02. Februar 2014

Warten auf die Barbaren

Das war ein interessanter Morgen gestern, als Fans mit Hilfe der "sozialen" Medien allmählich ein paar Informationen zusammentrugen, die uns erlaubten, den Deal von Hertha mit KKR besser zu verstehen. Da war nämlich noch eine Menge zu tun. Um es ganz deutlich zu sagen: Die Pressemeldung von Freitag war eigentlich eine teilweise Irreführung, und auch jetzt, nachdem der Geschäftsführer Finanzen in kleinen Dosen mehr dazu hat verlauten lassen, sind viele, wenn nicht die wichtigsten Fragen noch offen.

Dazu müssen wir uns allerdings auch eines vergegenwärtigen: Die finanzielle Situation von Hertha war extrem problematisch, und sie bleibt für meine Begriffe auch weiterhin schwierig, auch wenn durch das Investment von KKR der Spielraum wächst. Was in der mehr als vagen Meldung vom Freitag unklar war, am Samstag dann aber erkennbar wurde: Hertha wird keineswegs entschuldet, sondern schuldet um. "Der Club ist aller Schulden, ääh, ledig", sagt der Moderator im Inforadio, bevor er die erste Frage an Schiller stellt. Was dann folgt, ist eher PR als Journalismus.

Bilanzrechtlich hat Schiller sicher recht, wenn er sagt, dass Hertha nun ein "deutlich positives Eigenkapital" haben wird, was vor allem auch für die DFL von Belang ist. Wo aber sind die Schulden hin? Sie sind noch da. Hertha wird, wenn ich alles richtig verstehe (und man muss sich hier wirklich alles wie bei einem Puzzle zusammensuchen), die bisher bei Banken bestehenden Außenstände nun zu deutlich besseren Konditionen bei KKR abstottern. Bezahlt muss aber trotzdem werden, es sei denn, es ist von vornherein vereinbart worden, dass KKR in sieben Jahren ein Drittel der KGaA besitzen wird. Dann fragt sich allerdings, ob der Gegenwert für diese Anteile die abgelösten Kredite sind (die dann tatsächlich nicht bezahlt werden müssten), oder nur die Zinsen, die Hertha sich erspart.

Bei all dem ist ja nach wie vor die Frage, wie KKR jemals an seine Rendite kommen will. Es stimmt, dass es sich hier nicht um ein "leveraged buyout" handelt, also um einen Einstieg, bei dem dem Club oder dem Unternehmen gleich noch die Schulden für die Übernahme aufgebürdet werden. KKR zählt nun einmal zu den Pionieren dieser Geschäftsform, die in der Regel für die Unternehmen extrem von Nachteil ist. Ein berühmtes Sachbuch mit dem Titel Barbarians at the Gate enthält dazu Wesentliches, es offeriert auch eine andere Metapher als die von den Heuschrecken. Allerdings keine erbaulichere.

Wie gesagt, es sieht nicht so aus, als wäre für Hertha ähnliches zu befürchten. Doch bleibt als große Ungewissheit das, worüber Schiller schweigt, auch deswegen, weil er nicht beharrlich danach gefragt wird: Gibt es konkrete Vereinbarungen betreffend das Ende der Zusammenarbeit von Hertha und KKR in voraussichtlich sieben Jahren? Was wäre, wenn die erhoffte Wertsteigerung von Hertha bis dahin nicht in dem Maß eintritt, die das Investment für KKR profitabel macht? Gibt es eine "exit strategy", für die Hertha dann doch aufkommen müsste? Es könnte dann durchaus verspätet doch noch zu einem "leveraged buyout" kommen, allerdings in die umgekehrte Richtung, wenn Hertha nämlich die KKR-Anteile zurückkaufen müsste, was nicht ohne neue Schulden gehen würde.

Wie gesagt, wir müssten nicht so viel herumspekulieren, wenn Geschäftsführer Schiller den Deal besser erklären würde. Der größere Teil der optimistischen Annahmen, auf denen er zweifellos beruht, ist dabei plausibel, vor allem der generelle Trend der Bundesliga insgesamt; dass Herthas Nachwuchsarbeit immer wieder genannt wird, halte ich eher für Rhetorik, denn die ist gut, aber keineswegs lukrativ, es sei denn, man rechnet seit den Boateng-Brüdern.

Viele Fans hoffen nun, dass das frische Geld (es floss ja auch ein "signing fee") dazu dienen könnte, Adrián Ramos ein Angebot zu machen, das dieser einem konkurrierenden des BVB vorziehen würde. Mal sehen, wie sich das entwickelt. Gegen Nürnberg wird sich heute Nachmittag dann ohnehin zeigen, dass die tolle Perspektive der Bundesliga es auch mit sich bringt, dass es keine leichte Gegner mehr gibt. Soll heißen: der Wettbewerb ist ungeheuer dicht, und Hertha kann sich daraus keineswegs durch Kapitalzufuhr verabschieden.

Das gelingt ja nicht einmal dem FCB, auch wenn mit Eintracht Frankfurt heute zum ersten Mal eine Mannschaft ein paar zentrale Spieler zu Hause lässt, weil es im Freispiel der Siebzehnerliga um nichts geht. Aber der monumentale Erfolg des FCB beruht ja auch auf anderen Formen des Investments: Audi und Adidas sind andere Partner als KKR.


Eingestellt von marxelinho am 2. Februar 2014.
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