17. Dezember 2005

Winterdepression

Ich war einer von den 15603 Unentwegten, die am Donnerstag ins Olympiastadion gingen, um sich das 0:0 zwischen Hertha und Steaua Bukarest anzusehen. Das Ticket hatte 25 Euro gekostet, die als Direktsubvention für einen desolaten Club aufzufassen sind, denn ein Gegenwert wurde nicht erbracht. Nach ein, zwei schnellen Angriffen zu Beginn ordneten Gilberto und Niko Kovac mit ein, zwei präzisen Fehlpässen das Spiel der Hertha auf dem üblichen Level in diesem Herbst ein: Sie steckt fest, sie kommt nicht voran, sie plagt sich lustlos ab, sie hat kein Glück, sie hat aber auch keinen Stolz.

Und so hat sie sich mit sechs Punkten und einer Tordifferenz von 1:0 in das Sechzehntelfinale des Uefacups gerettet, in dem sie im Februar gegen Rapid Bukarest antreten muß - diese Auslosung erscheint adäquat nach den freudlosen Vorstellungen gegen Lens und Bukarest. Interessanterweise ist das Olympiastadion, wenn nur wenige Besucher da sind, ein recht intimer Ort. Die Spieler bekommen viel direkter mit, wie die Fans leiden, als wenn 40.000 da sind. Gilberto war mehrmals der Urheber eines kollektiven Aufstöhnens, gegen Ende haderte er dann schon deutlich mit den Umständen - seine Leistung war aber auch zunehmend blamabel, und es waren nicht die Jungen (Chahed, Boateng, Dejagah), die am Donnerstag ausfielen, sondern die Leistungsträger.

Die Hertha hatte es mit den treuen Fans zu tun, die nicht auf Gewinnmitnahmen aus sind, sondern an einer langfristigen Entwicklung der Mannschaft interessiert sind. Das Team hat in diesem Herbst vor allem gegen diese Fanbasis gespielt, hat sie zweimal zynisch vor den Kopf gestoßen - einige Spieler wirken, als wären sie immer noch beleidigt über den Punkt, den sie am Ende der letzten Saison nicht gemacht haben. Weil aber auch die Umstände vertrackt sind (Bastürk schon wieder verletzt, die Innenverteidigung vor einem kompletten Neubeginn, Kovac immer nach dem Spiel klüger als auf dem Feld, Stürmerproblem virulent wie seit Jahren, Marcelinho und Gilberto konfus), muß der Coach, der alte Zauderer, früher auf die kommende Hertha vorgreifen, als es ihm lieb ist: Ich hoffe nur, daß mit den jungen Talenten nun auch gearbeitet wird.

Boateng hat gegen Steaua gezeigt, daß man ihn auch überfordern kann - auf der rechten Seite geriet er in viele unproduktive Zweikämpfe, verlor die Bälle und kam selten dazu, sein schnelles Paßspiel aufzuziehen. Ich würde ihn gern einmal auf der Marcelinho-Position sehen, vielleicht ja schon morgen gegen Nürnberg, wenn der Brasilianer gesperrt ist. Vermutlich wird der Coach aber stattdessen den limitierten Neuendorf bringen, der uns mit seinem indirekten Tor in Göteborg nach Bukarest genudelt hat. Was für eine Saison!


Eingestellt von marxelinho am 17. Dezember 2005.
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