19. Februar 2017

Von Pol zu Pol

Ein Spiel wie das von Hertha gestern gegen den FC Bayern lässt man am besten einen Tag liegen, bevor man sich dazu äußert. Denn es hatte ein paar "talking points". Vor allem einen "big (talking) point". Denn Hertha lag bis nach der 95. Minute mit 1:0 in Führung, dann fiel aber doch noch der Ausgleich, und von drei "big points" für die Tabelle blieb nur einer.

Dass zu diesem Zeitpunkt noch gespielt wurde, hatte mit einer unterschiedlich interpretierbaren Anzahl von Unterbrechungen zu tun, und diese hatten wiederum mit der guten Leistung von Hertha zu tun. Ganz anders als gegen Schalke präsentierte sich die Mannschaft höchst lebendig, das Konzept beruhte keineswegs nur auf Einbunkerung, sondern man hat Hertha lange nicht so aktiv spielen gesehen. Die ersten zehn Minuten machte die Mannschaft geradezu das Spiel.

In anderen Fällen kann man ja oft den Eindruck gewinnen, dass das Spielfeld für Hertha von einem eigentümlichen Magnetismus geprägt ist: die Bälle finden mehr oder weniger von selbst immer zu Jarstein und den beiden Innenverteidigern, die gesamte innere Ausrichtung des Spiels geht nach hinten. Dieses Mal aber wusste Hertha, wo das Tor steht. Die zentrale Formation war auch entsprechend ein wenig verändert, Skjelbred spielte weiter vorn als gewohnt, Stark sicherte hinter ihm ab, tauchte aber auch manchmal am Sechzehner auf. Darida komplettierte ein sehr variables Dreieck.

Der Führungstreffer beruhte auf einem Freistoß, bei dem selbst die Zeitlupen nicht genau erkennen ließen, ob Plattenhardt wirklich gefoult worden war. Er brachte den Ball dann vom Punkt so gefährlich an den ersten Pfosten, dass Ibisevic ihn in Manier eines echten Topstürmers verwerten konnte. Der Kapitän arbeitete mit einer Aufopferung, dass man ihm eigentlich abnehmen könnte, dass er schon nach einer Stunde einen Krampf hatte. Es war die erste von zwei einschlägigen Unterbrechungen, die schließlich zu fünf Minuten angezeigter Nachspielzeit führten.

Ich hätte auf vier Minuten getippt, und zwar deswegen, weil Hertha über diese Konzessionen an das enorm strapaziöse Spiel hinaus eigentlich nicht groß auf Zeitgewinn spielte. All die kleinen Tricks, die in solchen Situationen zur Routine gehören, unterblieben, das Spiel war die meiste Zeit höchst lebendig.

Es war toll, wie John Brooks in so einem großen Spiel auch einmal die Herausforderung annahm und sich als künftiger möglicher Kapitän zeigte (oder am Beginn einer internationalen Karriere). Stark hat seinen Vertrag verlängert, er könnte gemeinsam mit Weiser und Plattenhardt, mit dem hoffentlich bis ins Dino-Zoff-Alter spielenden Jarstein, mit Darida und ein paar künftigen Entdeckungen eine Hertha-Generation prägen - wenn das Team nicht nächste Woche wieder in den Trott zurückfällt und sich dem Magnetismus überlässt.

Die Nachspielzeit wurde also mit fünf Minuten angezeigt. Der Coach hatte sich für diese Minuten etwas aufgespart, er hatte zuvor schon Ibisevic den verdienten vorzeitigen Abgang gegeben, nun warteten noch zwei Reservisten. Es ist allerdings bekannt, dass Schiedsrichter dieser bewährten Methode, Zeit von der Uhr zu nehmen, häufig begegnen, indem sie weitere Zeit auf die Uhr laden. Das Foul von Pekarik an Coman geschah just zu Beginn der Nachspielzeit der Nachspielzeit. Kaum ein Referee auf der Welt hätte danach den Freistoß nicht mehr ausführen lassen.

Und da merkte man dann halt doch, dass die Köpfe schon fast leer waren. Nicht nur dem BVB-Boss Watzke, der sich im ZDF entsprechend äußerte, war aufgefallen, dass Robben doch mehr oder weniger unübersehbar da hinter dem Elfer lauerte. Nur von Herthas Spielern auf dem Platz sah es niemand. Das war die eine Naivität, die der großartige Kampf davor mit sich gebracht hatte. Die Bayern feierten einen Last-Minute-Punkt wie einen Sieg - auch darauf kann Hertha stolz sein.

Mit diesem Spiel kann die Rückrunde nun eigentlich so richtig beginnen. Jetzt kommen die Gegner, bei denen es zählt, wie Hertha auftritt und was die Mannschaft herausholt. Es soll auch ein neuer Rasen kommen. Das würde sicher nicht schaden, dann von nun an wird Hertha wieder häufiger das Spiel machen müssen. Dass sie das auch gegen den FC Bayern phasenweise gezeigt hat, dürfen wir als Zeichen für vorsichtigen Optimismus nehmen. Und dieser Punkt könnte am Ende noch einmal viel wert sein.



Eingestellt von marxelinho am 19. Februar 2017.
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