09. Februar 2017

Vom Punkt nicht auf den Punkt gekommen

Wenn es im Fußball ein stehendes K.O. gibt, dann war es am Mittwochabend bei Borussia Dortmund gegen Hertha im Pokal-Achtelfinale zu erleben. Es war allerdings so, dass irgendwie beide Mannschaften bedient waren. 120 Minuten dauerte der Kampf, die letzten zwanzig waren nur noch geprägt von dem Bemühen, über die Zeit zu kommen. So kann Hertha sich immerhin auf die pure Fahne schreiben, eine deutlich hochkarätigere Mannschaft an den Rand der Erschöpfung, und darüber hinaus, getrieben zu haben. Für mehr reichte die Qualität (und die Konzentration) dann allerdings nicht.

Fünf schwache Elfmeter ließen schließlich doch den Favoriten weiterkommen - in ein Viertelfinale gegen die Sportfreunde Lotte. Lustenberger an die Querlatte, Darida in die Ecke, die Bürki aus Freiburg kannte, Esswein zentral und brachial, geht sich gerade so aus, Allagui auf Bürki, der Ball kullert aber über die Linie, und schließlich Kalou: er trifft das Tor nicht. Da waren die enormen Anstrengungen des Bollwerkens dann doch nicht mehr zu kaschieren.

Der Coach hatte das Team an einer Stelle verändert: Stark für Lustenberger im zentralen Mittelfeld, Darida rückte wieder nach vorn auf die Position, die ihm am besten entspricht. Hinten fehlten außen zwei prägende Spieler des Jahrgangs: Weiser und Plattenhardt. Der BVB war in der ersten Halbzeit nicht zwingend, und Hertha bekam Gelegenheiten - in einem Spiel, in dem es endlich wieder einmal vollkommen zulässig war, das Vorgehen ganz und gar auf das auszurichten, was der Gegner so anbietet.

Nach dem Führungstreffer durch Kalou (Vorbereitung durch Stark) war die entscheidende Phase dann die gleich nach der Pause. Da hatte Hertha zehn, fünfzehn Minuten lang Glück, dass ihr das Spiel nicht um die Ohren flog, so phänomenal waren da Passspiel und Laufwege beim BVB. In dieser Phase fehlte es an Geistesgegenwart, besonders deutlich beim (zu) schnellen Ausgleich, als die Schwarzgelben eine ganze Armada am Elferpunkt stehen hatten, aus der Pulisic sich einen aussuchen konnte: es war Reus.

Der Treffer hat eine lange Vorgeschichte, denn bei Hertha gibt es immer wieder Szenen, in denen im Strafraum einfach nicht konsequent genug verteidigt wird, sodass es zu Gegentreffern im zweiten, dritten Ansetzen kommt (vergleiche das Tor von Toprak gegen Leverkusen).

Schieber kam früh, nämlich schon nach einer Stunde, für Ibisevic, bei dem die Reporter inzwischen die torlosen Minuten zu zählen beginnen. Es sind das aber die Minuten der ganzen Mannschaft, die den Mittelstürmer zwingt, sich viel weiter hinten einzubringen, als es seinen Intuitionen und seine Physis zuträglich sein kann. Er zeigt zwar immer wieder ein kluges Kombinationsspiel (in den Ansätzen, auf die Hertha sich derzeit insgesamt beschränkt), aber er kommt kaum in Situationen, in denen er seinen "Riecher" gebrauchen kann.

Bleibt als Ergebnis aus Dortmund die Kompaktheit. Selbst Kalou trug bis zum Ende sein Bestmögliches dazu bei, mit dem Ergebnis, dass ihm beim Elfmeter ein paar Hunderstelpromille Sauerstoff im Hirn gefehlt haben werden. Hertha kann das Gefühl haben, gestärkt in den Ligabetrieb zurückzukehren, auch wenn gegen Schalke die Beine sicher noch tonnenschwer sein werden.

Blauweißer Mann des Spiels: John Brooks. Fiel schon mit dem Kopfball vor der großen Chance von Ibisevic auf, wurde mit jeder Minute sicherer, zum Ende hin der berühmte Turm in der Schlacht.

Stilmittel des Spiels: die Bartra-Pässe. Der Begriff des Packings hatte ja nur ein Turnier lang Konjunktur, gestern zeigte der Spanier, was er kann, wenn er sich konzentriert. Er überwindet immer wieder zwei Linien mit einer Idee. Brooks, Langkamp, Stark, aber vor allem auch die potentiellen Empfänger solcher Pässe (die ja entsprechend irgendwo einlaufen müssen) sollten das studieren. Denn Hertha wird bald wieder auf Gegner treffen, die ihr eine andere Rolle zuweisen als der BVB.



Eingestellt von marxelinho am 9. Februar 2017.
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