28. Oktober 2013

Zulaufarbeit

Die Begegnungen mit dem FC Bayern sind immer so etwas wie Indikatoren "historischer" Prozesse. 2008, im Jahre Favre 2, das bisher in vielerlei Hinsicht diesem Jahr Luhukay 2 vergleichbar ist, kam das Auswärtsspiel zu früh: dritte Runde, Ende August, Favre experimentierte sinnlos mit einer Dreierkette, schon zur Pause stand es 0:3. Seither sind fünf Jahre vergangen - was in so einer Zeit alles passieren kann! Bei Bayern saß damals noch Klinsmann auf der Bank, Ottl spielte im defensiven Mittelfeld, auch dort gab es in diesen fünf Jahren so manche Konfusion. Hertha ging zweimal eine Etage tiefer, und war nun doch an diesem Wochenende ein Gegner, der sich gegen die Pep-Bayern achtbar schlug. 2:3 ging das Spiel verloren, es gab noch eine Reihe weiterer Chancen, wenn es jemals eine Niederlage gab, auf die man stolz sein kann, dann zählt diese dazu.

Bayern gewann durch drei Kopfballtreffer, die alle schwer, aber nicht unmöglich zu verteidigen gewesen wären, ging aber auch durch einen solchen von Ramos schon nach vier Minuten in Führung. Gern würde ich einen Blick in jenes benachbarte Universum tun, in dem Ben-Hatira den Lupfer nach neun Minuten vielleicht unter die Latte und ins Tor gesetzt hat - wie dort wohl das Spiel weiterging? Hertha hatte ein Konzept gegen eine nicht ganz so dominant wie gegen Leverkusen auftretende Bayern-Mannschaft, aber auch dieses Konzept stand unter dem Vorbehalt, dass das Wort Matchplan sich gegen die Elf von Guardiola meistens auf Makulatur reimt. Angesichts dessen muss die Leistung um so höher bewertet werden - nach dem 1:3 nicht einzubrechen, sondern einen Anschlusstreffer zu erzielen, das zeugt von Selbstbewusstsein und Gelassenheit.

Selbst im RBB-Sportplatz wurde die Laufarbeit der Mannschaft hervorgehoben, eine intensive, kleinteilige Zulaufarbeit, wenn man genau ist; eine Laufarbeit, die der FCB genauso verrichtet, allerdings mit stärker offensiver Charakteristik natürlich - der Pass auf Müller nach zwei Minuten war dafür ein Beleg, es hätte noch vor dem Tor durch Ramos auch 0:1 stehen können. Der Coach hatte Cigerci wieder eine Chance gegeben, auf dem rechten Flügel statt Allagui, de facto als zweiter Bewacher von Ribéry neben Pekarik - eine Rolle, mit der er viel besser zurecht kam, als im spielgestaltenden Zentrum. Dort war Ben-Hatira aktiv, als wuchtiger erster Anläufer, während Ramos sich weiter hinten einbrachte, eingedenk seiner Schnelligkeit nach vorn.

Der beste Herthaner in einer insgesamt im besten Sinne kompakten Mannschaft war für mich Nico Schulz. Es ist großartig, wie er sich allmählich einfindet, wie er seine defensiven Stärken entwickelt, und dabei doch ein echter Winger ist, der mit seinem Antritt Rafinha mehrmals schlecht aussehen ließ. Nach knapp einer halben Stunde zwang Schulz auch Jerome Boateng zu einem Foul, das zumindest als symbolischer Sieg in einem peripheren Duell erscheinen konnte, in der Auseinandersetzung um die Entwicklung von Spielern nämlich. Die in Berlin nicht integrierbaren Boateng-Brüder überschatten inzwischen nicht mehr alles.

Michael Preetz hat die Gunst der Stunde genützt und seinen Vertrag bis 2017 verlängert. Das ist aus seiner Warte plausibel, und auch unter dem Aspekt der erhofften langjährigen, vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Luhukay. Ich finde trotzdem, es hätte ihm gut angestanden, noch ein bisschen zu warten. Denn es ist ja nicht so, dass er unter dem riesigen Druck stünde, Angebote von besseren Clubs auschlagen zu müssen. Er hat Hertha durch eine einzige kluge Personalentscheidung aus dem Gröbsten herausgeführt, nun muss er diskret, aber auch kompetent daran arbeiten, Hertha von Luhukay unabhängig zu machen. Der Coach ist gut, ich liebe ihn genauso, wie wohl alle anderen Hertha-Fans zur Zeit. Doch wissen wir aus dem Jahr Favre 2, dass ein starker, erfolgreicher Trainer manchmal auch seine eigene Demontage in sich trägt. Und ob Preetz für so einen Fall schon gerüstet ist?

Die Personalie Skjelbred könnte in die Richtung weisen, dass er es ist. Wir wissen nicht, wer auf diese Verpflichtung stärker drängte, ob es der Coach war oder sogar das Scouting (hat Hertha eines? man merkt im Moment nicht viel, bisher reicht das Arbeitsgedächnis von Luhukay), aber der Norweger, laufstärkster Herthaner am Samstag, ist ein Gewinn, auch er eine Identifikationsfigur in einer Mannschaft, die durch Professionalität überzeugt. Nach dem euphorisierenden ersten Spiel habe ich hier geschrieben: Hertha hat Kontakt zum modernen Fußball, und zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten bin ich mit jedem Spieler im Team einverstanden (es gibt keinen Niko Kovac, keinen Postenverwalter, der wegen Status aufgestellt wird). Nach dem Bayern-Spiel trifft das noch mehr zu. Das macht diese Saison Luhukay 2 so super, und das lässt auch hoffen, dass eine Erfahrung wie Favre 3 sich nicht wiederholen wird.


Eingestellt von marxelinho am 28. Oktober 2013.
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