22. November 2014

Wanderarbeit

Mit dieser Länderspielpause hatte es für mich eine doppelte Bewandtnis. Einerseits bin ich voll auf der Seite von Thomas Müller, der nicht verstehen wollte, dass Spiele gegen Gibraltar den europäischen Fußball voranbringen. Andererseits hat Österreich, dessen Nationalteam ich lange Zeit ignoriert habe, vor einer Woche einen schönen Sieg gegen Russland/Putin/Capello errungen, und damit ein insgesamt sehr gutes Jahr zu einem perfekten Ende gebracht. Es folgte dann noch ein Freundschaftsspiel gegen Brasilien, bei dem sich die Mannschaft von Marcel Koller wieder respektabel schlug.

Dann fiel in diese Zeit noch die Aufsehen erregende Stellungnahme von Reinhard Rauball, der einen Austritt der UEFA aus der schon lange vollkommen diskreditierten FIFA anregte. Blöderweise hat die Sache einen Haken: die UEFA ist, jedenfalls unter Platini, nicht viel besser, sie gehört ja inzwischen zur Hälfte der Gazprom.

Vieles verleidet mir den Fußball der Nationen, auch mit dem Fußballweltmeister Deutschland konnte ich nicht lange einverstanden sein. Die Reaktionen der Fans nach den "nur" vier Toren gegen Gibraltar zeigen, dass sich auf das Team von Joachim Löw doch eher Hoffnungen richten, mit deren alltäglichen Umleitungen in den Zeiten, in denen nicht gespielt wird, man lieber nichts zu tun haben möchte.

Der Fußballzwerg Österreich hat auch so seine Erfahrungen mit Nationen, denen gegenüber er als Riese dasteht. Ich erinnere mich an ein Spiel gegen Malta in der Qualifikation für Cordoba 1978.


Damals habe ich das noch ganz und gar unschuldig genossen, so, als gäbe es ein Menschenrecht auf Schützenfeste. Erst allmählich begann ich den Fußball als ein großes Gewebe von Wettbewerbsverzerrungen wahrzunehmen, und damit wurde natürlich alles ein wenig relativ.

Am derzeitigen rotweißroten Arbeitswunderteam aus Wanderarbeitern gefällt mir, dass es ein gutes Verhältnis zu sich und seinen Möglichkeiten hat. Viele Österreicher würden ja wahrscheinlich, vor die Alternative zwischen geduldiger Steigerung der Konkurrenzfähigkeit und ab und zu einem Sensationssieg über eine Großmacht gestellt, die zweitere Variante wählen, also das ewige Cordoba. Marcel Koller ist aber eindeutig für die Variante 1, und das kleine Wunder ist, dass er dafür auch einen Spieler wie Marko Arnautovic gewonnen hat, der lange für die Variante 2 (Genieblitz, Verschnaufpause, Wutfrisur) gelebt hat. Dass ein Zlatko Junuzovich da mitzieht, ist klar, dass ein Martin Stranzl, in dieser Saison vielleicht der attraktivste Verteidiger in der Bundesliga, dafür gar nicht mehr gebraucht wird, eine Marginalie.

Damit habe ich die Überleitung, auf die ich eigentlich hinauswollte. Ab heute wird wieder Liga gespielt, und Jos Luhukay, der Mann, auf den unsere Augen vor allem gerichtet sind, hat nun ein paar Monate Zeit, mit dem ganzen Kader (abzüglich vieler Verletzter und abzüglich Kalou, der zum Afrika Cup fahren wird) kontinuierlich zu arbeiten. Es sind, das kann man ohne Dramatisierung sagen, die Monate, in denen sich seine Zukunft bei Hertha entscheiden muss. Denn er muss jetzt zeigen, dass er mit dem Personal etwas anfangen kann, dass er in der Lage ist, eine Mannschaft zu finden, die strukturiert kämpft, ihre Talente entfaltet, und Charakter entwickelt.

Der 1. FC Köln ist ein Gegner auf Augenhöhe, einer von zweien neben vier sehr starken, die vor Weihnachten noch auf dem Programm stehen. Für das Spiel in Gladbach habe ich eine Karte besorgt, das wird dann meine letzte Fußballfahrt in diesem Jahr. Heute wird darum gespielt, dass dann nicht schon Abstiegskampf ist.



Eingestellt von marxelinho am 22. November 2014.
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