamiert, daß Hertha drei Punkte holt, und Managerhoeneß den Vertrag noch vor der Unterschrift zerreißt. Dann wäre ich glücklich.


Eingestellt von marxelinho am 26. September 2004.
Keine Kommentare