03. Mai 2017

Der Spezialist

Eine halbe Ewigkeit ist es schon wieder her, da wollte Arsène Wenger sich nach der Länderspielpause erklären. Die Pleiten gegen Chelsea, Liverpool und Bayern waren noch frisch im Gedächtnis, und eigentlich wäre derzeit wenig wichtiger für den FC Arsenal als ein Signal, wie es mit dem Club und dem Manager weitergeht. Es kommt nur nicht. Weder von Wenger noch von Arsenal ist auch nur ein Mucks zu vernehmen, wie es weitergehen soll.

Derweil neigt sich die Saison dem Ende zu, und die Gelegenheiten werden weniger, anlässlich derer sich eine Vertragsverlängerung mit Wenger noch halbwegs verkaufen ließe. Der Heimsieg gegen Leicester war zu dürftig, um daraus irgendwelche Ansprüche ableiten zu können, und schon wenige Tage darauf folgte mit der Niederlage im Derby gegen Tottenham Hotspur die relevante Standortbestimmung. Arsenal war nicht konkurrenzfähig.

Es fällt immer schwerer, das hartnäckige Gerücht zu glauben, dass Wenger in Wahrheit seinen Vertrag schon um zwei Jahren verlängert habe. Es wäre jedenfalls schwer zu vermitteln. Die Mannschaft spielt wie unter Vorbehalt, egal, ob man sie in irgendeiner Form in irgendetwas eingeweiht hat oder - was wahrscheinlicher ist - dass sie auch nichts weiß.

Arsenal stehen nun noch zwei Termine bevor, mit denen Klärungen einher gehen: in drei Wochen endet die Liga, dann steht fest, ob zum ersten Mal unter Wenger die Qualifikation für die Champions League verfehlt wurde. Platz 4 ist noch nicht vollständig abzuschreiben, das hat aber vor allem damit zu tun, dass die beiden Clubs aus Manchester eine schwache Saison spielen. Beide kann man natürlich auch als ein Indiz dafür sehen, dass ein Trainerwechsel eine Menge durcheinander bringen kann.

Ende Mai spielt Arsenal dann im FA Cup-Finale gegen Chelsea. Wenn bis dorthin alles offen bleibt, dann wird das in jeder Hinsicht ein Münzwurfmoment: Wenger könnte einen Sieg sowohl zum Anlass nehmen, die Fortsetzung seiner Arbeit in Angriff zu nehmen, als auch zu einem Abgang in Würde. In jedem Fall wäre das dann schon reichlich spät für eine Weichenstellung für die neue Saison.

Die deutliche Niederlage von Atletico Madrid im Semifinalhinspiel gestern gegen Real Madrid sehe ich dabei in einem Zusammenhang, in den auch Arsenal gehört. Denn für Diego Simeone deutet sich damit doch an, dass sein Vorhaben mit Atleti an einen markanten Punkt gelangt ist: er kann nun entweder einen neuen Zyklus ins Visier nehmen (bei Wenger sagte man immer, und nur bei ihm, glaube ich: eine neue Mannschaft aufbauen). Oder er kann zu einem anderen Club gehen.

Ich sage nicht, dass das Arsenal sein muss. Aber es wird doch ein unüblich interessanter Sommer werden, was die Toppositionen in Europa anlangt. Barcelona ist vakant, beim FC Bayern könnte durchaus etwas passieren, Arsenal sollte etwas Neues versuchen. Die denkbaren Revirements hängen alle miteinander zusammen. Aber nur für Arsenal geht es dabei darum, dass der Club überhaupt das Standing bewahrt, das ihn für Toptrainer zu einer interessanten Adresse macht.

Die finanziellen Bedingungen und die Standortfaktoren (die Liga, die Stadt, das Stadion, die globale Fanbase) sind eigentlich exzellent - auch vor diesem Hintergrund muss man die Stagnation unter Wenger sehen, die inzwischen deutlich ein Niedergang geworden ist. Als er seinerzeit geholt wurde, war er eine Wildcard. Inzwischen ist die Trainerfrage für Topclubs zu einem fast unlösbaren Rätsel geworden. Das sieht man am Beispiel der Bayern, die mit Ancellotti alles richtig gemacht haben, und doch ging die Sache schief.

Aber auch vor diesem Hintergrund kann man nicht übersehen, dass das Modell Wenger bei Arsenal auch über die Person des Managers hinaus unzeitgemäß geworden ist. Ein derartiges Maß an Monopolisierung von Kompetenz (ich verwende das Wort hier strikt im formalen Sinn) ist eigentlich ein Wahnsinn. Allerdings wäre der Fußball viel weniger interessant, wenn er nicht gerade auch auf der Topebene von solchen grotesken Dysfunktionalitäten geprägt wäre, wie sie derzeit eben leider vor allem Arsenal zeigt.

Am Sonntag trifft Arsenal auf Manchester United, und damit auf einen Trainer, der Wenger einmal bescheinigt hat, er wäre ein "Experte im Versagen" ("specialist in failure"). Der Spezialist ist in Wirklichkeit natürlich ein Generalist des Versagens, denn er prägt inzwischen den Niedergang Arsenals auf so vielen Ebenen, dass man ihn de facto gleich mehrfach kündigen müsste. Das macht aber umgekehrt die Aufgabe einer Neuaufstellung von Arsenal so groß, dass am Ende sogar die schlechteste Lösung kommen könnte: mehr vom Selben.



Eingestellt von marxelinho am 03. Mai 2017.
0 Kommentare

Kommentieren


08. März 2017

Die Wolken des Nichtwissens

Am Ende hatte Arsène Wenger sogar noch einmal berechtigten Grund zur Klage: Das zweite 1:5 gegen den FC Bayern, im Rück- und Heimspiel im Achtelfinale der Champions League, fand unter irregulären Bedingungen statt. Den Elfmeter zum Ausgleich, die rote Karte gegen Koscielny hätte es nicht geben dürfen, weil Lewandowski sich vor dieser Aktion im Abseits befunden hatte. Es war zu Beginn der zweiten Halbzeit. Arsenal führte mit 1:0, Gesamt 2:5. Noch war nicht alle Hoffnung perdu, wie schon im Hinspiel ging dann ohne Koscielny alles den Bach hinunter.

2:10, eine Ziffer für die Geschichtsbücher, die man aber hoffentlich künftig vor allem mit einem Umstand in Zusammenhang sehen wird: das Ende der Ära Wenger bei Arsenal. Es ist überfällig, und zwar nicht erst seit einigen Wochen. Wenn man als Fan in ein Champions League-Viertelfinale geht, ohne sich an einen Strohhalm zu klammern, wie man das doch sonst immer tut, dann hat das eine Vorgeschichte.

Und die Vorgeschichte ist in diesem Fall der lange Niedergang von Arsene Wenger, konkret aber ist es für mich ein Spiel: Anfang Februar hatte Arsenal gegen Chelsea einen so kläglichen Auftritt, dass auch noch dem letzten Anhänger des "wissenden" Arsène klar gewesen sein müsste, dass das ein alter und nicht mehr tragbarer Hut geworden ist: Arsene knows nämlich nichts. Er weiß nicht mehr, wie man eine Mannschaft einstellt, er weiß nicht, was einen guten von einem mediokren Spieler unterscheidet, er weiß nicht, worauf es im modernen Fußball ankommt. Er lebt von seinem Mythos, und er lebt immer schlechter davon.

Es ist verständlich, dass ein großer Mann in Würde gehen will, und nachdem ihm bei Arsenal niemand die Entscheidung abnimmt, obwohl sie längst fällig wäre, müssen wir da eben noch durch, bis es nicht mehr anders geht. Das 2:10 sollte hoffentlich der Fingerzeig gewesen sein, dem sich niemand mehr verschließen kann bei einem zunehmend dysfunktionalen Club. Denn unter normalen Umständen müsste man jetzt über einen Trainerwechsel nachdenken, und nicht erst zum Saisonende, wenn vielleicht auch die Champions League-Teilnahme der kommenden Saison verspielt ist.

Arsenal befindet sich im Besitz zweier Magnaten, die einander nicht leiden können. Stan Kroenke hat bisher wenig Interesse an der sportlichen Seite des Betriebs gezeigt. Das dritte Drittel, mit dem er wenig bewegen kann, gehört Alischer Usmanow, einer der übelsten Figuren aus dem postsowjetischen Räubernetzwerk. Das sind Eigentumsverhältnisse, die einen ohnehin schon die ganze Zeit zu mächtigen Abstraktionsleistungen zwingen, dazu gehört ein englisches Gentlemen's-Board, dem man eher die Aufsicht über eine Dog Show anvertrauen würde als einen Fußballclub, der mit seinen Rahmenbedingungen eigentlich zur Weltspitze gehören sollte, der aber so geführt wird, dass er es schon lange nicht mehr unter die letzten 8 in der Champions League schafft.

Arsenal hat also nicht nur ein Trainerproblem, sondern ein episches Strukturproblem. Und auf dieser Ebene ist die Sache schon wieder spannend, denn vermutlich wird sogar ein Weiterkommen im FA Cup (gegen den Non League-Club Lincoln City am Samstag) schon wieder so viel Normalität in den Betrieb pumpen, dass man sich über das größere Ganze wieder Illusionen machen kann.

Wenger will sich angeblich nach der Länderspielpause erklären. Es ist zu hoffen, dass der FC Bayern ihm den Weg deutlich gewiesen hat. Da allerdings Starrsinn eine seiner auffälligsten Eigenschaften ist (und er bei Arsenal als absoluter Alleinherrscher auch in einer Blase lebt), könnte es genausogut sein, dass er versucht, sich an der Fehlentscheidung vom Dienstag wieder aufzurichten. Die viel gigantischere wäre es aber, wenn er Arsenal noch länger mit seiner vergeblichen Suche nach einem starken Abgang behindern würde. Den FA-Cup 2017 kann er ja trotzdem noch gewinnen. Es wäre nicht einmal ein Trostpreis angesichts der verlorenen Jahre.


Eingestellt von marxelinho am 08. März 2017.
0 Kommentare

Kommentieren


16. Februar 2017

Das schwächste Glied sitzt auf der Bank

Gestern habe ich wieder einmal eine Regel verletzt, die ich mir vor einem Jahr verordnet habe: no second screen. Soll heißen: während ich ein Fußballspiel schaue, habe ich kein Telefon bei der Hand, lese ich keinen Twitter-Feed mit, und vor allem schicke ich auch keine Botschaften in die Welt hinaus. Das Debakel von Arsenal vom FC Bayern hat mich aber so mitgenommen, dass ich doch einen Vorschlag loswerden wollte: ich wäre sehr dafür, Arsène Wenger zu feuern. Das ist zwar absolut undenkbar, und wäre auch ein sehr unrühmliches Ende seiner großen Karriere bei Arsenal.

Aber wäre es nicht doch eine Überlegung wert angesichts des Umstands, dass Arsenal zum Ende von Wengers langem Niedergang (er begann für meine Begriffe 2008 oder, in einer gewissen Optik, auch schon 2006 mit dem CL-Finale gegen Barcelona) Gefahr läuft, sämtliche Saisonziele zu verfehlen - also auch die Teilnahme an der nächsten CL. Dieses Jahr ist nach dem 1:5 von gestern ja wieder einmal im März Schluss.

In der Allianz-Arena kam alles zusammen, was sich über viele Monate kurzfristig und über viele Jahre langfristig entwickelt hat: Arsenal ist in keinerlei Hinsicht mit der Elite konkurrenzfähig. Die Gegentore waren so etwas wie ein Katalog der Nachlässigkeiten, mit denen Wenger sich seit langem arrangiert hat: Robben zieht nach innen, Coquelin spekuliert auf dessen rechten Fuß, und öffnet ihm die Bahn für den linken, der bekanntlich eine Waffe ist. Coquelin ist so etwas wie Wengers Müller: Coquelin spielt immer. Allerdings aus den falschen Gründen.

Es ist natürlich hart, einen durchschnittlichen Fußballer, den die konzeptuelle Trägheit von Wenger zu einem Stammspieler auf einer neuralgischen Position werden ließ, mit Patrick Vieira oder auch nur Arturo Vidal zu vergleichen, aber gestern schien Wenger ja selber eine Ahnung von den Defiziten zu haben. Anders ist kaum zu erklären, dass Oxlade-Chamberlain den Auftrag hatte, defensiv mit Coquelin und Xhaka eine Dreierkette zu bilden. Das führte ganz spät zu der Situation, dass der Ox vor dem eigenen Strafraum einen Ball nicht verarbeiten konnte, was zum 1:5 führte.

Es brachte aber auch mit sich, dass die gesamte Defensivarbeit von Arsenal aus dem Lot war, ohne dass Thiago im überladenen Zentrum dadurch gestört worden wäre oder auch nur Xabi Alonso, der den Pass vor dem 1:3 spielte. Die Flügel gehörten sowieso den Bayern, wobei der linke nicht so auffiel, weil rechts halt die Post abging. Alex Iwobi schätze ich sehr, aber er bräuchte längst eine Pause. Sanchez ist viel besser, wenn er von außen kommt, aber Wenger weigert sich schon das ganze Jahr hindurch, mit einem Mittelstürmer zu spielen. Dabei steht derzeit auch der famose Danny Welbeck wieder zur Verfügung.

Der Kader von Arsenal enthält viel Qualität, allerdings mangelt es an entscheidenden Stellen: Shkodran Mustafi, der eine Menge Geld gekostet hat, ist just another BFG, der sich pro Spiel gerade die zwei, drei Mal abkochen lässt, die dann meistens den negativen Unterschied ausmachen. Koscielny, der einzige Klassemann für die Innenverteidigung, schied gegen Bayern nach der Pause verletzt aus, danach begann das Desaster erst so richtig desaströs zu werden.

Wenn man gesehen hat, wie absolut ratlos Arsenal erst neulich gegen Chelsea war, sie sehr die Mannschaft in der Liga an Autorität eingebüßt hat (ohne drei skandalöse, spielentscheidende Fehlentscheidungen jeweils in der Nachspielzeit stünde Arsenal auf Platz 7), dann kann man sich nur wunder darübern, dass Wenger neulich ein neuer Zweijahresvertrag angeboten wurde.

Und damit komme ich zu der Bilanz des gestrigen Abends: Arsenal spielt schon lange so, dass ich mich im Grunde über Siege nicht mehr freuen kann, weil sie den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Der Club ist auf allen Ebenen von massiven Dysfunktionalitäten geprägt. Allerdings ist er erst dieses Jahr in eine Situation geraten, in der die exzellenten Voraussetzungen (die in den nuller Jahren geschaffen wurden) so richtig in großem Stil verspielt werden könnten. Die Niederlage gegen Bayern, die nichts anderes war als ein Offenbarungseid, sollte nun zumindest darüber Klarheit geschaffen haben, dass es nicht einfach so weitergehen kann.

Der depressive Mesut Özil und der zornige Alexis Sanchez werden sich das jedenfalls nicht mehr lange anschauen. Aber das Board wird vermutlich Wenger das Vertrauen aussprechen, dass er rund um Coquelin eine neue, junge Mannschaft entwerfen kann.


Eingestellt von marxelinho am 16. Februar 2017.
0 Kommentare

Kommentieren


09. Januar 2017

Der Weltstar und die Vertrauensfrage

Mesut Özil hat dem Kicker ein Interview gegeben, in dem er sich einmal mehr als Musterprofi zeigt. Die kleine Kontroverse, die das Fachblatt aus Franken nebenbei um seinen Status als Weltklassespieler inszeniert hat, mit Lothar Matthäus als Advokat des Teufels, können wir getrost beiseite lassen. Mich interessiert natürlich in erster Linie, was Özil über seine Pläne verlauten lässt: Will er bei Arsenal verlängern?

Die Antwort hat es in sich. Sie enthält nämlich eine sogenannte Junktimierung. Özil kann sich vorstellen, auch nach der Sommerpause 2018 für Arsenal zu spielen. Allerdings unter einer Voraussetzung: dass Arsène Wenger auch dann noch sein Trainer ist. Dessen Vertrag läuft aber nur noch bis zum Ende dieser Saison, und der Elsässer ist narzisstisch genug, sich bisher nicht zu erklären. Die Führungsspitze bei Arsenal (soweit man von einer solchen sprechen kann) wartet ihrerseits ab.

Özil war es vermutlich nicht bewusst, dass er dem Verein, der ihn halten will, damit das ohnehin auch so schon kaum lösbare Dilemma vor Augen führt, das der langjährige Trainer verkörpert. Er ist ja längst mehr als das: eine Symbolfigur, ein Mythos, auf den zwar in der Regel nur noch mäßig informierte Fernsehkommentatoren etwas geben, aber eben auch jemand, von dem jemand wie Özil das "Vertrauen" bekommen kann, das er so braucht. Er braucht wohl auch, als Weltstar, eine große Persönlichkeit als Gegenüber.

Könnte Mesut Özil von außen auf den Fußball von Arsenal schauen, dann würde er alerdings vielleicht erkennen, dass die Probleme auch dieser Saison wieder sehr viel mit Wenger zu tun haben. Dass der längst mehr ist als ein Trainer, nämlich mehr eine Art Botschafter, hat ja auch eine Kehrseite: Ist er überhaupt in ausreichendem Maß ein Trainer? Also ein Übungsleiter, der Spieler individuell und in Formation besser macht, der eine Mannschaft auf Gegner einstellt, der situativ reagiert?

Man kann mit guten Gründen sagen: Das alles ist Arsène Wenger nicht, jedenfalls nicht in hinreichendem Maß. Zahlreiche Indizien aus der aktuellen Situation zeigen dies deutlich.

Da ist schon einmal seine Einkaufspolitik. Arsenal hat sich vor allem mit Shkodran Mustafi, Granit Xhaka und Lucas Perez verstärkt. Der deutsche Innenverteidiger gilt allgemein als guter Kauf, er hat aber meiner Einschätzung nach ungefähr die Qualität von Gabriel Paulista, ist also keine nennenswerte Verstärkung, sondern eher eine Absicherung auf mittlerem Niveau. Die Talente Holding und Chambers (den man eigentlich bereits abschreiben muss) bleiben auf Distanz zum Team.

Lucas Perez, der wohl vor allem wegen seines Torinstinkts geholt wurde, zeigt sich als mäßige Verstärkung, es fehlt ihm am Dynamik, auch wenn er immer wieder gute Szenen hat. Sie bleiben aber vereinzelt, zumal Wenger ihn erratisch einsetzt.

Das größte Defizit ist aber bei Granit Xhaka zu erkennen. Er sollte ja das jahrelange Manko im zentralen Mittelfeld beheben, wo in der nominellen ersten Elf der Platz hinter Aaron Ramsey vakant war - also eine 6 hinter einer 8. Wenger hat Xhaka aber von Beginn an unter Vorbehalt gestellt, hat fast immer Coquelin neben ihm spielen lassen, und bringt den Schweizer bis heute eher auf der 8, lässt ihn also, um es polemisch zu sagen, von einem eigenen Spieler manndecken. Xhaka wirkt einerseits verunsichert, andererseits auch naiv, seine Standards sind lamentabel, da hilft es kaum, dass er zuletzt mehrfach seine Ballverteilerqualitäten angedeutet hat. Mit Xhaka muss man arbeiten, aber so etwas kann Wenger eindeutig nicht.

Über die Jahre lassen sich die Probleme von Arsenal so deutlich erkennen, dass man sie fast schon mit einem Charakterprofil von Arsène Wenger verbinden kann: die Mannschaft ist in entscheidenden Situationen naiv, es fehlt ihr an alternativen Möglichkeiten, sie spielt seit Jahren das gleiche System (allerdings in diesem Jahr zu häufig ohne Mittelstürmer), kann immer öfter nicht einmal mehr ihre Ballbesitzphilosophie durchsetzen. Ich spreche natürlich von Problemen auf einem hohen Niveau, denn zur Spitzengruppe in der Premier League gehört Arsenal weiterhin. Allerdings ist die Gruppe inzwischen auf fünf oder sechs Mitglieder angewachsen.

Von einer Vertragsverlängerung von Mesut Özil (und Alexis Sanchez) hängt momentan im Grunde ab, ob Arsenal ein Weltclub bleiben kann und will. Für die Trainerfrage bedeutet das nichts Gutes. Ein Neuanfang ist schon lange mehr als überfällig, birgt aber eben enorme Risiken. Jemand wie Lucien Favre, an den ich gelegentlich dachte, wäre vielleicht der extremen Beanspruchung nicht gewachsen. Und das Naturtalent Jürgen Klopp ließ sich Arsenal entgehen.

Eine naheliegende Lösung für das Dilemma kann man wohl ausschließen. Arsène Wenger, der in jeder anderen Hinsicht außer der sportlichen nach wie vor der ideale Arsenal-Trainer ist, müsste seinen eigenen Nachfolger aufbauen. Das ist aber nicht in Sicht. Die Strukturen bei Arsenal, so weit sie von außen durchschaubar sind, sind monolithisch, und bei großen Egos sind konstruktive Lösungen selten.

So haben wir für das kommende Halbjahr eine sehr spannende Konstellation: Özil will Arsenal mit Wenger. Arsenal täte gut daran, endlich die Trainerfrage durch eine Ablöse zu klären. Wenger will niemand wissen lassen, was er will. Ein "recipe for desaster", würde ich meinen. Vielleicht wird Wenger aber auch noch zu einem Münchhausen, und verschafft sich einen starken Abgang. Mit oder ohne Titel, die Situation ist meiner Meinung nach vollkommen klar: Er muss weg. Nicht unbedingt aus dem Club, aber von der Mannschaft.


Eingestellt von marxelinho am 09. Januar 2017.
1 Kommentare

Valdano
meint um 13. Januar 2017 15:47:32

Was für eine tödliche Diagnose: "in jeder anderen Hinsicht außer der sportlichen nach wie vor der ideale Arsenal-Trainer" Gruß von Valdano

Kommentieren


24. November 2016

Äste wachsen selten in den Himmel

Ein Gutes haben die Ergebnisse vom Mittwoch aus der Champions League schon mal sicher: Arsenal kann im Achtelfinale nicht auf den FC Bayern treffen. Denn beide Teams werden ihre Gruppe (in einem Fall: aller Voraussicht nach) auf Platz 2 abschließen. Wobei die Bayern allerdings gerade so ein wenig in Richtung Wunschgegner torkeln. Aber Arsenal wird schon einen Gegner finden, gegen den es sich schön ausscheiden lässt. Dem Baumdiagramm, aus dem das nächste CL-Finale wächst, bekommt bald die ersten Äste.

Das klingt jetzt wohl so, als wäre ich frustriert. Dabei läuft es doch eigentlich gut für die Gunners in diesem Herbst: in der Premier League in der Spitzengruppe, in der Champions League sicher für die Ausscheidungsrunden qualifiziert. Arsène Wenger kann ruhig schlafen, er kann sogar genüsslich die Spekulationen um seine weitere Karriere genießen. Der Vertrag bei Arsenal läuft 2017 aus. Was wird er tun?

Vorerst einmal tut er das, was er schon lange tut: Er lässt Arsenal so ein bisschen treiben. Die Mannschaft funktioniert halbwegs, in den ersten Wochen der Saison lief es phasenweise sogar ganz gut. Mesut Özil sorgte mit ein paar schönen Toren und vielen Pässen für gute Laune. Die Statistiken sahen gut aus. Allerdings hätte Arsenal in der Liga ohne zwei groteske Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern vier Punkte weniger.

Zuletzt gab es drei schwere Spiele, gegen Tottenham, Manchester United und gestern gegen Paris St. German. Arsenal konnte keines der drei gewinnen: in allen Fällen stand es am Ende unentschieden. Das Derby gegen Tottenham war ganz anständig, in Old Trafford war Arsenal schwach, und das Heimspiel gegen die Markenkollegen aus Paris (beide Teams werden von Emirates gesponsert) war alles andere als souverän.

Diese wegweisenden Spiele haben klar gemacht, dass Wenger die Probleme, mit denen Arsenal in die Saison gegangen ist, nicht wirklich gelöst hat. Das erste betrifft die Innenverteidigung. Neben Laurent Koscielny war ein Platz frei, nachdem Per Mertesacker sich langfristig verletzt hatte (von ihm aber noch eine volle, verlässliche Saison zu erwarten, wäre aber ohnehin naiv gewesen). Shkodran Mustafi kam aus Spanien, ein teurer Neuzugang, der bisher die Erwartungen eher nicht erfüllt. Er ist bestenfalls ein solider Platzhalter, lässt sich oft überrumpeln und trägt zum Spielaufbau wenig bei.

Für das zentrale Mittelfeld wurde Granit Xhaka geholt, mit dem Wenger bisher stark fremdelt. In der Regel zieht er Coquelin vor, gegen Manchester United gab es gar die Kombination Coquelin und Elneny, was man fast schon als Behinderung der eigenen Mannschaft sehen muss.

Am Mittwoch spielte Ramsey neben Coquelin, der Mann aus Wales hat aber derzeit nicht die Form, die es braucht, um gegen ein äußerst geschmeidiges Raumverknappungsspiel, wie es Paris St. German unter Unai Emery praktiziert, zu Lösungen zu kommen. Da braucht es schon so einzigartige Pässe wie den von Özil auf Sanchez, der gegen Ende der ersten Halbzeit zu einem Strafstoß und zum Ausgleich durch Giroud führte. Özil strahlt aber selbst nicht mehr diese Inspiration aus, die Arsenal derzeit bräuchte.

Seine offene Vertragssituation (wie auch die von Sanchez) mag auch mit der Personalie von Wenger zu tun haben, den er offensichtlich schätzt, der aber selbst nicht sagt, ob er denn nächstes Jahr noch dabei sein will.

Das Angriffszentrum hat Wenger heuer bisher meistens leer gelassen. Das hatte mit einer Verletzung von Giroud zu tun, mehr noch aber mit dem Umstand, dass der flexible Verband von Sanchez, Özil, Walcott und (meistens) Iwobi auch so zu ausreichend Toren kam. Walcott hatte einen sehr guten Saisonstart, auch er ist zur Zeit ein bisschen aus dem Tritt geraten.

Um den November bei Arsenal gibt es inzwischen eine ganze Folklore. Der Monat ist traditionell schlecht. Da könnte man mit drei Punkten gegen drei starke Gegner (bei zwei Heimspielen) fast schon wieder zufrieden sein. Wäre da nicht dieser nagende Verdacht, dass Arsenal mit seiner seit vielen Jahren unveränderten Spielanlage (ein 4-3-3 bzw. 4-2-3-1) sich immer schwerer tut, Räume für das viel beschworene Kurzpassspiel zu finden.

Gegen Manchester United half ein klassischer Flügelantritt von Oxlade-Chamberlain, dessen Flanke Giroud per Kopf verwertete. Das konnte als Überraschungsangriff gelten, weil es stilistisch eigentlich nicht vorgesehen ist. Jedenfalls nur als Notlösung.

Die englische Saison kennt bekanntlich einen langen Dezember, der erst nach Neujahr endet. Das wird bald die nächste Periode, in der Arsenal sehen muss, wie sich die immer neuen Hürden aus dem Weg räumen lassen. Bei keinem anderen Team hat man so sehr das Gefühl, dass Fußball ein kollektives Panzerknacken ist. Nicht jeder Tresor geht auf. Es fällt sogar mir als Fan schwer, mich noch so richtig zu begeistern. Ein Team, von dem eine Idee ausgeht, ist Arsenal schon lange nicht mehr. Mal sehen, ob es heuer noch ein Momentum gibt - oder ob das Gefühl, es wäre eigentlich alles ganz in Ordnung, sich auch so noch eine Weile halten kann.


Eingestellt von marxelinho am 24. November 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


20. Oktober 2016

Die frühe Form und der lange Weg

Mit einem perfekten Hattrick (drei Tore in der zweiten Halbzeit) hat Mesut Özil am Mittwoch den Spaziergang des Arsenal FC gegen Ludogorets Rasgrad abgerundet. Er steht damit schon bei sechs Toren in dieser Spielzeit, die bevorzugte Form ist dabei der Volley. Der neue Professionalismus dieses wunderbaren Spielers steht auch stellvertretend für eine Mannschaft, die zur Zeit einen guten Eindruck macht.

In der Liga auf Platz 2, in der CL-Gruppe nach dem Remis bei Paris St. Germain und den beiden Pflichtsiegen gegen Basel und Ludogorets auf Kurs. Wenige Tage nach seinen zwanzigjährigen Dienstjubiläum scheint Arsène Wenger wieder einmal alles Griff zu haben. Dass vier der 19 Ligapunkte sich zwei grotesken Fehlentscheidungen in allerletzter Minute verdanken (gegen Southampton und gegen Burnley), wird schon jetzt niemand mehr interessieren.

Im Augenblick warten alle auf Entscheidungen von Özil und Alexis Sanchez. Beide sollen ihre Verträge (derzeit bis 2018) verlängern. Die spezielle Beziehung der beiden sieht man manchmal bei den Jubeltrauben - eindeutig sind sie die Alphaspieler, allerdings demonstrieren sie mit ihren Arbeitsethos, dass sie die Mannschaft führen (und nicht nur luxuriös die Geniemomente abschöpfen) wollen.

Die Saison verläuft bisher aus verschiedenen Gründen sehr interessant. Der vielleicht wichtigste ist, dass Arsenal weitgehend mit dem Kader des Vorjahres spielt. Die einzige Ausnahme bildet Shkodran Mustafi, der sofort die Position von Per BFG Mertesacker übernommen hat. Gegen Ludogorets konnte man auch sehen, dass Arsenal nach wie vor defensiv nicht wirklich souverän ist. Es fehlt ein Weltklassemann links hinten (Monreal ist keiner, die Entwicklung von Gibbs hat aufgehört), insgesamt lässt sich die Mannschaft immer wieder leicht überrumpeln.

Im defensiven Mittelfeld hatte bisher fast immer Coquelin den Vorrang vor dem Neuzugang Granit Xhaka, der am Wochenende gegen Swansea wieder einmal seine impulsive Seite zeigte (rote Karte nach Foul an Barrow). Wenger hat ihn bisher sehr zögerlich gebracht, er hat meistens argumentiert, dass Coquelin mit Cazorla besser eingespielt wäre. Ramsey hat sich unmittelbar zu Saisonbeginn verletzt und muss nun erst wieder seine tolle Sommerform suchen.

Die Offensivformation ist Arsenals Prunkstück. Das liegt nahe bei zwei Topspielern wie Sanchez und Özil, hat aber vor allem auch mit einem ewigen Talent zu tun: Theo Walcott ist in dieser Saison präsenter denn je. Er hatte immer schon einen guten Abschluss, in der flexiblen Konzeption dieser Wochen aber kommt er aus allen Lagen zum Erfolg. Wegen der Verletzung von Giroud spielt Arsenal nominell meistens mit Sanchez als Mittelstürmer, de facto aber tauchen er, Özil und Walcott jederzeit überall auf (ein Stilmittel ist auch der lange Pass über die Viererkette).

Der vierte in diesem "magischen Quadrat" ist meistens Alex Iwobi, der langfristig an die Stelle von Özil rücken könnte. Aber auch Lucas Perez, spanischer Neuzugang, den Arsène Wenger bisher nur sporadisch gebracht hat, konnte in den Schlussphasen des gestrigen CL-Spiels seine Wirksamkeit beweisen.

Arsenal hat nun drei nominell leichtere Gegner vor sich (Middlesbrough und Sunderland in der Liga, Reading im EFL-Cup), bevor es am 1. November das Rückspiel gegen Ludogorets in Sofia gibt. Da ich die Woche davor in Wien bin, habe ich mich ein wenig umgeschaut, und eine sehr billige Busverbindung gefunden, die mich am Tag davor tagsüber quer durch ganz Serbien nach Sofia bringen soll - der Rückflug mit einer Linie, die ich eigentlich boykottieren wollte, ist sogar noch um die Hälfte billliger. Seltsames Europa.


Eingestellt von marxelinho am 20. Oktober 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


15. August 2016

Zwei Tatzen, vier Pfoten, acht Trümmer

Eine Reihe von kleineren Geheimnissen wurden am Sonntagnachmittag von einem neuen Videoportal der Lüftung zugeführt. Zuerst einmal der Name: DAZN. Der macht prinzipiell keine Probleme, ich als Österreicher tue mich das besonders leicht beim Aussprechen, wir sprechen ja das harte T gern weich, ich musste mich also nur an das Wort Tatzen (Bärentatzen) halten. Aber warum Tatzen? Warum nicht Pfoten? Ich war auf der falschen Spur, und hätte es mir denken können. DAZN heißt nämlich eigentlich Die Zone. Da Zone. Dasohn.

Naja. So straßentauglich zwischen Bronx, Brooklyn, Harlem und Ismaning das Brand daherkommt, so strictly deutsch war dann der ganze Auftritt am ersten Wochenende mit Spielen aus der Premier League. Den englischen Originalkommentar (das war das zweite Geheimnis) kriegen wir auch hier nicht wieder, stattdessen die provinzielle Perspektive auf das Spiel, mit der auch Sky schon sein Publikum missverstanden hat. Bei Arsenal gegen Liverpool tat dann Zonenkommentator Marco Hagemann Dienst, der verkündete, Francis Coquelin hätte im Vorjahr "eine tolle Saison gespielt". Vermutlich ungefähr so toll wie Per Mertesacker, dessen Verletzung als systemrelevant eingestuft wurde, dabei hatte der BFG im Vorjahr völlig zu Recht seinen Stammplatz bei Arsenal verloren.

Das Spiel selbst war dann die Wundertüte, die man am Ende eines Exhibition-Monats mit gelegentlichem Training und nur sehr allmählich eintrudelndem Personal erwarten musste. Eine Halbzeit lang hatte Arsenal die Sache auch mit der jungen Innenverteidigung (Holding und Chambers) und mit der konservativen Zentrale (Coquelin und Elneny) ganz gut im Griff, auch wenn da schon deutlich war, dass Alexis Sanchez als Mittelstürmer keine gute Idee war.

Ramsey und vor allem Iwobi sorgten für gute Momente, Walcott verwertete schließlich ein tolles Zuspiel von Iwobi. Kurz vor der Pause bekam Coutinho einen Freistoß in idealer Position, er nützte die Gelegenheit mit einem perfekten Schuss in das linke Kreuzeck. Nach der Pause kam dann die Viertelstunde, die so typisch ist für Arsenal: Die Mannschaft ließ sich so richtig vernaschen. Die Fehler waren individuell und kollektiv, vor allem Chambers wusste phasenweise kaum mehr, wo ihm der Kopf stand. Das vierte Tor durch Mané war eine Einzelleistung, aus der all das hervorging, was Arsenal in kritischen Momenten oft fehlt.

Dass Oxlade-Chamberlain kurz darauf fast ein Spiegelbild dieses Tores erzeugte, konnte dem Spiel nicht mehr die entscheidende Richtungsänderung geben, die wenigstens zu einer Wiederholung eines legendären Ergebnisses geführt hätte.


Heute versuchen die Experten, das Defizit bei Arsenal in konkrete Personalempfehlungen zu übersetzen. Aber wenn man den einschlägigen Text von Amy Lawrence genau liest, dann sieht man, dass die Sache gar nicht so klar ist. Sicher, ein belastbarer und umsichtiger Innenverteidiger wäre kein Fehler, allerdings wäre das ein Rückschlag für Holding, auf den man zu Recht neugierig sein kann.

Relevanter erscheint die alte Frage, wie Wenger mit dem vorhandenen Personal umgeht. Gegen Liverpool am Sonntag ließ er überraschend Cazorla auf der Bank, während Ramsey, der spät aus dem Urlaub gekommen war, begann. Er schied später verletzt aus, was zusammen mit der ähnlichen Verletzung von Iwobi (der eine lange Vorbereitung mitmachen konnte) kein gutes Licht auf die Fitnessarbeit bei Arsenal wirft.

Granit Xhaka kam auch erst, als es schon fast zu spät war, und zeigte, dass er noch keineswegs in der Premier League angekommen ist. Zwischen seiner Einwechslung und der ersten gelben Karte vergingen nur wenige Minuten.

Ob das erste Spiel für Arsenal einfach zu früh kam, wird sich im zweiten zeigen, nächste Woche gegen Leicester. Was man aber mit Sicherheit sagen kann: selten waren die Aussichten für Arsenal unklarer als in diesem Sommer, da Arsène Wenger in das letzte Jahr eines Vertrags geht, von dem wohl beide Seiten so lange wie möglich zuwarten werden, ob das Wort Verlängerung auf die Tagesordung soll. Das wirkt wiederum auf die beiden abwartenden Superstars Özil und Sanchez zurück.

Das alles findet für mich also künftig in der Zone statt, sofern ich mich nicht doch noch entschließe, auf die Live-Spiele zu verzichten, und mich über den Arsenal Player zu informieren. Das entscheidet sich bis Anfang September. Und vielleicht taucht er ja doch noch auf, der Originalkommentar der Premier League. Der einzigen Liga, die in der Weltzone spielt.


Eingestellt von marxelinho am 15. August 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


02. August 2016

Flüssig sind Mittel nur, wenn sie fließen

Die Premier League beginnt bereits in zwei Wochen, es sieht alles nach einer besonders umkämpften Kampagne aus. Grund genug, sich die ersten Gedanken über Arsenal in diesem Jahr zu machen. Der Guardian sieht die Gunners in seinem aktuellen Preview auf Platz 5 im kommenden Jahr. Das würde bedeuten, dass 2017/18 erstmals seit gefühlten Ewigkeiten die Teilnahme an der Champions League für Arsenal ausfallen würde.

Warum urteilt der Guardian so pessimistisch? Einerseits hat sich der Kreis der Aspiranten auf die Plätze 1-3 und 4 sukzessive erweitert: Neben den zuletzt schwachen Platzhirschen Manchester United und Chelsea ist Manchester City durch die Geldsäcke aus dem arabischen Raum eine fixe Größe geworden. Tottenham arbeitet seit Jahren gut, und Liverpool hat auch genug Geld, um prinzipiell mithalten zu können. Dazu kommen jede Saison ein, zwei Störenfriede, wobei es natürlich eine absolute Ausnahme ist, wenn ein Team wie Leicester bis zum Titel durchmarschiert.

Arsenal hat 2016 in letzter Sekunde noch die Rivalen von Tottenham überholt und wurde Vizemeister. Die Rückrunde, die in England ja schon um die Weihnachtszeit beginnt, war eine große Enttäuschung. Was möglich gewesen wäre, geht im Detail aus der Tatsache hervor, dass Arsenal als einzige Mannschaft sechs Punkte gegen Leicester holte, darunter der super dramatische Heimsieg mit einem Last-Second-Tor von Danny Welbeck, der aber leider schon wieder bis Februar 2017 ausfällt.

Den Sommer hindurch ist es bei Arsenal traditionell ruhig. Das kann man als Qualität sehen, oder aber auch als mangelnde Ambition. Tatsächlich hat Arsenal einen Kader, der gar nicht mehr leicht so zu verstärken ist, dass nicht auch Qualität verloren ginge, weil interessante Spieler wieder in die Warteschleife müssten.

Die absolute Toppersonalie wurde früh gelöst. Seit Jahren fehlte ein souveräner, spielintelligenter Anker im zentralen Mittelfeld. Das soll also (nach den Übergangslösungen Arteta, Flamini und Coquelin) nun Granit Xhaka sein. Damit steht das erste Dreieck weitgehend fest: Xhaka, Ramsey und Özil wären die Schaltzentrale der idealen Elf in der neuen Saison. Dass Ramsey ein herausragender Spieler sein kann, konnte man bei der EM auf jeden Fall im Spiel gegen Belgien sehen (und im Spiel gegen Portugal, wo er nicht zu ersetzen war). Und Özil war nach Meinung der meisten Beobachter bester Deutscher gegen Frankreich. Er ist für immer noch auf dem Weg nach oben, wenn er seine neuerdings superprofessionelle Haltung beibehält.

Die Angriffsreihe ist noch nicht ganz so klar definiert: Sanchez auf links ist klar, Giroud in der Mitte verdient für meine Begriffe weiterhin das Vertrauen, damit bleibt die Position rechts. Theo Walcott, inzwischen 27 Jahre alt und ein Veteran (!), wird allgemein skeptisch gesehen. Oxlade-Chamberlain ist nach wie vor eher ein Riesentalent als ein Weltklassemann. Joel Campbell hat sich nicht durchgesetzt. Eigentlich wäre da noch Bedarf. Julian Draxler, der immer wieder mit Arsenal in Verbindung gebracht wird, kommt eher über links. Die Idealbesetzung ist eindeutig Danny Welbeck, der ganz wunderbar von der Seite kommen kann, aber eben derzeit verletzt ist.

Damit sind noch mindestens zwei große Namen im Mittelfeld außen vor: Santo Cazorla ist wieder fit, er wird sich mit Ramsey abwechseln. Alex Iwobi könnte den Reservisten für Özil machen, ist aber eigentlich schon zu weit, um sich mit gelegentlichen Einsätzen zufrieden zu geben. Jack Wilshere, der bei der EM extrem schwach war, ist eine ungewisse Größe. Mohammed Elneny, erst vor einem halben Jahr gekommen, droht ein alternativer Dienstweg über die Cupbewerbe.

Große Ungewissheiten gibt es in der Defensive. Die Verletzung von Per Mertesacker wird allgemein als Rückschlag beschrieben, ohnehin aber hätte nur noch als Backup mit ihm planen sollen. De facto hat Arsenal nur einen wirklich guten zentralen Defender: Laurent Koscielny. Neben ihm wäre nun Gabriel Paulista der erste Kandidat. Ich halte nichts von ihm. Calum Chambers, für den Arsenal vor zwei Jahren immerhin 20 Millionen Euro an Southampton bezahlt hat, halte ich immer noch für interessant, aber er ist so etwas wie der Ginter von Arsenal. Er konnte sich noch nicht konstant auf einer Position bewähren. Für drei Millionen hat Arsenal in diesem Sommer von Bolton einen jungen Verteidiger gekauft: Rob Holding hat gute Presse, ich habe ihn noch nie spielen gesehen. Neulich muss er einmal mit Krystian Bielik zusammengespielt haben, einem 18jährigen Polen, der als Perspektivspieler für die Sechs geholt wurde, neuerdings aber eher als Innenverteidiger geführt wird. Auf ihn bin ich sehr neugierig.

Im Tor wird Petr Cech die Nummer 1 bleiben, obwohl Wojciech Szczesny aus Rom zurückgekehrt ist. Der Pole, den ich für einen großen Keeper halte, der aber vielleicht kein großer Profi ist, hat noch Vertrag bis 2018. Wenn er sich zusammenreißt, kann er immer noch locker der nächste David Seaman für Arsenal werden.

Viele Fans haben Arsène Wenger auch deswegen satt, weil er so defensiv investiert. "Spend some f***ing money", ist immer wieder zu hören und zu lesen. Arsenal hat 165 Millionen Pfund flüssig, erwähnt der Guardian. Wenn man aber einer Mannschaft so beobachtet, wie wir es mit den Teams, die wir mögen, nun einmal tun, dass kann es nicht nur um den Zukauf von Supertalenten mit großen Namen um jeden Preis gehen (das macht Mourinho gerade mit den Dividenden der kaum kleiner zu kriegenden Popularität von Manchester United.)

Dann sieht man eben auch, was an Potential da ist, was langfristig denkbar wäre, dann hat man jemand wie den Berliner US-Äthiopier Gedion Zelalem im Auge, der schon zum zweiten Mal im Sommer mit den Profis unterwegs ist. Ich bin aus vielen Gründen schon lange eher im Lager derer, die Arsène Wenger abgelöst sehen wollen, muss aber zugeben, dass der Arsenal-Kader immer noch voller interessanter Geschichten steckt. Viele werden aber vermutlich so verlaufen wie die von Theo Walcott, von dem man nach über zehn Jahren und einigen großen Momenten eines nicht sagen kann: dass er bisher eine große Karriere hatte.

Das aber macht große Teams aus: eine kluge Zusammenstellung von Individuen, die allesamt für eine große Karriere geeignet sind, oder zumindest gerade eine Phase haben, in der sie dazu Anstalten machen. Da lässt der ewige Talenteschuppen Arsenal eben doch immer wieder zu wünschen übrig, sodass wahrscheinlich auch bald die Gerüchte über die Zukunft von Özil und Sanchez (beide bis 2018 gebunden) beginnen werden. Arsenal spielt in diesem Jahr auch um den Verbleib seiner beiden einzigen Superstars.







Eingestellt von marxelinho am 02. August 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


11. April 2016

Chaos regiert

An diesem Wochenende ist nun auch noch das letzte Quäntchen Fantasie aus meiner Arsenal-Saison entwichen. Das 3:3 gegen West Ham United war ein typisches Spiel für diese Mannschaft, wie wir sie in den letzten Jahren kennengelernt haben. Tags darauf sorgten Tottenham mit einem beeindruckenden 3:0 gegen Manchester United und Leicester mit einem souveränen 2:0 gegen Sunderland für deutliche Verhältnisse. Arsenal hat im Grunde nur noch ein denkbares Saisonziel: eventuell Tottenham zu überholen, um die größte denkbare Demütigung abzuwenden, nämlich dass der St. Totteringham's Day ausfällt.

Das wäre aber nur die ultimative Demütigung für Hardcore-Fans, zu denen ich schon deswegen nicht im vollen Umfang zähle, weil ich aus der Ferne zuschaue und eigentlich Tottenham auch mag, genau so wie West Ham. Ich liebe London (somehow), ich liebe den englischen Fußball, daraus ragt dann eben Arsenal hervor, zumal ich auch schon diese Stimmung erlebt habe, die in Islington nach einem Spiel herrscht. Das hat schon was, wie sich das allmählich in die Straßen der Stadt verläuft, ganz anders als beim Olympiastadion, wo weit und breit nichts ist und man schon Schwierigkeiten hat, sich mit Freunden, die anderswo saßen, für den Heimweg zu verabreden. Wenn man die U-Bahn wählt, warten die Freunde sicher beim Südtor und wollen zur S-Bahn.

Die vorsorgliche Apathie, mit der ich mir seit langem schon die Spiele von Arsenal anschaue, ist immer noch jederzeit leicht entflammbar. Es gibt keine andere Mannschaft, der ich unter Umständen eine Lizenz zum l'art pour l'art einräumen wurde. Hier aber ist das der Fall, und das hat nicht nur mit Mesut Özil zu tun, dem sicher größten Künstler des gegenwärtigen Fußballs, und zwar noch vor Messi. Arsenal zwingt uns Fans geradezu in einer Haltung des immerwährenden Aufschubs, denn die beiden FA Cups können allenfalls Traditionalisten darüber hinweg trösten, dass zur entscheidenden Konkurrenzfähigkeit seit 2004 jedes Jahr etwas fehlt.

Aber bevor man darauf schauen könnte, was es genau ist, taucht immer wieder irgendein Hoffnungsschimmer auf. So verhielt es sich in den vergangenen Wochen mit Alex Iwobi. Ein 19 Jahre alter Engländer aus Nigeria, der relativ unvermittelt aus dem Nachwuchs zum Team stieß, der Serge Gnabry oder eine Hoffnung von vorgestern wie Ryo Myaichi deutlich in den Schatten stellt. Der neue Bergkamp, der seit Jahren erwartet wird wie ein Messias, ist vielleicht dunkelhäutig und hat eine Vorliebe dafür, die Stutzen so wie Thomas Müller zu tragen.

Iwobi bringt Esprit in eine Mannschaft, an deren offensiven Teil ich neulich oft denken musste, als die trägen Galaktiker von Real Madrid sich von Wolfsburg lähmen ließen. Ich bin sicher - mit einem dieser Gedanken, die niemandem etwas bringen, ohne die der Fußball aber unerträglich wäre -, dass Arsenal den VfL auseinandergenommen hätte. Aber Arsenal kommt ja nicht ins Viertelfinale der Champions League.

Weil davor eben diese Wochen liegen, in denen die Mannschaft traditionell kollabiert. Zu einem gewissen Teil hat das sicher mit Eigenschaften des englischen Spiels zu tun, die gegen West Ham sehr gut zu beobachten waren. Wenn da nämlich ein schwacher Schiedsrichter am Werk ist, dann werden Begegnungen in der Premier League schnell zu einer Art "glorified Rugby mit Füßen". Kein Wunder, dass das Aggressionsmonster Sandro Wagner angeblich Angebote aus England hat. Er könnte dort ein neuer Bobby Zamora werden, um an einen früheren Alptraum von Arsenal zu erinnern, oder eben ein weiterer Andy Carroll.

Dreimal fand am Samstag eine Flanke den Abnehmer in Carroll, zweimal verwandelte er mit dem Kopf, einmal mit einem Halbseitfallzieher, oder wie auch immer man die Einlage nennen mag. Für die deutschen Kommentatoren war dies Anlass genug, nach Per Mertesacker zu fragen, der seinen Stammplatz verloren hat, dabei wäre er doch sogar noch größer als Carroll gewesen. Die Flanken zu unterbinden, das primäre Rezept in solchen Situationen, war angesichts der insgesamt turbulenten Gesamtsituation in diesem Spiel nicht machbar.

Dabei hat Arsène Wenger zuletzt die Mannschaft mit einer Doppelsechs kompakter aufgestellt. Mohammed Elneny, im Winter aus Basel gekommen, hat inzwischen einen Stammplatz neben Coquelin. Dass er die einflussreiche Persönlichkeit werden könnte, die Arsenal seit langem auf dieser Position fehlt, ist allerdings kaum zu erwarten nach seinen bisherigen Leistungen. Die sind passabel, aber eben ziemlich genau in der Preisklasse eines Flamini.

Arsenal unter Wenger II (unter dem späten, unbelehrbaren, zunehmend auch rhetorisch ratlosen Wenger) hat meistens sechs bis sieben exzellente Spieler, die ihre brillanten Ideen mit drei, vier "weaker links" teilen müssen. Das ist eine andere Statik als bei einer Mannschaft wie Hertha, bei der niemand herausragt, allerdings eine gewisse Grundqualität auf allen Positionen für Gleichgewicht sorgt. (Dass zuletzt die Kompaktheit auch rund um Per Skjelbred & Co. ein bisschen verloren gegangen ist, muss noch nicht das letzte Wort über diese Saison sein.)

Arsène Wenger weist darauf hin, dass Arsenal nominell die viertbeste Defensive der Premier League hat. Der Genauigkeit halber müsste er inhinzfügen, dass es sich um ein irreguläres Jahr handelt, weil fast alle Teams arge Aussetzer haben. Und 33 Gegentore in 32 Spielen ist eben doch ein Durchschnitt über 1,0, und damit nicht mehr im Bereich einer Topmannschaft.

All das sind aber nut vernünftige Überlegungen, die nicht wirklich weiterhelfen, wenn man es mit einem Spiel wie gegen West Ham zu tun hat, wo von Beginn an nichts stimmte: zuerst wird ein reguläres Tor der Hammers aberkannt, dann ist meiner Meinung nach Özil beim Führungstreffer für Arsenal im Anseits, das Tor zählt aber. Andy Carroll hat da schon ein Foul hinter sich, das in der 5. Minute kaum einmal mit Rot geahndet wird, aber absolut grenzwertig war. Das Spiel gehorchte niemandem, und Arsenal ist schon gar nicht eine Mannschaft, die sich so ein Chaos dann doch noch irgendwie gefügig macht. Das sind aber Qualitäten, die im Fußball an die Spitze führen.

Mit Arsène Wenger wird das nicht mehr passieren. Deswegen werden wir Arsenal-Fans uns noch länger mit der Freude am Stückwerk bescheiden müssen. Und mit dem Kampf um die Teilnahme an einer Champions League, in der die Stärken und Schwächen des Teams dann gnadenlos bloßgestellt werden. Warum tut man sich das an? Weil das Stückwerk nicht nur immer wieder atemberaubend ist, sondern diese ununterdrückbare Suggestion in sich trägt, es ließe sich eines Tages zu etwas Vollständigem ergänzen.


Eingestellt von marxelinho am 11. April 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


16. März 2016

Ein Entfesselungskünstler in der Endphase

Diese Woche tauchten wieder einmal Berichte über eine neue Superliga in Europa auf, eine Premiumklasse der absoluten Topclubs, eine Champion's League der Brands. Die Namen, die dafür in Frage kommen, schreiben sich wie von selbst: FC Barcelona, Real Madrid, FC Bayern, Juventus Turin, dazu eine starke Delegation der Premier League, auch wenn dort derzeit die Inkompetenz fast so groß ist wie die Liquidität. Manchester City und United, Chelsea FC, Arsenal FC, und aus Gründen der Mythologie wohl auch der Liverpool FC kämen für diese Premiumklasse in Frage. Leicester City hingegen würde dort nur stören, sodass sich sofort die Frage stellt, ob man für die Teilnahme überhaupt noch sportliche Aspekte in Betracht ziehen möchte, oder ob es von vornherein nur um globale Strahlkraft gehen würde.

Von dieser Strahlkraft hat Arsenal immer noch so ausreichend, dass sich weltweit derzeit viele Leute überlegen, was mit Arsène Wenger geschehen soll. Denn die Mannschaft hat in den letzten zwei Monaten einen Kollaps von inzwischen schon epischer Dimension hingelegt, der allerdings genau dort hin geführt hat, wo es in all den Jahren seit dem letzten Meistertitel 2004 am häufigsten für Arsenal endete: Ausscheiden im Viertelfinale der Champion's League, Qualifikationschance für den nächsten Bewerb durch den vierten Platz in der Meisterschaft. Das ist ziemlich genau das, was man als das Wenger-Maximum bezeichnen müsste. Jedenfalls ist es die Signatur der zweiten Hälfte seines Imperiums bei Arsenal, seit dem CL-Finale 2006.

Den Trostpreis des FA Cups, mit dem er sich in den vergangenen beiden Jahren zumindest bei Traditionalisten des englischen Fußballs ein wenig rehabilitieren konnte, wird es in diesem Jahr nicht geben. Am Wochenende verlor Arsenal 1:2 gegen Watford, in einem Heimspiel, mit den Topstars Özil und Sanchez, aber eben auch mit einem Spieler wie Gabriel Paulista, der sich als echte Niete erwiesen hat. Die Innenverteidigung und das defensive Mittelfeld sind seit Jahren die größten Baustellen, für die Arsène Wenger immer nur Halb- mit Perspektivlösungen (Chambers, Bielik) zu aktuellen Fehlerketten verband.

Die Fans formulieren ihre Aufforderungen an den unumschränkten Coach höflich, aber bestimmt: Sie bedanken sich für die vielen schönen Erinnerungen, but now it's time to go. Ich sehe das auch so, und zwar schon lange, aber Wenger ist ein echter Houdini seines Fachs, er schafft es, jedes Jahr erneut gerade so viel Fantasie in die Arsenal-Leistungen zu bringen, dass man nicht vergisst, dass es sich hier um einen Aspiranten auf die absolute europäische Spitze handelt. Dann mischt er aber ausreichend Mittelmaß (Coquelin) und taktische Indifferenz in die Sache, sodass daraus verlässlich nichts wird.

Vernünftigerweise kann man in so einer Situation nur eine Münze werden, denn es gibt ebenso viele Argumente, die gegen einen Trainerwechsel sprechen, wie dafür. Das stichhaltigste Gegenargument ist, dass ein Nachfolger nicht in Sicht ist. Es sei denn, man riskiert etwas, so wie damals, als Wenger selbst kam, mit dem Arsenal eine paradigmatische Lösung fand. Die Umstände seiner Bestellung und seine großen Verdienste um den Club, und bis zu einem gewissen Grad auch seine Originalität, lassen es nun umso schwieriger erscheinen, ihn abzulösen. Dabei ist seine Originalität längst in Verschrobenheit umgeschlagen.

Ein Club mit funktionierenden Strukturen würde dieser Tage mindestens mit Lucien Favre sprechen. Aber bei Arsenal gibt es eben keine solchen Strukturen. Das Board ist konservativ, die beiden Haupteigentümer Stan Kroenke und Alisher Usmanow können nicht miteinander. Der mächtige CEO Ivan Gazidis hat sich noch nie in die Karten schauen lassen und ist auch eher mit Superliga-Planungen beschäftigt.

In dieser Situation tritt Arsenal heute gegen Barcelona an, mit einem 0:2 aus dem Heimspiel. Natürlich kann niemand eine Sensation vollständig ausschließen. Sollte ein Führungstreffer gelingen, kann es noch einmal spannend werden. Mit Danny Welbeck steht ein formstarker Stürmer zur Verfügung, der bestens in ein effizientes Umschaltspiel passt. Idealerweise könnte er heute über den rechten Flügel kommen, mit Giroud im Zentrum, und Sanchez auf links. Ob das allerdings die Probleme weiter hinten aufwiegen kann, ist mehr als fraglich, zumal Ramsey verletzt ist.

Arsène Wenger verteidigt sich in der Weise, die für bedrängte Trainer üblich ist. Er verweist darauf, dass seine "dedication" bei 100 Prozent liegt. Ein völlig überflüssiger Satz, denn so etwas setzt man bei einer Führungskraft auf dieser Ebene doch voraus. Es kann einzig und allein um die Qualität seiner Entscheidungen gehen. Und da gibt er schon seit langer Zeit viele Gründe für berechtigte Zweifel, sodass immer wieder Mannschaften für Arsenal antreten, denen es an Balance fehlt.

Für mich ist die Münze längst gefallen: Arsène Wenger muss zum Ende dieser Saison abgelöst werden. Dies gälte umso mehr (und wäre dann auch einfacher), wenn doch noch ein Titel herausschauen würde. Die Premier League muss man noch nicht ganz abschreiben, und in der Champion's League werden wir heute Abend schon wissen, ob aus einer theoretischen Chance noch etwas geworden ist. Es wäre Houdinismus in Reinkultur.


Eingestellt von marxelinho am 16. März 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


25. Februar 2016

Unwahrscheinlichkeitsrechnung

Nacho Monreal stand vor einem unlösbaren Dilemma in der 71. Minute des Spiels von Arsenal gegen den FC Barcelona. Auf der rechten Defensivseite war Neymar an den Ball gekommen und im Begriff, allein auf das Tor zuzulaufen. Die defensive Hälfte von Arsenal war weitgehend leer, nachdem Mertesacker, weit aufgerückt, einen Ball durchrutschen lassen musste, den Suarez brillant wieder auf Neymar durchsteckte. Monreal tat das Naheliegende, er lief dem Brasilianer nach, und ließ deswegen Lionel Messi aus den Augen, der in seinem Rücken auf das Tor zusprintete, in seiner typischen Manier, so, als hätte Uderzo seine Beine gezeichnet. Bellerin war auch hinter Neymar her, der schnelle Bellerin, der aber wohl für Neymar nicht schnell genug gewesen wäre. In jedem Fall war der Konter zu schnell für Arsenal - eine Koproduktion des magischen Dreiecks, das diesen Namen wirklich verdient.

Und doch ist auch dieser Spielzug voller Fragezeichen, sie strahlen auf die gesamte Formation aus, und auf den vierten Versuch von Arsenal in zehn Jahren, gegen Barcelona etwas auszurichten. Dieses Mal war Arsenal relativ nahe an einer ausgeglichenen Leistung, nicht beim Ballbesitz natürlich, aber bei den relevanten Szenen. Allerdings fehlte bei den offensiven Szenen die Präzision, sodass man berechtigt hinterfragen kann, ob Arsène Wengers Matchplan wirklich realistisch war. Er sah Arsenal nämlich um die 70. Minute schon ein wenig im Vorteil. Er meinte, eine beginnende Müdigkeit bei Barcelona wahrzunehmen, dabei war es eher sein Team, das zu diesem Zeitpunkt allmählich in Schwierigkeiten geriet. Man sieht das an der Szene, in der Neymar überhaupt erst den Pass auf Suarez spielen kann, bedrängt von Coquelin und Ramsey, aber wirkungslos bedrängt, ohne eigentlichen Druck.

Wenige Sekunden davor war Giroud, der teilweise am eigenen Fünfer ausgeholfen hatte, schon gar nicht in das Kopfballduell mit Piqué gegangen, so kam es überhaupt erst zu dem Spielzug, der auf drei gewonnenen Zweikämpfen beruht, bevor Suarez den entscheidenden Pass spielt, in einem vierten Zweikampf, der keiner mehr ist, weil der Ball schon weg ist, bevor Suarez attackiert werden könnte. Wenger macht sich also etwas vor, de facto war Arsenal zu diesem Zeitpunkt mürbe gespielt, erschöpft von den vergebenen Chancen und durch Angriffsaktionen, denen im letzten Moment durch einen ungenauen Pass (Sanchez) das Momentum genommen wurde.

Personell kann man feststellen, dass Barcelona die Schwachstellen von Arsenal genauestens gezeigt hat. Coquelin ist ein achtbarer Sechser, in der entscheidenden Szene aber sieht man, dass ihm fast alles zu einem großen Spieler fehlt, das gilt auch für seinen Ersatzmann Flamini. Im Winter wurde mit Mohammed Elneny ein weiterer Sechser gekauft, den Wenger aber offensichtlich nur für den FA-Cup geeignet sieht; mit Krystian Bielik ist auch schon einer da für 2017/2018. Nur für die Gegenwart hat Arsenal niemanden, jedenfalls niemanden wie Sergio Busquets auf der anderen Seite.

Per Mertesacker bestand nach dem Spiel darauf, dass die vergebenen Chancen entscheidend waren, er gab sich aber beim zweiten Gegentor eine deutliche Blöße, und stand schon beim ersten schlecht. Arsenal hatte Chancen, aber insgesamt funktionierte das Herausspielen schon die ganze erste Halbzeit hindurch schlecht, frustrierend war vor allem die rechte Seite, wo Wenger sich für Oxlade-Chamberlain entschieden hatte, der aber die ganze Saison hindurch sehr fehlerhaft spielt. Für Welbeck wäre die Startelf wohl noch zu früh gekommen, also wäre die plausiblere Alternative wohl Walcott gewesen.

Das sind so die Gedanken auf der Suche nach einer Verkleinerung des Unterschieds zwischen Barcelona und Arsenal. Interessant ist auf jeden Fall auch die generelle Konstellation. Barcelona spielt kein starkes Pressing im eigentlichen Sinn, macht aber die Räume ungeheuer eng, und verteidigt weit vorn - manchmal hat man fast schon den Eindruck, hier würde ein Schutzschirm aufgezogen, etwas halb Virtuelles wie in Raumschiff Enterprise, eine Mischung aus unsichtbarer Macht und konkreter Verteidigung. Es gibt dahinter Räume für Konter, ein Spiel, das Arsenal entgegenkäme, und auf das die Taktik auch angelegt war. Für das Rückspiel, in dem Arsenal nach allgemeiner Meinung kaum noch Chancen hat, eröffnet das durchaus noch Perspektiven. Ich setze meine Hoffnungen dabei auf Danny Welbeck, der in der letzten Viertelstunde im Emirates schon sehr auffällig spielte. Im Idealfall kann er in drei Wochen über den rechten Flügel kommen.

Allerdings muss Arsenal dazwischen noch zwei schwere Spiele in der Liga bestehen: im Old Trafford und an der White Hart Lane. Vier Punkte sind das Minimum, das es für eine "title challenge" braucht. Sechs Punkte wären ein Statement, und ergäbe auch ein Momentum für die Champion's League.

Man kann in diesem Jahr nicht einmal richtig Klage führen über das Lospech, das schon im Achtelfinale so ein Spiel beschert, während anderswo Begegnungen von regionalem Interesse ausgetragen werden. Arsenal war in einer Gruppe mit dem FC Bayern immer auf den zweiten Platz gebucht, musste also mit einem Großen im Achtelfinale rechnen. War also zweimal Lospech, und in beiden Fällen hatte Arsenal nicht genügend entgegenzusetzen. Nun, bisher, in drei Wochen gibt es ja immer noch Gelegenheit zu einem Comeback, über das die Welt noch lange sprechen würde.



Eingestellt von marxelinho am 25. Februar 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


15. Februar 2016

Die Veredelung der Verlängerung der Verlängerung

In den "sterbenden Momenten" des Spiels hat der Arsenal FC gestern das packende Duell mit Leicester City noch für sich entschieden: "the dying moments", einer dieser dramatischen und bildhaften Ausdrücke, die ich an der englischen (Fußball-)Sprache so liebe. Eigentlich sah alles danach aus, dass der Eckball, den Özil davor getreten hatte, die letzte Chance sein würde, dann ergab sich aber noch ein Freistoß aus dem Halbfeld. Der Corner war ohne Überzeugung gekommen, der Freistoß aber hatte diese technische Qualität, die Özil so besonders macht: er kam genau auf die Fünfmeterlinie, strich haarscharf über ein paar Verteidiger hinweg, und fand Danny Welbeck, der kurz vor Giroud an den Ball kam. Unhaltbar für Schmeichel. Und einer der Momente, für die man Fußball schaut: Das Emirates tobte.

Aus guten Gründen. Arsenal brauchte dringend ein Erweckungserlebnis nach zuletzt mäßigen Ergebnissen. Das Spiel gegen die sensationellen Spitzenreiter aus Leicester bot sich für einen Umschwung an. Es war dann aber härteste Arbeit in einem Duell, das an Spannung kaum zu überbieten war. Leicester hat wirklich ein sehr gutes Team, das gar nicht einmal so sehr durch Kompaktheit überzeugt, sondern durch enorme Gefährlichkeit. Hinten machen sie schon dicht, keine Frage, aber das Selbstbewusstsein, mit dem sie ihre Angriffe vortragen, ist beachtlich.

Arsenal nahm die Herausforderung an, dominierte zu Beginn, und dann, nach einem Gegentreffer kurz vor der Pause, die gesamte zweite Halbzeit. Ob man den Elfmeter geben muss, führt mitten in die Zweideutigkeiten des modernen Spiels: Monreal trifft Vardy nicht, stellt aber das Bein parat, über das Vardy sich fallen lässt. Das ganze Manöver ist ein missglücktes Tackling, denn den Ball verfehlt Monreal. Vardy nimmt sich das Foul.

Es bedurfte einer risikofreudigen Umstellung, damit Arsenal das Spiel in den Griff bekam: Wenger opferte nach einer Stunde Coquelin für Walcott, Ramsey wurde damit zum "holding midfielder" und Absicherer vor der Abwehr. Den Ausgleich machte Walcott nach Kopfballvorlage von Giroud. Der Stürmer, lange Zeit einer der umstrittensten Spieler von Arsenal, ist mit seinem Engagement und seiner Leidenschaft eine der prägenden Figuren der Saison. Immer schon fiel er auch dadurch auf, dass er nicht nur abschließt, sondern auch ablegt, und zwar sehr, sehr klug, wenn es passt. Das Finish von Walcott, im direkten Gegenüber mit dem hervorragenden Schmeichel, war exzellent, da gehört er zu den Weltbesten, da hat er fast die Coolness eines Podolski.

Danach spielte Arsenal den Gegner eine halbe Stunde lang schwindlig, und es war schwierig zu sagen, was dabei faszinierender war: das Geschick und der Bestemm, mit dem Leicester alles wegarbeitete, oder doch die fließenden Dreieckskonstellationen, die Özil, Sanchez, Monreal auf links, Bellerin, Walcott und Oxlade-Chamberlain auf rechts aufzogen, mit Spielzügen, die einander ähnelten, weil sie ja auf individuellen Vorlieben beruhen - doch dann zieht Sanchez einmal mehr nach innen, wie das sein Trademark Move ist, spielt dabei aber einen Pass auf Linksaußen, mit dem niemand rechnet, und Monreal hat einmal mehr Platz für eine gefährliche Hereingabe.

Die entscheidende kam dann von einem ruhenden Ball, und auch das machte Sinn, denn Arsenal zermürbte den Gegner auch dadurch, dass er zu Fouls gezwungen wurde: Die gelb-rote Karte gegen Simpson in der 54. Minute war natürlich mitentscheidend, weil danach die Entlastung, also das eigentliche Stilmittel von Leicester City, nicht mehr so zur Geltung kam.

Am Abend gewann dann Tottenham noch verdient bei Manchester City, sodass Arsenal weiterhin davon ausgehen muss, dass der Lokalrivale zur Zeit als der eigentliche Titelfavorit gelten muss. Das Derby Anfang März wird an der White Heart Lane gespielt, beim Hinspiel im November hatte es ein 1:1 gegeben. Ein Remis könnte dieses Mal schon zu wenig sein, in jedem Fall dürfen wir uns auf ein extrem aufgeladenes Spiel freuen. Davor empfängt Arsenal aber noch Barcelona, und muss zu Manchester United.

In dieser Situation wirkt die Rückkehr von Danny Welbeck nach langer Verletzung wie ein Signal. Ich sehe ihn als einen absoluten Topmann, der sowohl mit Giroud wie auch an seiner Stelle spielen kann. Gerade gegen Barcelona könnte er über den rechten Flügel kommen - die offensiven Optionen von Arsenal sind zahlreich. Özil wirkt nach wie vor nur bedingt frisch zur Zeit, das FA-Cup-Wochenende wird ihm gut tun.

Die Liga geht jetzt noch drei Monate in England. Eine Unsicherheit besteht sicher darin, ob Tottenham die ungeheuer beständige Form halten wird können - denken wir an Liverpool vor zwei Jahren, da kam der Kollaps erst spät, dann allerdings schockierend. Leicester City bleibt ebenfalls im Rennen, das ist nach der Leistung im Emirates keine Frage. Arsenal aber ist das Team, das die Überraschungsmannschaft der Saison nun zweimal geschlagen hat. Das ist auf jeden Fall ein Statement.


Eingestellt von marxelinho am 15. Februar 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


08. Februar 2016

Haken und Özil

Eine der schnellen Wendungen auf engstem Raum, von der Thomas Tuchel nach dem Spiel zwischen Hertha und dem BVB sprach, gab es tags darauf in England zu sehen. Ein Exempel geradezu für das Hakenschlagen, dass Spieler heute können müssen, wenn sie sich den Raum für interessante Manöver verschaffen wollen. Aaron Ramsey fand auf diese Weise im Auswärtsspiel von Arsenal bei Bournemouth die Möglichkeit zu einer Flanke, Giroud legte nach hinten ab, und Özil kam vom Elfmeterpunkt zum Abschluss - mit dem rechten Fuß! Nur Sekunden später bediente Ramsey dann noch Oxlade-Chamberlain, und damit waren schon Mitte der ersten Halbzeit die Fakten geschaffen.

Ein Sieg bei Bournemouth, dem Aufsteiger aus dem Südwesten, unweit von Portsmouth, wo der traditionsreiche FC seit dem Abstieg aus der Premier League tief in die vierte Liga gesunken ist, war für Arsenal nach drei Punkten aus den letzten vier Spielen absolut erforderlich. Eine solide Leistung erwies sich als hinreichend, sodass nun eine höchst spannende Konstellation entstanden ist: Arsenal steht punktgleich mit Tottenham, bei schlechterer Tordifferenz, auf Platz 3. Das Sensationsteam Leicester City hat fünf Punkte Vorsprung, die Geldsäcke von Manchester City stehen einen Platz hinter Arsenal auf Platz 4.

Nächsten Sonntag kommt es im Emirates zum Spitzenspiel gegen Leicester, das zuletzt hintereinander Liverpool und ManCity geschlagen hat, und bisher nur zwei Niederlage hinnehmen musste - eine im Herbst gegen Arsenal. Anfang März folgt dann auswärts das Derby bei den Spurs, dazwischen steht noch das Spiel in Old Trafford an, und am 23. Februar das Heimspiel in der Champion's League gegen Barcelona.

Ein höchst anspruchsvolles Programm. Wie gut ist Arsenal gerüstet? Arsène Wenger vertraut derzeit im Wesentlichen einem Stamm von acht Spielern: Cech ist im Tor gesetzt, ebenso Bellerin, Koscielny und Monreal in der Viererkette, dazu Ramsey und Özil im Mittelfeld, Sanchez ist auf links offensiv wieder dabei, sowie Giroud im Angriffszentrum. Coquelin hat nach seiner Rückkehr aus einer Verletzungspause noch nicht geschafft, Flamini zu verdrängen. Bleibt der rechte Flügel (Optionen: Walcott, Oxlade-Chamberlain, Campbell), und die Position, die Mertesacker bis zu seiner roten Karte gegen Chelsea (gegen Diego Costa!) sicher hatte. Gegen Bournemouth spielte Gabriel Paulista neben Koscielny in der Innenverteidigung.

In der Transferpause sprach niemand von dieser Position, dabei wäre hier fast am dringendsten Bedarf. Mertesacker ist auf höchstem Niveau zu langsam, das wurde von den Zynikern des Chelsea FC offen gelegt. Gabriel Paulista ist allerdings in jeder Hinsicht ein Sicherheitsrisiko, wenn er spielt, ist Arsenal noch viel verwundbarer als mit Mertesacker, der immerhin eine Menge Erfahrung und auch gute Nerven hat. Ich nehme an, dass der BFG am Sonntag in die Startelf zurückkehrt.

Im zentralen Mittelfeld spielt Flamini eine solide Saison, wobei hier vor allem interessant ist, wie sich das Verhältnis zu Ramsey entwickelt. Der Waliser spielt nominell auf der Achterposition, verlegt sich allerdings zunehmend auf eine Art Verteilerrolle, während Özil weiter vorn die vorletzten und letzten Pässe probiert. Flamini bekommt dadurch offensiv mehr Raum. Der Neuzugang Mohamed Elneny spielt bisher in der Liga noch keine Rolle. Das ist schade, denn sein Debüt im FA-Cup gegen Burnely war vielversprechend. Wenger mag den Eindruck haben, dass Ramsey und Elneny zu ähnlich in ihrer Spielanlage sind. Denkbarerweise wird gegen Leicester Coquelin in die Startformation zurückkehren.

Alle diese Manöver stehen natürlich im Zeichen der Formfindung für das Duell mit dem FC Barcelona. In den letzten Wochen wirkte Arsenal phasenweise sehr erschöpft - ein untrügliches Zeichen ist zum Beispiel, wenn Özil die Eckbälle nicht mehr in den Strafraum bringt, sie landen dann wirkungslos beim ersten Abwehrspieler, eine alte Arsenal-Schwäche ohnehin. Bournemouth war zum Glück nicht der große Test, nun wird es vermutlich eine Woche aktives Erholen geben. Und dann beginnt die heiße Phase der Saison. Noch ist alles möglich.


Eingestellt von marxelinho am 08. Februar 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


25. Januar 2016

Last Man Standing

Wenn Arsenal in diesem Jahr die Premier League nicht gewinnt, dann wird man nicht zuletzt an die null Punkte denken, die man gegen Chelsea gewonnen hat. Gegen eine zutiefst langweilige, lustlose Mannschaft, die großzügig Punkte in alle Richtungen verteilt, die im hinteren Mittelfeld durch die Saison stolpert, und die sich nur ab und zu kurz ein wenig konzentriert - wenn es darum geht, den Stadtrivalen aus dem Norden blöd aussehen zu lassen.

Dafür gibt es bei Chelsea einen eigenen Spezialisten: Diego Costa. Im Hinspiel an der Stamford Bridge hatte er mit Hilfe eines schwachen Schiedsrichters Gabriel Paulista provoziert und blamiert. Nun erwischte es Per Mertesacker, und gegen den Big F***ing German musste er nicht einmal zu seinen Mätzchen greifen. Er lief ihm einfach davon, nach einem klugen Pass von Willian, und Mertesacker schaffte nur noch eine Grätsche, die ihm einen Platzverweis einbrachte. Letzter Mann, langsamer Mann - so sollte man das nicht spielen. Und ein Stellungsfehler war es auch noch.

Mertesacker spielt eine spezielle Definition von Innenverteidiger. Er ist eher eine Art Säule, das Spiel kann bei ihm anbranden, in der Regel lässt er es kühl zurückschwappen, und wenn die Wellen hoch werden, dann wird er umso regloser. Das ist häufig ziemlich wirkungsvoll, aber im Fußball kommt es eben, vor allem, wenn es dann um Titel geht, auf die entscheidenden Momente an. In diesen Momenten versagt Arsenal oft.

Das Spiel gegen Chelsea hatte zerstreut begonnen, Ramsey und Özil wirkten in den ersten zwanzig Minuten, als wären sie noch nicht ganz bei der Sache. Als sie einmal in den Strafraum kamen, reklamierte Özil ein Handspiel - da war Willian schon unterwegs zum Konter, und spielte den Lochpass auf Costa, der sich in diesem Moment den idealen Gegner zum Davonlaufen ausgesucht hatte, den schwerfälligen Deutschen eben.

Das Spiel ging aber auch deswegen 0:1 verloren, weil Arsenal gleich darauf - der Freistoß nach dem Ausschluss von Mertesacker brachte nichts ein - den Treffer kassierte. Monreal ließ eine Flanke zu, Gabriel interessierte sich nicht für Costa, der im Fünfmeterraum die entscheidenden Schritte machte, um perfekt an den flach hereingebenen Ball zu kommen. Da fehlte es an Geistesgegenwart. Insgesamt deutet alles darauf hin, dass Gabriel Paulista nicht das Zeug zum Spitzenspieler hat.

Der Rest war ein mühsames Gemurks, vor allem viele Zweikämpfe, unterbundenes Herausspielen, Gestochere. Chelsea machte nicht einmal ernsthafte Versuche, ein zweites Tor zu erzielen, und Arsenal geriet mit ein paar schönen Kombinationen meist ins Abseits. Die Entscheidung von Wenger, Giroud nach der roten Karte zu opfern, war wohl ein Fehler. Selbst mit zehn Mann wäre gestern gegen Chelsea zumindest ein Unentschieden möglich gewesen, aber es fehlte letztlich doch an Substanz.

Nun ist Arsenal wieder im Pulk, zwei Punkte aus den letzten drei Spielen ließen den Vorsprung schrumpfen. In drei Wochen steht das überraschende Spitzenspiel gegen Leicester City an, vor allem aber werden nicht wenige Fans inzwischen auf das erste Wochenende im März vorausschauen: das Derby gegen Tottenham an der White Heart Lane könnte auch zu einem Spitzenspiel werden, denn die Spurs haben sich ohne großes Aufsehen hinter Arsenal und Manchester City in Stellung gebracht. Was von der Kampagne von Leicester zu halten ist, ist nach wie vor schwer auszumachen. Im Titelrennen hat Arsenal immer noch alle Chancen, aber das liegt auch daran, dass kein Team heuer wirklich überzeugt. Die Gunners machen da keine Ausnahme.


Eingestellt von marxelinho am 25. Januar 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


19. Januar 2016

Der Gott der kleinen Dinge

Das torlose Remis von Arsenal am Sonntag bei Stoke sagt viel über den gegenwärtigen Zustand der Premier League aus. In Deutschland gibt es ja so eine verhaltene, aber doch deutliche Propaganda gegen die global attraktivste Liga der Welt: Sie wäre zwar bei den Fernseheinnahmen weit enteilt, aber bei der Qualität hapere es doch deutlich. Und dann kommt gern noch so etwas wie: Ein Verein wie Crystal Palace (oder West Ham United, oder eben Stoke City) bekäme aus der TV-Verwertung mehr Geld als der FC Bayern. Was soll das denn!

Arsenal musste in Stoke ohne Mesut Özil spielen, von dem eine leichte Fußverletzung vermeldet wurde. Die Belastung des wichtigsten Arsenal-Spielers in der laufenden Saison wird, zweifellos nun, da eine ungeheuer intensive Phase beginnt, noch ein großes Thema werden. Arsenal muss im Februar gegen Barcelona in der Champion's League spielen, und im Mai steht in der vorletzten Runde ein Auswärtssspiel bei Manchester City an, das nach dem gegenwärtigen Trend in der Premier League vielleicht ein Entscheidungsspiel um den Titel werden könnte.

Gegen Stoke wurde Özil von Alex Oxlade-Chamberlain vertreten, de facto aber von einer flexiblen Mittelfeldformation, die häufig auch Aaron Ramsey in einer vorgerückten Rolle sah. Joel Campbell und Walcott zogen an die Sechzehnerecke, was vor allem rechts gut damit begründbar ist, dass Bellerin weiterhin sehr dynamisch an die Grundlinie strebt. Giroud spielte eher eine hängende Spitze, kam aber zweimal sehr gut zum Abschluss. Arsenal hatte leichte Vorteile, aber eigentlich war kein grundlegender Unterschied zwischen dem Topteam und dem notorisch unangenehmen Team von Stoke zu erkennen.

Die Qualität des Spiels war denn auch eine, die man typischerweise mit dem Fußball von der Insel assoziiert: enorme Leidenschaft, aufopferungsvolle Zweikämpfe, und rasantes Hin und Her, allerdings meist nur bis zum Sechzehner. Beide Formationen hielten dicht, wobei der Schiedsrichter an einer Stelle auch Elfmeter hätte geben können, denn Walcott wurde von Wollscheid unfair gestoppt. Der deutsche Legionär hatte einen schwierigen Tag und profitierte davon, dass der eigentlich gute Referee in einer wichtigen Phase ungefähr zehn Minuten lang zu viel laufen ließ.

Stoke beherrscht eine Form der Raumaufteilung, die es fast jeder Mannschaft schwer machen würde, Tempo ins Spiel zu bringen und Lücken zu finden. Mit Spielern wie Arnautovic, Bojan oder Joselu ist zwar auch offensiv viel möglich, das Charakteristikum des Spiels waren aber für mich eine ganze Reihe von Duellen an der Stoke-Grundlinie, bei denen Campbell oder Bellerin versuchten, einen verloren gehenden Ball noch zu holen, behindert von den körperlich natürlich starken Gegnern wie Pieters oder dem eingewechselten Mame Diouf, der fast ausschließlich in der Defensive gebraucht wurde.

Özil ist in solchen Begegnungen der Mann, der die ungewöhnlichen Dinge macht. Meist sind es kleine Dinge, die Qualität addiert sich dabei allmählich, wobei sich in dieser Saison seine Stilistik so markant ausgeprägt hat, dass man fast schon von einem Alleinstellungsmerkmal sprechen kann: denn dieses Bild von den Fäden, die er zieht, bis sich der Gegner im Netz verfängt, bis das Zulaufen einfach nicht mehr funktioniert, ist tatsächlich zutreffend. Gegen Stoke fiel das umso mehr auf, als Oxlade-Chamberlain sich in Ansätzen mit ähnlichen Versuchen zu erkennen gab, seine Passqualität war allerdings dürftig. Ramsey ist der einzige, der in dieser Hinsicht ein bisschen an die Qualität von Özil heranreicht. Vermutlich wäre es klüger gewesen, Ramsey deutlicher auf die Zehn zu verpflichten, aber die schlechten Pässe des "Ox" kamen häufig aus der Achterrolle.

Gegen Chelsea am kommenden Sonntag soll der "Gott der kleinen Dinge" wieder dabei sein, vielleicht auch Alexis Sanchez. Vielleicht auch schon Mohamed Elneny, der neue defensive Mittelfeldspieler. Ich bin ein großer Fan von Mathieu Flamini, aber es ist klar, dass auf seiner Position mehr möglich ist. Auch mehr, als Coquelin kann, der derzeit verletzt ist.

In den letzten Jahren hat Arsenal sich bei Stoke auch gelegentlich blamiert, insofern war der Punkt am Sonntag letztlich in Ordnung. Ein Statement aber wäre es gewesen, wenn die Mannschaft diesen besonders ungeliebten Gegner auch ohne Özil geschlagen hätte. Dazu kam es nicht, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass die Premier League in diesem Jahr so ausgeglichen ist wie lange nicht mehr. Das ist ein Indiz für generelle Qualität gerade auch im sehr umfangreichen Mittelfeld, deutet aber andererseits aber darauf hin, dass die Spitzenclubs nicht wirklich optimal arbeiten.

Wenn Stoke so weitermacht, und Hertha auch, dann könnte es im kommenden Jahr vielleicht zu einem Vergleich dieser beiden Teams kommen. Das wäre für mich ein echter Höhepunkt: Ich würde mir sehr gern Arsenal einmal in Stoke-on-Trent ansehen, ein Europapokalspiel wäre aber natürlich ein Hammer. Ich eile den Dingen voraus, aber nur, weil ich es kaum erwarten kann, dass ab Samstag auch in Deutschland wieder gespielt wird.



Eingestellt von marxelinho am 19. Januar 2016.
0 Kommentare

Kommentieren


27. Dezember 2015

Störenfriede beleben den Weihnachtsfrieden

In diesem Jahr, in dem Weihnachten besonders günstig liegt und drei stille Tage nach sich zieht und nicht zwei, war Fußball am Boxing Day besonders angebracht. Diese englische Tradition, die wahrscheinlich auch eine Menge zu der globalen Attraktion der Premier League beiträgt, denn in dieser Woche haben die Clubs von der Insel die Fernsehöffentlichkeit auf der ganzen Fußballwelt mehr oder weniger für sich allein.

Auf Sky liefen gestern drei Spiele, alle hatten es in sich: Früh am Nachmittag die klassische Störenfriedetruppe von Stoke City (mit Marko Arnautovic) gegen das lahme Millionenensemble von Manchester United unter dem schon lange nur noch grotesk wirkenden Louis Van Gaal (Stoke machte keine Faxen: 2:0); dann der Auftritt der Überraschungsmannschaft von Leicester City an der Anfield Road (Liverpool machte keine Faxen in einem langweiligen Spiel: 1:0). Damit war der Abend bereitet für einen klassischen Auftritt des Arsenal FC.

Mit einem Auswärtssieg in Southampton hätte die Mannschaft von Arsène Wenger nicht nur die Tabellenführung übernehmen können, sondern auch einen schon ganz schönen Vorsprung auf Platz 4 herausarbeiten können. Platz 4 ist ja im Lauf der letzten Jahr zu der designierten Position von Arsenal in der Schlusstabelle geworden. Dieses Jahr ist mehr drin, aber das hat wesentlich mit der "continued implausibility" der aktuellen Saison in England zu tun, wie der Guardian das so plausibel bezeichnet.

Chelsea und Manchester United sind bisher weitgehend indiskutabel, Manchester City müht sich durch die Saison, allenfalls Tottenham überzeugt relativ konstant, erweckt aber keine Begeisterung. Bleibt nur Arsenal als Team, das ein wenig Fantasie in den Betrieb bringt, es sei denn, man hofft wirklich darauf, dass eine Anomalie wie der Höhenflug von Leicester sich verstetigen kann. Das sah aber schon gestern gegen Liverpool nicht mehr danach aus.

Arsenal erlebte in Southampton dann den Alptraum, mit dem eigentlich zu rechnen war. Schon von der ersten Begegnung zwischen Laurent Koscielny and Shane Long an war klar, dass das wieder einer der typischen Abende werden könnte, an denen Arsenal (wir kennen die Klischees, und Mesut Özil verkörpert sie wie kein anderer: feingliedrig, inspiriert, aber auch leicht aus den Schuhen zu scheuchen) gegen eine Wand rennt. In diesem Fall stimmt das Bild nur zu gut: Das Pressing von Southampton war brillant, im Zentrum errichtete der imposante Wanyama eine No-Go-Zone, doch schon um die vorderste Linie fand Arsenal kaum einmal einen gangbaren Weg herum. Langsames Aufbauspiel führt bekanntlich selten zu einem Ziel, und Arsenal spielte gestern tatsächlich so, als wären die schweren Truthähne noch nicht verdaut, oder als hätte die Mannschaft den Heimsieg gegen ManCity vom vergangenen Montag zu lang gefeiert.

Der Coach beschwerte sich hinterher, dass bei den ersten drei Toren jeweils vorher abgepfiffen hätte werden müssen, tatsächlich gab es vor dem Wunderschuss von Martina eine Abseitsstellung, und der Corner, der zum dritten Tor führte, war eine Fehlentscheidung. Über das Kopfballtor selbst könnte man dissertieren, so perfekt machte es die Schwierigkeiten beim Verteidigen eines gut getretenen Eckballs deutlich: auf engstem Raum fand der Verteidiger Fonte doch die paar Meter, um knapp hinter dem ersten Pfosten aus kürzester Distanz zu verwerten: Flamini sprang unter dem Ball durch, und Koscielny sah nur den Ball kommen (von vorn, also von der Seite), nicht aber den Gegner (von rechts, also auf das Tor zu).

Muss ich ergänzen, dass Özils Eckbälle an diesem Tag schlaff waren? Dass Walcott sich sinnlos verzettelte, dass Joel Campbell sich in defensiven Zweikämpfen aufrieb, weil Southampton die ganze Zeit gefährlich war? Das ist eben die Premier League: Eine Spitzenmannschaft aus London muss am zweiten Weihnachtsfeiertag an die Küste, der Wind pfeift durch das Stadion und zerrt an Özil ganz besonders, der Platz ist nicht viel besser als der in Darmstadt. Und morgen geht es schon weiter.

Nach Meinung vieler hat die Niederlage in Southampton gezeigt, dass Arsenal auch weiterhin in entscheidenden Momenten versagen wird. Doch würde ich das noch nicht zu dramatisch nehmen. Die interessante Momentaufnahme können wir am kommenden Wochenende machen, nach dem 20. Spieltag. Vor einem Jahr gewann Arsenal die ersten beiden Feiertagsspiele und verlor dann das dritte (gegen Southampton auswärts), stand danach bei 33 Punkten und auf Platz 6. Dieses Jahr stehen nun zwei Heimspiele an, gegen Bournemouth und Newcastle. 42 Punkte vor dem allmählichen Einbiegen auf die Zielgerade sind möglich.

Allerdings ist die Personaldecke sehr dünn. Das zeigte sich, als Wenger die zweite Einwechslung vornahm. Er brachte Chambers für Flamini, ohne auch nur den geringsten Effekt. Eine Spitzenmannschaft muss von der Bank aus etwas zusetzen können. Arsenal brachte schließlich Iwobi für Walcott. Diese Woche zwischen dem Boxing Day und dem zweiten Neujahrtstag hängt sich an, wie man in Österreich sagt, sie strapaziert Körper und Seele. Es wird interessant werden, wie Özil, bei dem gestern zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder die Ringe unter den Augen hervortraten, das verkraftet. Das Spiel in Southampton hätte Arsenal durch Nichtantreten besser lösen können (0:3 statt 0:4), aber dann würde auch eine Niederlage fehlen, an der man sich reiben kann. Interessante Saisonen entstehen dann, wenn eine Mannschaft interessante Antworten gibt. Dieses Mal stellte Southampton die Fragen an Arsenal möglicherweise zum bestmöglichen Zeitpunkt.


Eingestellt von marxelinho am 27. Dezember 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


15. Dezember 2015

Messi gegen Mesut

Man vergleiche zwei Auseinandersetzungen im Achtelfinale der Champion's Leage: Arsenal gegen Barcelona und Wolfsburg gegen Gent. Die eine passt in den Bewerb, die andere würde selbst in der Europa League langweilen. Soviel zum Losglück. Dazu kommt noch, dass Juve gegen Bayern, das mich auch interessiert hätte, zur selben Zeit läuft wie die Herausforderung des Titelverteidigers durch den Arsenal FC. Da ist also das eine oder andere nicht so optimal gelaufen. Ich werde mir dementsprechend PSG - Chelsea, Roma - Real, Dinamo Kiew - ManCity und natürlich Messi gegen Mesut anschauen.

Arsenal ist so gerade noch als Gruppenzweiter ins Achtelfinale gekommen. Am letzten Spieltag der Gruppenphase brauchte es einen Sieg mit zwei Toren bei Olimpiacos Piräus. Es gelang ein 3:0, das in den englischen Medien ziemlich enthusiastisch gefeiert wurde. Schließlich gab es bei Arsenal in den letzten Jahren fast schon etwas wie eine Tradition, das letzte Spiel in der Gruppe zu vergeigen, und dann als "second best" einen übermächtigen Gegner in der ersten Runde der direkten Duelle zu bekommen. Zuletzt war das gern der FC Bayern.

Dieses Mal ist es Barcelona. Also im Grunde wieder die gleiche Situation, nur mit einem anderen Momentum erreicht, weil Arsenal dieses Mal die ersten beiden Spiele in der Gruppenphase gegen Zagreb (auswärts) und Piräus (daheim) verlor. Das 2:0 gegen den FCB im Emirates, das zugleich glücklich und verdient war, war lebenswichtig, das peinliche 1:5 im Rückspiel erwies sich als nur von statistischem Belang.

Arsenal könnte in zwei Monaten durchaus konkurrenzfähig in das Duell mit Barcelona gehen. Viel wird davon abhängen, wie Özil durch den Winter kommt. Derzeit wirkt er fast unerschütterlich. Er läuft und läuft, er arbeitet viel, aber er macht das auf seine Weise, also leichtfüßig und geschickt, und dann packt er, sobald sich eine Lücke ergibt, einen Pass aus wie den auf Aaron Ramsey, mit dem sich das davor zähe Spiel gegen Olimpiacos öffnete. Ein schnurgerader vertikaler Pass an den Rand des Sechzehners, durch zwei Linien hindurch, ideal für eine Flanke. Giroud traf mit dem Kopf. Der Kopfball war haltbar.

Auch danach beherrschte Arsenal nicht eigentlich das Spiel, konnte aber die entscheidenden Momente markieren: ein gefinkelter, technisch exzellent vorbereiteter Strafraumpass von Joel Campbell ermöglichte Giroud das zweite Tor. Campbell war in München noch dramatisch überfordert gewesen, inzwischen scheint er in der Mannschaft angekommen zu sein. Er spielt, weil Alexis Sanchez verletzt ist, und Walcott und Oxlade-Chamberlain gerade erst aus dem Lazarett zurückkamen, wie auch Aaaron Ramsey, der zentral derzeit Cazorla vertritt, neben Flamini, der zur Zeit Coquelin vertritt.

Die vielen Verletzungen sind bedenklich, aber der Kader scheint doch so verfasst zu sein, dass derzeit zumindest ein paar Positionen ganz gut doppelt besetzt sind. Das gilt allerdings für zwei oder wohl eher drei Positionen ganz eindeutig nicht. Koscielny hat in der Innenverteidigung keinen auch nur in Ansätzen ebenbürtigen Ersatzmann, jedenfalls müssen wir das nach einigen desaströsen Auftritten von Gabriel Paulista schließen. Bei Calum Chambers ist derzeit ziemlich unklar, ob er die hohen Erwartungen, zu denen er anfangs Berechtigung zu geben schien, tatsächlich erfüllen kann.

Der zweite unverzichtbare Spieler ist natürlich Özil. Er spielt eine außergewöhnliche Saison, ein Einfädler par excellence, das Bild passt wirklich in jeder Hinsicht. Bei ihm wird es sehr darauf ankommen, ob Wenger es schafft, ihm bis Februar die sicher bald dringend benötigte Pause geben kann. Dagegen spricht, dass Arsenal in der Liga gut dasteht, und die Spiele um Weihnachten unbedingt gewinnen muss, um aussichtsreich in das neue Jahr zu kommen. Die Leichtigkeit, die Özil derzeit bei aller Intensität ausstrahlt, wird gegen Barcelona mehr denn je gebraucht werden - man kann nur hoffen, dass er sie dann noch hat und nicht völlig ausgebrannt ist. Derzeit ist er einer der laufstärksten Spieler bei Arsenal, wobei er es wie gesagt schafft, selbst Zweikämpfe elegant aussehen zu lassen.

Bei Olivier Giroud würden sicher nicht alle Fans sagen, dass er unverzichtbar ist. Der sehr umstrittene Mittelstürmer, zu dem ich eine große Zuneigung habe, hat sich mit den drei Toren in Piräus allerdings im Standing enorm verbessert. Fällt er aus, wäre nur noch Walcott für die zentrale Spitze da, denn der brillante Danny Welbeck ist noch lange verletzt.

Der CL-Termin Mitte Februar bildet nun einen interessanten zeitlichen Horizont für die Personalfragen der kommenden Wochen. Sanchez könnte dann schon wieder in Form sein. Coquelin wird wohl noch fehlen, wie auch Santo Cazorla. Welbeck könnte wieder in Betracht kommen. Verletzungspausen sind niemals wünschenswert, aber für die Spieler bedeuten sie doch so etwas wie eine Erholung vom dem brutalen Viertagerhythmus. Sanchez könnte also von seiner Pause profitieren, Welbeck wäre wohl super frisch - aber auch schon im Rhythmus? Ein neuer Sechser, sollten Wenger im Winter einen kaufen, wird wohl noch nicht vollständig integriert sein können gegen Barcelona. Das gälte auch für einen Striker.

Ich führe das alles an, weil man daran schön sehen kann, wie sehr wir als Fans inzwischen gelernt haben, die Planspiele der Verantwortlichen zumindest in Ansätzen nachzuvollziehen. Unmittelbar bevor steht für Arsenal nun das Spitzenspiel gegen Manchester City am kommenden Wochenende. Dafür steht auf jeden Fall eine konkurrenzfähige Mannschaft zur Verfügung. Ich würde Arsenal sogar leicht favorisieren. Das 3:0 in Piräus könnte sich tatsächlich noch als entscheidender Moment einer bisher sehr interessanten Saison erweisen.




Eingestellt von marxelinho am 15. Dezember 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


05. November 2015

Wehe, wehe, wenn ich an das Ende sehe

Es hätte ein Statement werden können, wenn Arsenal am Mittwochabend beim FC Bayern eine gute Leistung gezeigt hätte, vielleicht mit einem Remis die Gruppe ein wenig spannender gemacht hätte (sie ist es auch so, allerdings auf eine Weise, die keinem Fan der Gunners behagen kann). Das Statement hätte ganz Europa vernommen, wo man in dieser Saison angesichts einer deutlich verbesserten Bayern-Mannschaft auch aus prinzipiellen Gründen nach Konkurrenz Ausschau hält. Der Arsenal FC hat sich aus diesem Zusammenhang allerdings mit einer blamablen Leistung vorläufig abgemeldet.

Sicher war die stark depletierte Mannschaft, die Arsène Wenger gegen eine exquisite erste Elf des FCB aufbieten musste, von vornherein durch Umbauten beeinträchtigt. Aber das Personalmanagement ist nun einmal ein entscheidender Punkt, bei dem der langjährige Trainer häufig auf berechtigte Kritik trifft. Das Spiel in der Allianz-Arena war auch ein Test, ob der Kader auf absolute Topspiele hin ausgelegt ist - und wir wissen nun einmal mehr, dass er das nicht ist.

Das schwächste Glied in einer bedenklich hilflosen Mannschaft war Gabriel Paulista, nominell die Nummer 3 unter den Innenverteidigern nach Koscielny (meldete sich mit Hüftproblemen vor dem Start ab) und Per BFG Mertesacker, dem Kapitän in Vertretung von Mikel Arteta, bei dem es nicht mehr für die erste Mannschaft reicht. Paulista konkurriert mit Calum Chambers eigentlich um die Mertesacker-Nachfolge, derzeit sind beide eher beschädigt.

Den wunderbaren Pass von Thiago auf Lewandowski, der zum Führungstreffer führte, hätte man sicher eher unterbinden sollen, als dass Paulista die Bewegung des Angreifers hätte antizipieren können - der Pass war ja genau so gespielt, dass der Verteidiger in beide Richtungen schlecht aussehen sollte, er konnte Lewandowski weder folgen noch ihn ins Abseits stellen. Beim 0:3 durch Alaba und beim 1:5 durch Müller war Paulista jeweils zu spät und zu wenig dynamisch und auch insgesamt einfach zu wenig präsent. Aber da war der Schaden auch schon angerichtet.

Beim zweiten Gegentor machte Mertesacker sich merkwürdig dünn, als müsste er Müller den Spalt öffnen, den er dann auch zum Torschuss nützte. Das passt in das Bild, dass Arsenal von Beginn an kein Mittel gegen das flexible und flinke Spiel der Bayern fand, und sich zunehmend auch körpersprachlich verabschiedete. Die rechte Seite mit dem ganz schwachen Joel Campbell und dem auch immer wieder überforderten Debuchy war eine Vorgabe. Bedenklicher müsste aber stimmen, dass Özil und Sanchez früh das Interesse an dem Spiel verloren. Da war bald nichts mehr von der leidenschaftlichen Teamarbeit zu sehen, die Arsenal heuer häufig ausgezeichnet hat.

In der CL-Gruppe läuft es, wenn die Bayern mitspielen und Olimpiacos schlagen, für Arsenal auf ein Endspiel in Griechenland hinaus. Traditionell gab es im letzten Gruppenspiel, häufig auswärts bei einer nominell schwächeren Mannschaft, in den letzten Jahren oft eine Pleite und damit ein schwereres Los als Gruppenzweiter im Achtelfinale. Heuer müssten wir darüber schon froh sein, im Frühjahr überhaupt noch mitspielen zu können.

Das Spiel kam auch irgendwie zur Unzeit. Der Sieg gegen Bayern in London wurde offensichtlich nicht als so glücklich verstanden, wie er de facto auch war, und die guten Leistungen in der Premier League haben den Blick darauf verstellt, dass es noch eine andere Preisklasse in Europa gibt. Verletzungen von Ramsey, Walcott, Oxlade-Chamberlain, Koscielny, Bellerin waren gegen einen fast vollzähligen Bayern-Kader nicht zu kompensieren. Arsenal hat personell ganz eindeutig nicht die erforderliche Tiefe.

Vielfach wird nun, halb im Ernst oder auch wirklich seriös, vorgeschlagen, die Gunners sollten sich auf die Meisterschaft konzentrieren und die Champion's League vergessen. Das ist natürlich Unsinn, denn man sieht doch, wie schwierig es ist, auch nur ein vergeudetes Jahr nachzuarbeiten. Und Arsenal stagniert schon viele Jahre in der erweiterten europäischen Spitze, ohne auch nur in die Nähe der Macht zu kommen. Das Resultat in München war zum Glück deutlich genug, um als Zeichen lesbar zu sein. Folgerungen sind allerdings keineswegs so leicht zu ziehen. Auf Gabriel Paulista würde ich aber auf jeden Fall nicht bauen, wenn es künftig darum geht, eine Topdefensive zu formieren.


Eingestellt von marxelinho am 05. November 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


06. Oktober 2015

Der Zweck heiligt das Drittel

Am Sonntag gab es zwei globale Spitzenspiele fast gleichzeitig. Dabei hätte ich nach zwanzig Minuten ohne Weiteres von Arsenal vs. Manchester United zum deutschen Klassiko umschalten können, denn im Emirates Stadium stand es nach Toren von Sanchez (2) und Özil schon 3:0, und dieses Ergebnis sah Arsenal auch zur Tür hinaus, wie man in einer etwas zu wörtlichen Übersetzung des englischen "seeing out a game" sagen könnte. Manchester United ging mit Ambitionen auf die EPL-Tabellenführung in das Spiel, es ist aber unübersehbar, dass das ein dürftiges Team ist, das Louis Van Gaal da befehligt.

Für die Arsenal-Fans geht damit das übliche Leben weiter. Arsenal gerät doch nie so eindeutig ins Trudeln, dass man einmal über einen grundlegenden Neubeginn nachdenken würde oder müsste. Und gelegentlich meldet das Team doch seine Ansprüche auf die besten Plätze an. Doch es mangelt nicht an Enttäuschungen, in diesem Jahr kamen sie früh vor allem in der Champion's League, wo die ersten beiden Spiele in der Gruppenphase, auswärts bei Dinamo Zagreb und daheim gegen Olimpiacos Piräus, verloren wurden. In beiden Fällen stellte Wenger keine vollständige erste Elf auf, zumindest in Zagreb konnte man fast meinen, es läge eine Verwechslung mit dem englischen Cup vor, wo sich traditionell die Reservisten zeigen dürfen.

Die null Punkte, mit denen Arsenal nun der Gruppe hinterherschaut, haben aber eine interessante Konsequenz. Denn die beiden Spiele gegen den FC Bayern, die schön in der Mitte des Bewerbs liegen, also mit direktem Hin- und Rückspiel, bekommen nun schon den Charakter eines vorgezogenen Achtelfinales. Unter normalen, also erwarteten Umständen, hätten sich die beiden Gruppenfavoriten das gemütlich untereinander ausmachen können, es wäre also in erster Linie um den Gruppensieg gegangen, wobei Arsenal ja ohnehin schon beinahe traditionell auf Platz 2 abschließt.

Nun aber ist die Ausgangsposition anders: Arsenal braucht mindestens vier Punkte aus diesen zwei Spielen, müsste sich also insgesamt gegen Bayern durchsetzen. Es wird der zweite richtige Test für Guardiolas verjüngtes Topteam, der erste gegen den BVB verlief ja doch ziemlich eindeutig, und man habe Verständnis, wenn ich das Heimspiel des FCB gegen den VfL Wolfsburg nicht in diese Preisklasse einbeziehe.

Hat Arsenal aber Chancen gegen Bayern? Unbedingt, allerdings hat die Mannschaft doch viele Bruchstellen eingebaut, ist also eminent gefährdet. Trotzdem muss man Arsenal zu den seriösesten Herausforderern in Europa zählen. Es fragt sich halt immer nur, wie seriös die Mannschaft selbst gerade jeweils ist. Interessant ist jedenfalls, dass Thomas Tuchel es in München mit einer Formation versucht hat, die für den BVB eher ungewöhnlich war, während sie gewissermaßen die Blaupause des Arsenal-Spiels seit ungefähr einem Jahr darstellt. Damals wurde Santi Cazorla ins zentrale Mittelfeld zurückgezogen, neben Coquelin, ergänzt von Ramsey, der nominell rechts spielt, aber eigentlich auch zentral. Davor agieren Özil (überall) und Sanchez (von links bis an die rechte Grundlinie bevorzugt halbdiagonal).

Die Neuerung dieser Spielzeit ist bisher, dass statt Giroud meistens Walcott den zentralen Angreifer macht. Gegen Bayern ist diese Aufstellung auf jeden Fall auch zu erwarten, weil die hohe Linie von Guardiolas Formationen geradezu nach einem Spielertyp wie dem schnellen Walcott verlangt. Er hat einen guten Abschluss, und er bereitet auch vor, sodass der von mir eigentlich sehr geschätzte Giroud nun tatsächlich aus guten Gründen derzeit zweite Wahl ist. Walcott weiß einfach mit dem "letzten Drittel" mehr anzufangen, und das ist gegen die Bayern bekanntlich häufig so offen, dass man dort vor allem auf Manuel Neuer trifft.

Özil ist in dieser Saison deutlich präsenter und engagierter, offensichtlich hat er an der Matchfitness gearbeitet. Bei seinem Spiel stellt sich ja immer ein wenig die Frage, ob es nicht vielleicht doch reichen könnte, es in reiner Schönheit und in Absehung von der Zweckhaftigkeit zu genießen. Seine Eleganz ist einfach immer wieder unglaublich, sie bekommt nun aber durch die Intensität, die Sanchez ihm beigesellt, noch andere Akzente. Der Linksdrall, der in Arsenals Spiel auch dadurch kommt, dass aus Monreal ein ziemlich guter offensiver Außendecker geworden ist, ist allerdings keineswegs so bestimmend, dass nicht tolle Tore über rechts möglich wären. Die Führung gegen Manchester United kam so zustande.

Wenn Jürgen Klopp, wie inzwischen allgemein erwartet wird, in dieser Woche den FC LIverpool übernimmt, wird die Premier League noch ein bisschen deutscher. Arsène Wenger gilt ja auch als "deutsch". Ich habe inzwischen notgedrungen meinen Frieden mit ihm gemacht: Seine Arbeit hält Arsenal nun einmal in einer Position, aus der heraus jederzeit vielleicht doch noch einmal etwas Besonderes möglich werden könnte. Das ist als Verdienst letztlich größer als die Ungewissheit eines radikalen Neuanfangs. Und so leben wir eben mit diesem "vielleicht doch mal", nach einem satten Sieg über Manchester United sogar für den Moment ganz gut.


Eingestellt von marxelinho am 06. Oktober 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


25. August 2015

Der Spinnenmann webt das Netz

Nach drei Spielen mit einer Niederlage (daheim gegen West Ham United), einem knappen Sieg (auswärts bei Crystal Palace) und einem torlosen Remis im Heimspiel gegen den FC LIverpool sind die Aussichten des Arsenal FC für die neue Saison noch bemerkenswert unklar. Zum ersten Mal seit längerer Zeit wurde die Mannschaft von Arsène Wenger in diesem Jahr zum erweiterten Kreis der Titelaspiranten gezählt. Es sieht aber doch eher danach aus, als würde es wie üblich knapp nicht reichen. Allerdings könnte sich personell ja noch etwas verändern, eine Woche ist noch Zeit für die Verpflichtung von Verstärkungen.

Das Spiel gegen Liverpool war heftig umkämpft und wurde von beiden Seiten erstaunlich offen interpretiert. Unaufhörliches gegenseitiges Abjagen des Balls war das markanteste Charakteristikum, erst gegen Ende kam es zu einem orthodoxeren Vortrag mit dem typischen Arsenal-Powerplay, gegen das Skrtel eine Defensive organisierte, die zumeist den entscheidenden Block anbrachte und manchmal auch in höchster Not gerade noch so ein Eigentor vermied.

Umgekehrt hatte Liverpool vor allem in der ersten Halbzeit zahlreiche Chancen, was mit der neuen Viererkette von Arsenal zu tun hatte (Mertesacker und Koscielny fehlten, es spielten Paulista und Chambers), und mit Problemen in den Halbräumen zwischen Coquelin und der letzten Linie sowie den nicht immer perfekt zurückarbeitenden offensiven Fünf. Das ist in diesem Jahr der Arsenal-Diamant: Cazorla, Sanchez, Ramsey, Giroud und zwischen ihnen allen der unermüdliche Einfädler Özil, ein Genuss, ihm zuzuschauen, allerdings auch ein frustrierender, denn es kommt nicht viel heraus.

Arsenal hat vermutlich eine der variabelsten Offensivreihen in Europa in diesem Jahr, mit Ramsey nominell auf dem rechten Flügel, de facto aber überall, wie am besten bei einem frühen Tor nach Traumpass von Cazorla zu sehen war - es wurde wegen Abseits nicht gegeben, die Zeitlupe ließ eher gleiche Höhe erkennen. Cazorla kommt aus der Tiefe neben Coquelin, Sanchez bearbeitet den linken Flügel mit Zug ins Zentrum, Monreal bringt sich offensiv gut ein, und Özil ist der Spider-Man - unter seiner Leitung webt Arsenal das Gladiatorennetz, in dem sich der Gegner schließlich nicht mehr ausreichend bewegen kann.

Liverpool wankte, wollte aber nicht fallen, und so musste dieser Auftritt als unentschieden gewertet werden. Was sind nun die personellen Probleme, die einer Lösung durch Zukauf bedürfen? Viele sagen, dass Giroud nicht die Qualität für die europäische Elite hat. Gegen Liverpool hatte er tatsächlich ein schwächeres Spiel, insgesamt halte ich ihn aber für gut genug, zumal mit Welbeck ein weiterer Topmann da ist, der allerdings erst in einem Monat nach einer Knieverletzung zurückerwartet wird.

Die Schlüsselpersonalie ist vermutlich doch die älteste, mit der wir es unter Wenger zu tun haben. Er ziert sich weiterhin, einen herausragenden Sechser zu kaufen. Mit Coquelin hat er in diesem Jahr einen Mann aus dem Hut gezaubert, mit dem wirklich niemand gerechnet hat. Der Franzose brachte sich auch gegen Liverpool in seiner robusten Art gut ein, hatte zwei absolut wichtige Tacklings, und lief viele Räume zu, die vor allem durch Benteke geschaffen wurden, der Chambers eine Weile in alle möglichen Richtungen lockte.

Aber eigentlich hätte der fast in jedem Spiel mit einer zweiten gelben Karte flirtende Coquelin gegen Crystal Palace ausgeschlossen werden müssen, dann wäre gestern Arteta auf dieser Position drangekommen, und das Spiel wäre Arsenal vielleicht um die Ohren geflogen. Soll heißen: im zentralen defensiven Mittelfeld fehlt es an Absicherung, auch wenn Chambers dort auch spielen kann. Mit Krystian Bielik wird ein Nachfolger für Vieira aufgebaut, aber der junge Mann wird erst nächstes Jahr 18.

Die vielleicht prägendste Erfahrung im Leben eines Arsenal-Fans ist das Déjà-vu. Die Mannschaft kommt immer wieder dort an, wo wir sie schon oft gesehen haben - das erste Heimspiel gegen West Ham war eine Blaupause steriler Überlegenheit, das zweite gegen Crystal Palace war eine Demonstration von Dominanzspiel (bei immer noch starker Volatilität), das Spitzenspiel gegen Liverpool war geprägt von eingehegter Anarchie (das wesentliche Hin und Her fand in den neutralen Zonen zwischen den Strafräumen statt). Bleibt als augenblickliche Erkenntnis nur, sich mit Stilnoten zu bescheiden: Arsenal 2015/16 ist ein Vergnügen, aber gelegentlich würde man als Fan ja auch gern jubeln. Sollte diese Mannschaft einmal einen Rhythmus finden (wofür die Zeichen in der langen englischen Saison natürlich nicht so gut stehen), dann könnte wirklich viel möglich werden.



Eingestellt von marxelinho am 25. August 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


18. März 2015

Der Hügel hatte keinen Gipfel

Der Konjunktiv ist die Religion der Fußballfans. Und seit gestern habe ich ein paar neue Glaubenssätze. Es sind natürlich hypothetische  Sätze, und sie betreffen Details, an denen nur wirklich fromme Anhänger ein Interesse haben können. Also: Ich glaube, dass Arsenal sich gegen den AS Monaco noch durchgesetzt hätte, wenn Arsène Wenger gestern nicht Danny Welbeck, sondern Alexis Sánchez ausgetauscht hätte. Und ich glaube, dass Arsenals Aufgabe im Rückspiel nicht ganz so schwierig gewesen wäre, wenn im Heimspiel Szczesny im Tor gewesen wäre, denn der hätte den - wie sich schließlich erwies, uneinholbaren - dritten Gegentreffer verhindert. Mit den Fingerspitzen.

Bekanntlich hat Arsenal das Heimspiel gegen den AS Monaco, den ich für einen relativ leichten Gegner hielt, weil ich die konkrete Mannschaft überhaupt nicht kannte, mit 1:3 verloren. Auf eine wirklich vermaledeite Weise, denn Oxlade-Chamberlain, der den späten Anschlusstreffer erzielt hatte, ermöglichte in allerletzter Minute noch einen Konter, der das 1:3 brachte. Ospina, seit mehreren Wochen nun schon die neue Nummer 1 im Tor von Arsenal, streckte sich, war aber chancenlos. Szczesny, einer der herausragenden Keeper dieser Welt, ist auf solche Situationen spezialisiert. In anderen stellt er sich manchmal ungeschickt an, aber er ist insgesamt zweifellos besser als Ospina.

Die Aufgabe war also schwer genug vor dem Auswärtsspiel, das ich gestern in einer Wettkneipe des Frankfurter Bahnhofsviertels sah (insgesamt ein Ort, an dem ich freiwillig keine zehn Minuten bleiben würde, der zieht einen schon ganz schön hinunter, aber ich hatte keine Wahl). Und die ersten zehn Minuten waren auch furchtbar. Monaco, ein exzellentes Kollektiv, machte die Räume in einer Weise dicht, dass Arsenal fast schon auf Standmodus umschalten hätte können. Doch dann begannen sie zu arbeiten, und es wurde ein absolut großartiges, heroisches, insgesamt aber sicher nur für Hardcore-Fans wie mich begeisterndes Arbeiten "den Hügel hinauf", wie man im Englischen so schön sagt: an uphill struggle.

Arsenal brauchte drei Tore, und hatte Chancen für vier bis fünf. Aber so ist das eben gegen eine mit Haken und Ösen verteidigende Mannschaft: auch die Chancen haben noch Haken. Und so gelangen letztendlich eben nur zwei Tore. Giroud traf einmal, Ramsey dann rund zehn Minuten vor Schluss. Sah alles nach Matchplan aus, aber der letzte Anlauf war dann nicht mehr effektvoll genug. Zu diesem Zeitpunkt war einer der besten Spieler nicht mehr auf dem Platz: Danny Welbeck, den ich inzwischen fast so sehr liebe wie Alexis, hatte Theo Walcott Platz gemacht. Sánchez aber hatte ein unglückliches Spiel, er rieb sich auf, stand am Rand einer gelb-roten Karte, und war auch insgesamt am meisten aufgebracht, während Özil und Cazorla ihre undankbare Aufgabe, ein Bollwerk mit feiner Klinge auseinanderzunehmen, mit einer fast schon franziskanischen Schönheit versahen. Ich meine giullari di dio, wie bei Rossellini, nicht von ungefähr heißt Cazorla mit Vorname Santi!

Wie gesagt, ich würde gern einen Blick in das Paralleluniversum werfen, in dem Welbeck auf dem Platz blieb. Seine Läufe, seine Dribblings, seine Kombinationen mit Giroud waren die beste Waffe, die Arsenal aufzubieten hatte. Es ist eine fast schon wieder großartige Mannschaft, die da 2015 allmählich konkreter wird, wobei unklar ist, wann Arsenal die letzte große Mannschaft hatte. 2004, oder doch 2006, im Champion's League-Finale?

Für mich ist und bleibt der Bruch das Spiel gegen Birmingham im Februar 2008, im dem Eduardo der Fuß gebrochen wurde. Seit damals sucht Arsenal nach der Selbstverständlichkeit, fast sehe ich sie schon wieder, aber die ungenügenden Leistungen in der Champion's League verunmöglichen natürlich jede plausible Rede von einem großen Team. Wenn ich mir jetzt die Formation von damals noch einmal ansehe, bin ich übrigens auch verblüfft, wer damals dabei war: Senderos würde ja niemand (mehr) für einen Weltklasseverteidiger halten, und Adebayor war auch nur bei Arsenal wirklich groß.

Es wird also vermutlich auf ein FA-Cup-Finale gegen Liverpool hinauslaufen, was diese Saison für Arsenal noch reizvoll macht. In der CL hat es einmal mehr an der Einstellung für ein entscheidendes Match gefehlt: das Heimspiel gegen Monaco hat Arsenal naiv bestritten. Wenger hat die Naivität der Mannschaft attestiert, aber er ist der Coach, der es seit Jahren daran mangeln lässt, die großen Spiele hinreichend vorzubereiten. So bleibt im Moment nur der Stolz darauf, dass Arsenal sich mit Würde verabschiedet hat. Selten habe ich die Mannschaft so gemocht wie gestern, als sie am Ende fast schon ganz oben auf dem Hügel stand. Nur den letzten Schritt machte sie bloß im Konjunktiv.



Eingestellt von marxelinho am 18. März 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


26. Februar 2015

Herz schlägt Hirn

Es war eine helle Freude, Arsenal gestern gegen den AS Monaco spielen zu sehen. Die erste halbe Stunde war ein Feuerwerk, man hatte den Eindruck eines Trainingsspiels, auf den Endzweck kam es nicht an, es ging nur um interessante Läufe, feine Pässe, weit aufgerücktes Arbeiten gegen einen Gegner, der wirkte, als wäre er eigens dazu bestellt, dieser funkelnden Arsenal-Offensive einen guten Test zu ermöglichen.

Leider war es ein reguläres Spiel, das Hinspiel im Viertelfinale der Champion's League, und leider hatte Monaco einen Plan, der auf das Weiterkommen in diesem Bewerb ausgerichtet war. Noch vor der Pause bot sich zum ersten Mal ein prächtiger Raum im Mittelfeld, Kondogbia zog ab, Mertesacker lenkte ab, Ospina war perplex. Damit hatte Monaco ein Auswärtstor, und Arsenal rannte hinterher.

Ich muss gestehen, dass ich von Monaco nicht viel wusste. Ich war also ebenso naiv wie Arsène Wenger, der seine Mannschaft mit einem Hurra-Ansatz auf das Feld gehen ließ. Allerdings bin ich nicht hauptberuflich und hochbezahlt damit beschäftigt, ein Team für einen Wettbewerb zu präparieren, aus dem Arsenal nun einmal mehr früh auszuscheiden droht. Die taktische Unzulänglichkeit, mit der Arsenal sich immer wieder präsentiert, ist fast schon ein Markenzeichen geworden - die Anfälligkeit für Umschaltmanöver war aber gegen Monaco vor allem deswegen eklatant, weil angeblich die Mannschaft selbst von Wenger zuletzt in der Liga eine zurückhaltendere, sicherheitsbetontere Spielweise gefordert hatte.

In der zweiten Halbzeit war es ausgerechnet Per Mertesacker, der mit einem Zweikampf weit in des Gegners Hälfte noch größeres Unheil heraufbeschwor. Berbatov schloss einen lupenreinen Konter gelassen ab. Danach nahm Wenger seinen einzigen Sechser Coquelin vom Platz (der hatte auch in der Szene mit Kondogbia deutlich seine Aufgabe verfehlt und war ganz wo anders auf dem Platz), ersetzte ihn durch Alex Oxlade-Chamberlain, der dann in den "sterbenden Momenten" des Spiels noch zum tragikomischen Helden wurde: Zuerst erzielte er mit einem überlegten Schuss von der Sechzehnmetermarke den Anschlusstreffer, gleich danach verlor er einen Ball so, dass Monaco in der allerletzten Minute noch das 3:1 erzielte.

Wir waren ein bisschen "suizidal", sagte Wenger danach in der Pressekonferenz. "Wir haben gehudelt (we rushed the game)." Er war wohl selber ein wenig verdutzt, dass seine ehemalige Mannschaft (seine Karriere begann beim AS Monaco) eine so phänomenale Leistung zeigen würde, nahezu perfekte Staffelung und Geschmeidigkeit in Kontraktion und Expansion. Natürlich hatte Monaco nach dem ersten Tor das Momentum auf seiner Seite, aber das dann auch so geschickt zu nützen, das gereichte nicht zuletzt dem Bewerb zur Ehre. Im Viertelfinale der Champion's League wird schon außergewöhnlich gut gespielt, ich wurde zwischendurch manchmal kurz ein wenig trübsinnig, wenn ich mir Hertha in so einem Match vorzustellen versuchte.

Aber es hat eben jede Begegnung ihre eigenen Bedingungen. Arsenal hat sich allerdings in den letzten Jahren doch verlässlich als eine Mannschaft erwiesen, die sich auf diesem Niveau gern überrumpeln lässt. Das Heimspiel gegen Barcelona 2012 war das letzte, bei dem ich einen Plan erkennen konnte.


Schade ist die Naivität vor allem deswegen, weil Arsenal 2015 großartige Ideen hat, wie ich schon sagte: die ersten dreißig Minuten waren wunderbar, nur nicht unter dem Aspekt, dass Fußball ein Ergebnissport ist. Nach dem 0:2 bewies übrigens Mesut Özil einmehr mehr, dass er für die Spiele, in denen es hügelaufwärts geht, nicht geeignet ist. Er verschwand von der Szene, aber Wenger wollte ihn nicht auswechseln.

Ceterum censeo, dass Szceszny der bessere Torhüter als Ospina ist.


Eingestellt von marxelinho am 26. Februar 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


19. Januar 2015

Kein Satz vom Grund

Langsam, aber sicher beginnt diese Spielzeit interessant zu werden. Wir nähern uns der Rückrunde in Deutschland, die Hinspiele in der Champion's League sind auch schon am Horizont auszunehmen. Und die Premier League, die nie richtig Pause hatte, wird immer intensiver. Arsenal hat am Sonntag mit einem 2:0 bei Manchester City einen bemerkenswerten Sieg geschafft. Denn die Bilanz gegen die Top Teams in England war in den letzten drei Jahren so verheerend, dass Arsène Wenger zuletzt sogar zu dem desparatesten aller Trainer-Manöver Zuflucht nahm und auf die längere Geschichte verwies: man möge ihn doch bitte eher an den 18 Jahren seines Schaffens in Nord-London messen, und nicht an diesen peinlichen Ergebnissen der letzten Jahre.

Nun hat er ein Argument auf seiner Seite, denn diesen Sieg brachte Arsenal über die Zeit, ließ sich nicht in letzter Sekunde noch den Erfolg stehlen wie neulich in Liverpool. Es war ein verdienter Sieg, der aber auch mit einer faden Leistung des MCFC zu tun hatte. Sieht man von einer gefährlichen Hereingabe von rechts ab, die Koscielny bei Gefahr eines Eigentors gerade noch so ablenken konnte, kam von dem Ensemble um David Silva nicht viel.

Arsenal hingegen verteidigte konzentriert und kollektiv, ließ sich auch von einer sehr frühen gelben Karte für Koscielny nicht nervös machen, und traf jeweils zum richtigen Zeitpunkt, ungefähr zur Hälfte jeder Halbzeit, einmal durch einen Elfmeter von Cazorla (nachdem Monreal ein Foul von Kompany "gezogen" hatte), einmal durch einen Kopfball von Giroud nach Freistoß von Cazorla.

Der Spanier stand zu Beginn dieser Saison eigentlich ein wenig zur Disposition. Für die linke Seite gab es mit Sanchez einen neuen Spitzenkandidaten, der noch dazu eine sehr ähnliche Stilistik hat, der gern nach innen zieht und mit dem Ball läuft. Im Zentrum hatte Özil ursprünglich Priorität, rechts schien am ehesten Platz. Wenger fand darauf eine interessante Antwort, sie wird vielleicht einmal als seine zentrale taktische Idee für diese Saison erscheinen: Cazorla spielt nun zentral, allerdings eine Position tiefer, in einem flexiblen Dreieck, das an dem einzigen 6er aufgehängt ist. Das war in diesem Fall Coquelin, komplettiert wurde das Trio durch Ramsey. Es gibt dadurch eigentlich keinen 10er bei Arsenal, Özil wird derzeit gar nicht so dringend gebraucht. Insgesamt ist die Formation damit defensiver, aber auch vertikaler.

Coquelin wird in vielen Berichten als der Mann des Spiels gefeiert, dazu mag auch eine Fernsehgroßaufnahme beigetragen haben, in der er zu sehen ist, wie er seine Nebenleute so richtig anschreit (oder vielleicht mehr sich selbst?), in der er sich also als Krieger zeigt - mir kommt oft vor, dass Spieler in so einem Moment halb auch damit rechnen, dass die Fernsehregie das aufgreift. Coquelin spielte gut, ich habe aber keinen großen Unterschied zu der Leistung gesehen, die auch Flamini gebracht hätte. Und gegen Southampton, dessen Siegeszug übrigens gegen Newcastle weiterging, war Coquelin schlecht.

Ich will nur darauf hinaus, dass diese Position nach wie vor einen echten Spitzenmann vertragen könnte. Arsenal aber macht es wieder einmal mit Phantasie und kauft einen Spieler, der vor ein paar Tagen 17 Jahre alt geworden ist: Krystian Bielik. Ein sehr interessanter Transfer, der aber nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass Coquelins Konjunktur durchaus endlich sein könnte. Im Moment spricht aber manches dafür, dass er der Mann für das kommende Halbjahr wird. Dass Arteta noch einmal prägend eingreifen wird, erwarte ich nicht.

Arsenal hat nun 13 Punkte Rückstand auf Chelsea, einen auf Manchester United, und zwei Punkte Vorsprung auf Tottenham, gegen die das Derby in drei Wochen ansteht. Außer gegen Chelsea (und gegen den BVB in Europa) war das Team heuer noch nie chancenlos, die verlorenen Punkte hatten immer mit typischen Arsenal-Schwächen zu tun, mit Unkonzentriertheiten in der Rückwärtsbewegung, mit Lethargie bei Standards. Nun aber könnte der Sieg gegen Manchester City eine Grundlage bilden für eine interessante Kampagne in den nächsten Wochen. Doch was sage ich da! Fußball ist doch der Sport, der ständig Grundlagen zerstört. Es kann also nur darum gehen, auf Grundlage dessen, dass noch überhaupt nichts erreicht ist, immer neue Gründe für Optimismus zu schaffen.


Eingestellt von marxelinho am 19. Januar 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


12. Januar 2015

Sturm ist ihre Ernte

Der souveräne 3:0-Heimsieg von Arsenal gegen Stoke passte zu dem wilden Wetter dieses Wochenendes: Ausnahmsweise war das einmal eine klare Sache, ein ungefährdeter Sieg, der sich vor allem der Arbeit von vier famosen Offensivleuten verdankte. Stoke kam überhaupt nicht dazu, sich in der üblichen aufsässigen Weise einzugraben, zu dynamisch gingen Sánchez, Oxlade-Chamberlain, Cazorla und Rosicky in die Räume. Arsenal konnte es sich sogar leisten, seinen einzigen Stürmer (Giroud kam nach seiner roten Karte gegen QPR zurück) mehr oder weniger außen vor zu lassen, so sehr wirbelten die falschen Neuner und Fuffzehner.

Zwar hatten zwei der drei Tore dann doch eine profane Vorgeschichte: ein schlecht geschossener Corner, auf den Sánchez eine viel bessere Flanke folgen ließ, die der noch aufgerückte Koscielny per Kopf verwertete, und ein kurioser Freistoßtreffer durch Sánchez selbst. Das zweite Tor aber kann man sich in das Album mit den schönsten Momenten dieser Arsenal-Saison kleben (dieser Artikel enthält eine Skizze): eine fulminante Kombination über halblinks, die Sánchez mit einem Treffer in das kurze Eck abschloss.

Der prägende Arsenal-Spieler dieser bisherigen Saison ist Alexis Sánchez aus mehreren Gründen. Erstens ist er ein leidenschaftlicher Typ, das konnte man ja schon bei der WM sehen, und das ist auch bei einem gewöhnlichen Premier League-Spiel so. Er läuft mit einer Intensität, die auf die ganze Mannschaft ausstrahlt. So spielt Arsenal eben heuer ein hohes, intensives Pressing, das bisher aber häufig darunter litt, dass die Staffelung dabei nicht gut war. Gegen Stoke ergaben sich nie wirklich Schwierigkeiten, trotzdem wird Arsenal mit Coquelin (oder letztlich auch Arteta bzw. Flamini) auf der Position 6 gegen starke Gegner nicht so gut aussehen.

Sánchez bringt aber noch ein weiteres Stilmittel ein, das im heutigen Fußball wohl weiter an Bedeutung gewinnen wird: der Richtungswechsel auf engstem Raum, traditionell auch Haken genannt, ist etwas, was Arsenal heuer mit besonderer Häufigkeit verwendet, wobei es auch die Variante gibt, den Ball mit dem Außenrist zu einem Kollegen hinüberzulegen, in der selben Bewegung in die andere Richtung abzudrehen und sich zu einem Doppelpass anzubieten. Das sind faszinierende Manöver, an denen auch Rosicky auf seine älteren Tage großen Gefallen findet. Cazorla passt zu diesem Spiel sowieso hervorragend, und Oxlade-Chamberlain (der derzeit Walcott deutlich überholt hat) auch.

Mit dem jungen Winger aus Southampton verbindet sich das dritte auffällige Stilmittel, und natürlich ist auch dieses eines, das Sánchez prägend vorführt: der vertikale oder diagonale Lauf mit dem Ball, für den es einen famosen Antritt braucht. Mit jedem Schritt, den sie dabei dem gegnerischen Strafraum näher kommen, wird das taktische Foul problematischer, außerdem sammelt sich bei so einem Antritt so etwas wie Erregungspotential an, das nicht nur das Publikum erfasst, sondern unweigerlich auch die Referees: wenn also am Ende eines solchen Laufs ein Foul passiert, sieht dieses häufig dramatisch aus, gelbe Karten sind kaum zu vermeiden. Oxlade-Chamberlains Durchbrüche an die Grundlinie sind großartig, während Sánchez gern schon früher nach innen zieht.

Gegen Stoke sah das ausnahmsweise einmal wirklich toll aus, ähnlich dominant spielte Arsenal heuer nur gegen Manchester United, da fiel aber kein Tor, und in der zweiten Halbzeit gab es einen peinlichen Kollaps. Faszinierend war dann am Sonntag auch noch, wie Mesut Özil bei seinem Comeback nach Verletzung in dieses hochintensive Angriffsspiel eingriff: da es um nichts mehr ging, konnte er im besten Sinne interpunktieren.

Aber Arsenal wäre nicht die Mannschaft in England, die am aufregendsten an sich selbst scheitert, wenn nicht auch dieser Sieg ein paar nicht so tolle Nebenaspekte hätte. Debuchy, schon in der Hinrunde lange Zeit verletzt, schied mit einer Schulterblessur aus und wird wohl wieder länger fehlen (sein Vertreter Hector Bellerin zählt allerdings zu den aufregendsten Talenten auf dieser Position weltweit).

Und dann ist da noch die Torwartfrage. Wojciech Szcszesny hat sich in Southampton doppelt blamiert (er wurde beim Rauchen in der Dusche erwischt!), nun ist er vorläufig degradiert, vielleicht sogar für länger. Er ist einer der besten Keeper der Welt, es wäre eine Dummheit von Wenger, ihn nicht schon am Sonntag gegen Manchester City wieder zu bringen, aber das Verhältnis ist nicht störungsfrei, und es kann sein, dass da gerade etwas grundlegender schief geht in einer eigentlich viel versprechenden Karriere.

Arsenal ist jetzt wieder näher dran an den Top 4. Es fehlt aber weiterhin der Beweis, dass die Mannschaft kontinuierlich ihr Spiel sowohl aufziehen wie auch absichern kann, und dass sie gegen Topteams konkurrenzfähig ist. In einer Woche gibt es die Gelegenheit, bei Manchester City ein Zeichen zu setzen.



Eingestellt von marxelinho am 12. Januar 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


02. Januar 2015

Schaden und Spott


Passend zu meiner Stimmung nach dem Neujahrsspiel von Arsenal habe ich einen Fankanal entdeckt, auf dem es zahlreiche "rants" zu finden gibt. Man könnte das wohl am besten mit "Erregungen" übersetzen, und wenn man sich so ansieht, was die Mannschaft von Arsène Wenger in dieser Saison macht, so bräuchte man eigentlich einen Thomas Bernhard.

Das Spiel in Southampton ging mit 0:2 verloren, nachdem davor QPR und West Ham jeweils mit 2:1 geschlagen worden waren, zwei auch keineswegs souveräne Auftritte. Die Niederlage bei einem der derzeit interessantesten Teams der Premier League hat zwei Facetten: eine ist tragikomisch und hat viel mit einer unglücklichen Verkettung von Umständen zu tun, die andere aber hat System.

Die beiden Gegentore waren so ein bisschen Kasperliaden. Beim ersten bekam der Stürmer Mané einen Ball in den Lauf, der eigentlich problemlos zu verteidigen gewesen wäre. Koscielny, der lange nicht gespielt hat, ließ sich aber übertölpeln, und weil Szczesny aus dem Tor gekommen war, entstand ein Fenster der Gelegenheit (das leere Tor nämlich), das Mané mit einer schönen Banane nützte. Mertesacker kam zu spät.

Das zweite Gegentor war eine Art Kopie, oder eben Wiederholung der Geschichte als Farce. Ball in die gleiche Richtung wie beim ersten, Coquelin verteidigt lasch, dieses Mal bleibt der Keeper im Kasten, die Hereingabe übernimmt Debuchy tolpatschig, er spielt Szczesny so an, dass der den Ball hilflos in den Fünfmeterraum bugsiert. Tadic verwertet.

Danach war noch eine halbe Stunde zu spielen, in der Wenger es nicht einmal für wert hielt, Joel Campbell einzuwechseln (statt dessen brachte er spät noch Akpom). Und für Walcott nahm er Chambers aus dem Spiel, der davor neben Coquelin in der Mittelfeldzentrale gespielt hatte. Man kann die Sache auch so sehen: Giroud hat der Mannschaft mit seiner roten Karte gegen QPR einen besonders schlechten Gefallen getan, denn gegen West Ham verletzte sich Welbeck, und gegen Southampton fehlte ein Mittelstürmer. Sánchez ist dies ja nur nominell.

Das Spiel in Southampton hätte auch anders ausgehen können. Arsenal war nicht chancenlos, aber für meine Begriffe ist die Analyse auf Spielverlagerung deutlich zu positiv. Das Spiel ging in der Zentrale verloren, wo Wenger mit Chambers und Coquelin zwei eher unerfahrene Junge aufbot, die zudem so noch nicht miteinander gespielt hatten. Auf der Gegenseite hatte Southampton mit Wanyama auf dieser Position einen beeindruckenden Mann. Insgesamt überzeugte das Spiel der Mannschaft von Ronald Koeman durch die viel beschworene Klarheit, während Arsenal immer wieder Lücken bot - die besten Chancen von Southampton waren die herausgespielten, die sie nicht verwerteten, und die Wenger eigentlich noch mehr zu denken geben müssten als die Gegentore.

Der Jahreswechsel ist eine gute Gelegenheit, das noch einmal so hinzuschreiben: nach menschlichem Ermessen wird das mit Wenger und Arsenal nichts mehr. Im Fußball soll man mit Prognosen vorsichtig sein, aber es bleibt einem ja doch nichts anderes übrig, als Schlüsse zu ziehen. Ich beobachte Arsenal seit mehr als zehn Jahren ziemlich genau, und in diesen zehn Jahren hat der Club sich in eine kommerziell hervorragende Position gebracht, aus der der langjährige Trainer verlässlich nicht das macht, was eigentlich möglich wäre: im Kampf um den Premier League-Titel und um die Champion's League spielt Arsenal aus guten Gründen keine Rolle.

Wenger ist taktisch zu naiv und unflexibel, um sich auf geschickt instruierte Formationen einzustellen. Er holt jedes Jahr ein, zwei Spieler, die das verbergen helfen, und mit Cazorla, Sánchez und Oxlade-Chamberlain hat er derzeit drei tolle Wirbler. Aber es fehlt der Mannschaft an Balance, auch an Variationsmöglichkeiten, und es fehlt an einer differenzierten Spielidee. Gegen Southampton wäre es vermutlich angebracht gewesen (auch wegen der zehrenden Serie dreier Spiele in kurzer Zeit), es mit mehr Spielkontrolle zu versuchen. Dazu hätten aber die beiden Sechser mehr eingebunden werden müssen. Coquelin war ein Ausfall, und Chambers, zum ersten Mal auf dieser Position, durfte sich nur 60 Minuten lang ausprobieren.

So fehlt halt immer irgendetwas. Am Abend gab es dann auch noch die kleine Demütigung, dass ausgerechnet Tottenham mit einer starken Leistung Chelsea ziemlich vermöbelte. Und auch an Arsenal in der Tabelle vorbeizog. Die letzten Gewissheiten, die sich mit Arsène Wenger verbinden, dass nämlich Platz 4 und eine Saisonabschluss vor den Spurs irgendwie garantiert scheinen, muss man allmählich auch in Zweifel ziehen.



Eingestellt von marxelinho am 02. Januar 2015.
0 Kommentare

Kommentieren


26. Dezember 2014

Alles neu macht der Boxing Day

Den Kader von Arsenal kann man auch so sehen: In Sachen Weihnachtsunterhaltung ist er fast unschlagbar. Santi Cazorla als Santa Claus, Alexis Sánchez am Piano, das sind alles großartige Momente, und in den sozialen Netzwerken liegt Arsenal vor Chelsea. In der Meisterschaft aber beträgt der Rückstand 15 Punkte. Heute beginnt mit dem Boxing Day-Heimspiel gegen die Queens Park Rangers eine Serie von drei Spielen in wenigen Tagen, von denen die beiden nächsten Gegner just die beiden Mannschaften sind, die in der Tabelle zwischen Arsenal und einem CL-Platz liegen: West Ham und Southampton, bei beiden muss Arsenal auswärts antreten.

Der Coach will sich erst nach diesen drei Spielen so richtig messen lassen. Aus guten Gründen, denn die bisherige Saison verläuft enttäuschend. Nur sieben Siege aus 17 Spielen, sechsmal Remis (zuletzt am vergangenen Wochenende in Liverpool, durch einen Kopfballtreffer von Skrtel in der Nachspielzeit, der wieder einmal gezeigt hat, dass Arsenal einfach nichts dazulernt, denn es war eine exakte Replik eines Treffers, mit dem vor zehn Monaten ein legendäres Debakel an der Anfield Road begann), vier Niederlagen (darunter eine haarsträubende gegen Manchester United).

Die Fans sind gespalten, es gibt inzwischen gelegentlich Transparante, die Wenger den Rücktritt nahelegen. Ich sehe hier einen klassischen Fall von Umständen, wie sie der Fußball (ein Sport, der "von Spiel zu Spiel" denkt) nun einmal hervorbringt. Es gibt schon seit vielen Jahren gute Gründe, Wenger zu hinterfragen, aber es gibt auch einen eklatanten Mangel an plausiblen Alternativen. Jürgen Klopp wird verschiedentlich genannt, und auch wenn in Dortmund keinerlei Indizien für eine baldige Trennung sprechen, so gibt es doch Anzeichen für ein Ende dieser bemerkenswerten Ära.

Ich verlinke auf den Text von Raphael Honigstein nicht, weil ich hoffe, dass Klopp tatsächlich zu Arsenal wechselt (ich wäre eher für Lucien Favre), sondern weil es für meine Begriffe aktuelle stilistische Parallelen zwischen Arsenal und dem BVB gibt. Und dieser Befund hat eine besondere Pointe noch darin, dass Dortmund vor gerade einmal etwas mehr als drei Monaten mit dem 2:0 gegen Arsenal in der CL-Gruppe ein Exempel statuiert hat. Es war Pressing nahezu in Perfektion. Arsenal fand neunzig Minuten lang überhaupt nicht ins Spiel.

Eine solche Leistung lässt sich nicht beliebig wiederholen oder gar "abrufen". Bei Arsenal fiel aber in dieser Saison zunehmend auf, dass Wenger offensichtlich versucht, die Klopp-Methoden zu übernehmen. Mit den agilen Neuzugängen Sánchez und Welbeck, mit Oxlade-Chamberlain und Cazorla gibt es vier Offensivkräfte, die auch intensiv und weit vorne anlaufen. Allerdings fehlt es an der Balance, und das hat viel damit zu tun, dass auch der Mann neben Flamini (dem einzigen Sechser) in der Regel  offensiv denkt: Ramsey oder Wilshere.

Die bisher 21 Gegentore haben weiters damit zu tun, dass die Defensivformationen immer wieder umgebaut werden musste. Mit Monreal und Debuchy helfen häufig Außenverteidiger neben Mertesacker aus, der große "fucking German" ist die einzige Konstante, auch darin, dass er gelegentlich zu spät kommt. Dass nun mit Coquelin ein Vertreter für Flamini (nominell Vertreter von Arteta) bereit steht, der vor einem Jahr in Freiburg durchfiel, ist eine der typischen Wenger-Ironien.

Die meisten Beobachter rechnen damit, dass er im Winter einkaufen wird: einen Innenverteidiger und vielleicht sogar einen defensiven Mittelfeldmann. Das wäre auch deswegen von Interesse, weil Arsenal mit dem AS Monaco einen schlagbaren Gegner im CL-Achtelfinale erwartet, und weil die Mannschaft offensiv so aufregend ist wie schon lange nicht.

Aber das ändert alles nichts daran, dass sich Arsenal seit vielen Jahren recht verlässlich gleich geblieben ist: eine Mannschaft, die großartige Ansätze zeigt, aber immer wieder in einen Trott verfällt, der die entscheidenden Punkte und Momente kostet. Heute ist also wieder einmal einer dieser Tage, von denen wir immer wieder verdrängen müssen, wie viele wir schon erlebt haben: ein Tag, mit sich die Hoffnung verbindet, dass "von nun an" alles besser laufen könnte.



Eingestellt von marxelinho am 26. Dezember 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


04. Dezember 2014

Mangelerscheinungen

Die aktuelle Saison von Arsenal sehe ich immer auch ein bisschen unter dem Aspekt, dass ich das erste Spiel ja live im Emirates verfolgt habe: ein mühsamer Sieg gegen Crystal Palace in letzter Minute. Gestern kam das einzige Tor gegen Southampton ein paar Minuten früher, aber es dauerte wieder fast bis zum Schluss. Damit deutet sich an, dass die Premier League ein wenig orthodoxer weitermachen könnte. Denn Southampton steht zwar immer noch an dritter Stelle, und West Ham ist fünfter, aber die Big Four (mit Manchester City statt Liverpool) besetzen oben allmählich die Ränge.

Die Bedeutung dieses Treffers, den Alexis Sánchez in der 89. Minute nach Vorarbeit von Chambers und Ramsey erzielt hat, ist kaum zu überschätzen. Denn Arsenal tut sich sehr schwer in dieser Saison, und zwei hart erarbeitete "Onenils to the Arsenal" (letzte Woche bei Westbromwich Albion auch schon) sind genau das, was jetzt am meisten gebraucht wird: hinten keine Blamage, vorne zumindest das Notwendigste.

Was bei der Zwischenbilanz (13 Punkte Rückstand auf das ungeschlagene Chelsea) so richtig schlechte Laune macht, ist die Niederlage aus dem Heimspiel gegen Manchester United. Die war nämlich in einem Maß vermeidbar, das zum Himmel schrie. Arsenal war eine Halbzeit lang so überlegen, als hätte es nie einen Komplex gegen den Rekordmeister gegeben. United war, auch wegen Personalsorgen, nur auf die Vermeidung von Wirkungstreffern bedacht. Und so blieb eine Chance nach der anderen ungenutzt, bis dann nach einer Stunde ein natürlich groteskes Tor (Eigentor durch Gibbs nach Kollision mit dem eigenen Keeper, der seither auch noch verletzt ist) alles kippen ließ. Es war der vermutlich größte Duselsieg für Manchester United seit langer Zeit, aber es kam nicht ganz von ungefähr, dass er gegen Arsenal gelang.

Denn die Mannschaft von Arsène Wenger erinnert mich in diesem Jahr im Grundzügen ein wenig an den BVB. Der hat eine deutlichere Ergebniskrise. Aber es gibt doch Parallelen. Nach Jahren ungenügenden Pressings hat Arsenal auf den Jagdfußball umgestellt, der als Markenzeichen von Jürgen Klopp gilt. Der ungeheuer eifrige Alèxis Sanchez ist dafür die Schlüsselpersonalie, die Versetzung von Santi Cazorla ins zentrale Mittelfeld (wo er in seiner ersten Saison in England geglänzt hatte, damals allerdings ein bisschen offensiver von der Position her) gehört auch in diesen Zusammenhang.

Arsenal spielt ein kräftezehrendes Anlaufen, ist im Umschalten nach hinten und vor allem von den Flanken aber immer verwundbar. Dadurch kommt dieses Missverhältnis zwischen Engagement und Ertrag zustande, von dem wichtige Spiele gekennzeichnet waren. Vorne wird enormer Aufwand getrieben, hinten reichen ein, zwei Aussetzer, und schon fehlen wieder drei Punkte. Zum Beispiel gegen Swansea, wo Montero ein Schulbeispiel von Flügelspiel zeigte und den 19jährigen Calum Chambers so richtig in die Mangel nahm. Der Neuzugang (aus Southampton!) ist zum Glück einer, der offensichtlich in großen Schritten dazulernt.

Wenn demnächst Debuchy wieder spielen kann, dann hat Wenger in Chambers ein vielfältig einsetzbares Supertalent zur Verfügung. Chambers und Sánchez waren brillante Verpflichtungen, beide liebe ich heiß, beide stehen auch für ein leidenschaftliches Spiel. Doch genau das ist der Aspekt, der mich heuer bisher skeptisch bleiben lässt: Im Vergleich mit der maschinenhaften Effizienz, mit der Chelsea sich durch die Liga fräst, ist Arsenal fast schon zu große Show. Auch darin gibt es Parallelen zum BVB, dem es allerdings auch sichtlich an Qualität mangelt.

Zur Causa Podolski muss nicht viel gesagt werden. Er spielt zu Recht nur eine geringe Rolle, ihm fehlt abgesehen von seiner extremen Torgefahr bei Großchancen fast alles für einen Stammspieler, am meisten natürlich defensive Intelligenz. Mesut Özil wird noch eine Weile verletzt sein, er fehlt eigentlich kaum, solange das eine Tor irgendwie gelingt, das gegen Westbrom und Southampton zum Glück noch fiel.

Der Druck ist in der Premier League, wo es fünf eindeutige Aspiranten auf die Champion's League und mindestens immer drei bis vier starke Konkurrenten gibt, ungeheuer viel höher als in der Bundesliga, wo außer Bayern, Dortmund und Schalke de facto alle auch gut mit der Europa League leben können. Arsenal hat jetzt zweimal gewonnen und damit die Grundlage gelegt, wieder um die Top Four mitspielen zu können. Im Grunde darf aber jetzt vor Weihnachten nichts mehr passieren, damit dann die schweren Wochen um die Feiertage überhaupt noch mit einer gewissen Ambition angegangen werden können.



Eingestellt von marxelinho am 04. Dezember 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


21. Oktober 2014

Das Prinzip Hoffnung

Der Arsenal FC muss heute nach Anderlecht, zum dritten Spiel in der Gruppenphase der Champion's League. Interessanterweise hat der Club aus London eine ähnliche Krise wie der andere Favorit in der Gruppe, der BVB. Es ist nicht ganz so schlimm, aber mit fünf Unentschieden aus acht Spielen (bei zwei Siegen und der Niederlage gegen Chelsea) hat Arsenal das Titelrennen mutmaßlich schon verspielt.

Am Samstag gab es im Emirates ein 2:2 gegen Hull City, die Mannschaft, gegen die Arsenal im Sommer das FA-Cup-Finale knapp gewonnen hatte. Das Spiel war frustrierend in vielerlei Hinsicht, man könnte es geradezu als Exempel dafür zeigen, wie im Fußball manchmal 90 Minuten vergehen, ohne dass das Spiel so richtig beginnt. Und dann hat man eben ein Ergebnis, das irgendwie zustande kam.

In diesem Fall so: Arsenal begann mehr oder weniger programmgemäß mit einem frühen Tor durch Alexis Sánchez, der sich auf dem rechten Flügel durchsetzte und einfach abzog. Der Chilene ist eine enorme Verstärkung, vor allem durch seine Leidenschaft. Er kann das ganze Team mitreißen. Ein Team, das am Samstag doch ein wenig improvisierten Charakter hatte, vor allem in der Defensive, wo Bellerin auf rechts einsprang, weil Chambers gesperrt war. Monreal vertrat den verletzten Koscielny neben Mertesacker.

Bellerin und Sánchez sind ein interessantes Paar, der junge Katalane zeigt sich äußerst vielversprechend. Er konnte aber dem merkwürdigen Spielverlauf auch nichts Entscheidendes entgegensetzen. Schon bald nach dem Führungstreffer glich Hull City durch Diame aus, wobei Mertesacker ihn nicht am Torschuss hinderte, weil er einen Pfiff erwartete. Der Referee pfiff aber nicht (es wäre angebracht gewesen, denn Diame riss Flamini im Laufduell nach hinten), und so ging die Sache von vorn los, nun aber ein wenig ernüchtert.

Und danach kam Arsenal über eine Stunde lang nicht mehr ins Spiel. Immer war irgendetwas, kurz nach der Pause ging Hull dann sogar noch in Führung, als Mertesacker sich bei einer Flanke so richtig ungeschickt verhielt. Der Rest verging mit der Suche nach Kombinationen, die immer wieder zu sehr auf "hopeful passes" (Adrian Clarke) beruhten. Also auf Pässen, die nicht klar waren, sondern ein wenig zu spekulativ, zu optimistisch oder einfach planlos.

Mit Wilshere auf der zentralen Özil-Position wird das Arsenal-Spiel einerseits dynamischer, vertikaler, es wird aber auch ziselierter, die Fersler und "flicks" nehmen zu, alles auf der Suche nach einem Durchstecker, den Danny Welbeck dann so verwerten kann, wie es ihm in der 90. Minute dann noch gelang, nach einem famosen Antritt von Sánchez. Damit war zumindest ein Punkt sichergestellt.

Arsenal geht es wie vielen anderen Teams auch in diesem Herbst. Die Mannschaft ist nicht in Rhythmus, jedesmal wieder soll die Saison nun endlich beginnen, und dann kommt wieder irgendetwas dazwischen. Die Formation wechselt ständig, bis auf die Konstanten Mertesacker und Welbeck. Von Rotation würde man sprechen, wenn einsatzfähige Spieler für spezifische Formationen ausgewählt werden. Doch bei Arsenal werden Woche für Woche Teams aus den verbliebenen Resten des Kaders gebildet.

An der Form von Alex Oxlade-Chamberlain kann man gut sehen, dass die hohe Flexibilität, die den Spielern bei Arsenal abverlangt wird, immer wieder zu erratischen Leistungen führt. Wenger lässt ja eine sehr offene Formation spielen, in der nach vorne alle überall auftauchen können. Das ergibt gelegentlich wunderbare Momente, kann aber eben auch nervend sein wie gegen Hull, wo Oxlade-Chamberlain kaum einen Pass an den Mann brachte.

Das Prinzip Hoffnung bezieht sich also momentan auf zwei Faktoren: auf die Entwicklung eines guten Zusammenspiels, und generell darauf, dass der Eindruck einer ungeheuren Fragmentierung des Spiels, den ich sowohl bei meinen beiden Lieblingsteams wie auch insgesamt habe, nur vorübergehend ist. Aber ich glaube, dass ich mich daran gewöhnen muss. Bezeichnenderweise war es unter Lucien Favre, als Hertha zuletzt eine Erstligasaison spielte, die einen großen Bogen hatte - mit der Antiklimax gegen Karlsruhe. Favre hat derzeit mit Gladbach wieder einmal den Bogen raus, zumindest für den Moment.

Die Verlaufsformen, die Arsenal unter Wenger vorlegt, sind im Grunde seit vielen Jahren bekannt. Überraschend ist nur, wie früh heuer die Luft draußen zu sein scheint. Das erlaubt allerdings eine andere Hoffnung: dass die Saison vielleicht wirklich erst so richtig beginnt. Das nächste Spiel ist immer der erste Test auf diesen Optimismus.



Eingestellt von marxelinho am 21. Oktober 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


06. Oktober 2014

In der Mitte des Parks

Ich weiß nicht so recht, was mehr weh tut: ein spektakuläres 0:6, wie es der Arsenal FC in der letzten Spielzeit bei Chelsea erlitt, oder ein schnödes 0:2, wie es dieses Jahr ausging, ein Ergebnis, das ein knappes Spiel bilanzierte, in dem doch alles ganz eindeutig für den Gegner sprach. Es wird wohl auch einer Szene am Spielfeldrand wegen in Erinnerung bleiben, weil Arsène Wenger sich nämlich einer Rempelei gegen Mourinho schuldig machte. "Ich wollte von A nach B, und wurde dabei nicht willkommen geheißen", sagte er nachher in der Pressekonferenz. B wäre Sanchez gewesen, den Cahill mit einem rüden Foul von den Beinen geholt hatte.


Chelsea erwies sich als fiese Effizienzmaschine, die häufig einfach langweilig ist, dieses Mal aber auch gelegentlich glänzte. Zumindest die beiden Tore waren sehenswert. Das erste fiel nach knapp einer halben Stunde aus einem Elfmeter, den Eden Hazard herausholte und selbst verwandelte. Der ungeheuer wendige belgische Offensivspieler sah im zentralen Halbfeld eine Lücke und trat zu einem Dribbling in den Strafraum an, das ihn direkt zu dem ausgestreckten Bein von Koscielny führte. Immerhin ersparte Referee Atkinson dem Verteidiger in diesem Moment die rote Karte, andernfalls wäre das Spiel früher "getötet" worden.

So oblag es Diego Costa, das erst in der 78. Minute zu erledigen. Der brasilianisch-spanische Mittelstürmer lungerte in bester "Ich will's nicht gewesen sein"-Manier zwischen Mertesacker und Koscielny im Abseits herum, als Fabregas einen Ball bekam, der sich für eine perfekte Umschaltbewegung anbot. Costa nahm bei seinem Antritt einen kleinen Umweg, der ihn aus dem Abseits und doch gleichzeitig auf eine perfekte Route Richtung Sczeszny führte. Mertesacker lief gleich gar nicht los, Koscielny (der ärmste Hund an diesem Tag) pumpte hinterher, da war Costa schon exakt da, wo der lange Ball aufsprang und sich ihm für einen eleganten Lupfer darbot. Game off. Es folgten fünfzehn Minuten, in denen nur noch ein paar Fouls auffielen.

Es ist nicht ohne Interesse, an wen Hazard bei seinem insgesamt spielentscheidenden Antritt zuerst geriet: Santi Cazorla half mangels eines starken defensiven Mittelfeldmannes dort aus, er spielte wacker, brachte das Spiel aber gemeinsam mit Flamini niemals wirklich unter Kontrolle. Dagegen hatte Chelsea die ungleich bessere und wirksamere Formation für das zentrale Mittelfeld: Matic und Fabregas. In der Mitte des Parks, wie es so schön heißt, war Chelsea stärker, und auf den Flügeln reichte dieses Mal ein exzellenter Spieler für den Unterschied (Schürrle hingegen hatte ein schwaches Spiel).

Den wesentlichen Unterschied würde ich mit einem Wort benennen: Autorität. Chelsea 2014/15 wirkt wie eine Mannschaft, deren Kompositionszeit zu Ende gegangen ist. In dieser Saison wird aufgeführt. Dies weiterhin nach den latent zynischen Prinzipien des Trainers, nach dem 1:0 wurde einfach dicht gemacht, Arsenal durfte sich abmühen, es gab ansatzweise tolle Szenen. Özil brachte sich eine Halbzeit lang gut ein, später oblag das Spiel eher Wilshere und Welbeck, weil sich der Maestro schon ein wenig in die Resignation zurückgezogen hatte.

Arsenal 2014/15 sind eindeutig ein paar Schritte weiter, aber wie immer "in transition". Das konnte man gut an Calum Chambers sehen, rechter Außendecker und als solcher anfangs besonders stark drangsaliert von Hazard. Der Schiedsrichter sah großzügigerweise von einer gelb-roten Karte ab, der 19-Jährige erlebte sogar noch den Schlusspfiff, musste dann aber vermutlich sofort unter das Sauerstoffzelt.

Neun Punkte Rückstand hat Arsenal nun auf Chelsea, das in sieben Spielen nur bei Manchester City zwei Punkte abgab, dort ausgerechnet nach einem Tor durch Frank Lampard. Natürlich ist es zu früh, von einem Durchmarsch zu reden, aber es wird einiger Bemühungen der Konkurrenz bedürfen, um die Meisterschaft in der Premier League so lange wie möglich offen zu halten. Arsenal, so sieht es aus, hat nicht das Personal, um da wirklich relevant dazu beizutragen.


Eingestellt von marxelinho am 06. Oktober 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


27. September 2014

Kompetenzbereiche

Gestern habe ich mir noch einmal die erste Halbzeit vom Aston Villa gegen Arsenal vom vergangenen Wochenende angesehen, das ich neulich nur in einem Stream und abgelenkt verfolgen konnte. Ich habe es auf dem Arsenal Player geschaut, einem mustergültigen Clubkanal, der nicht nur jedes einzelne Spiel in voller Länge archiviert, sondern auch eine Menge zusätzlichen Zeugs.

Nach dem 3:0 bei Aston Villa gab es auch ein Interview mit Mesut Özil. Er antwortet auf Deutsch, und er hatte gute Gründe, sich selbstbewusst zu zeigen. Das erste Tor erzielte er selbst, das zweite bereitete er vor, das dritte erzwang die ganze Mannschaft, erzielt wurde es von Cissoko - ein Eigentor, mit dem der Verteidiger aber nur Oxlade-Chamberlain zuvorkam, der andernfalls ziemlich sicher eingesendet hätte.

Es ist eine interessante Erfahrung, ein Spiel zu sehen, von dem ich schon weiß, worauf es zuläuft: auf drei Tore innerhalb von vier Minuten Mitte der ersten Halbzeit, die ein Spiel entschieden, das davor keineswegs eine klare Tendenz gehabt hatte. Ich sah dann aber doch ein paar Vorzeichen. Unwillkürlich wird der Blick zielgerichtet, er sucht nach ähnlichen Aktionen, nach Passfolgen, die vielleicht schon das erwartete Ereignis markieren - aber nein, es ist nur ein Ansatz ein paar Minuten früher, ein erster Versuch, den Pass in die Tiefe zu spielen, ein Lauf in einen Raum, der dann beim Treffer eine Rolle spielen wird.

Fußball wird so, ohne den Live-Druck des Unvorhersehbaren, zu einem Spiel, das aus unglaublich viel Stückwerk besteht. Bis sich dann plötzlich eine Konstellation ergibt, die etwas öffnet. Im konkreten Fall hatte Arsène Wenger auf die Kritik an Özil reagiert und ihn wieder einmal zentral aufgestellt. Wilshere wechselte dafür auf die Bank, Sanchez ebenfalls, für ihn kam Cazorla. Es war wirklich auffällig, wieviel besser Özil in dieser Rolle war. Er kam oft weit nach hinten, um Bälle zu holen, er spielte aber auch gemeinsam mit Welbeck einen Ansatz frühen Pressings. Vor allem aber spielte er fast nur interessante Pässe. Sein Gefühl für den Raum ist unvergleichlich. Anscheinend muss er dazu aber das ganze Spiel um sich herum haben.

Heute spielt Arsenal zu Hause gegen Tottenham. Nächste Woche gegen Chelsea. Zwei Derbys hintereinander, die auch schon eine Idee davon vermitteln werden, was dieses Jahr bringen könnte. Arsenal hat ja eine Personalsituation, die durchaus der von Hertha vergleichbar ist, wenn auch mit besseren Spielern. Die Auswahl am offensivem Personal ist riesig. Vieles hängt dabei tatsächlich von Özils Rolle ab. Er findet in Ramsey einen flexiblen Partner, versteht sich gut mit Welbeck, dazu kommt Sanchez über den Flügel, das lässt eine weitere Position für Oxlade-Chamberlain, Wilshere, Cazorla, Podolski, Walcott (noch verletzt), Joel Campbell.

Weiter hinten sieht es hingegen weniger stark aus. Arteta und Flamini wechseln einander auf der 6 ab, sogar Abou Diaby (eineinhalb Jahre verletzt) ist wieder nahe an der Mannschaft. Auch gegen Aston Villa gab es vor dem Führungstreffer eine Szene, einen zerstreut verteidigten Freistoß, die dem Spiel eine ganz andere Richtung hätte geben können. Sczeszny verhinderte das Gegentor.

"I dream of a society, where just competence comes in", sagte Arsène Wenger am Ende der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Tottenham. Ein paar Schritte in Richtung eines kompetenteren Fußballs hat Arsenal zuletzt gemacht. Mal sehen, ob heute ein weiterer gelingt.



Eingestellt von marxelinho am 27. September 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


17. September 2014

Schnapp, schnapp

Bei einer Lehrstunde kommt es wesentlich darauf an, wann man sie bekommt. Insofern kann der Arsenal FC nach dem 0:2 bei Borussia Dortmund fast ein wenig erleichtert sein: Es war das erste Spiel in der CL-Gruppenphase, die Saison ist insgesamt noch jung. Die Mannschaft von Arsène Wenger könnte vielleicht sogar von der Erfahrung profitieren.

Andererseits gibt es frühestens in vierzehn Wochen neue Spieler, und gerade eine Personalie hat gezeigt, dass eigentlich Bedarf besteht: Mikel Arteta, der Kapitän, hatte von der ersten Minute an die allergrößten Schwierigkeiten, dem Tempo und der Intensität von Dortmund etwas entgegenzusetzen. Er war keineswegs der einzige, Wilshere und Ramsey, Özil und Sanchez ging es nicht besser, und Welbeck war, bis auf ein schönes Zuspiel von Ramsey, auf verlorenem Posten.

Es war so, wie es Arsenal oft gegen Spitzenmannschaften geht: Die Elf von Wenger kommt gar nicht ins Spiel. Der BVB war allerdings außergewöhnlich mit seinem Engagement, mit dem Wagemut der Außendecker (Durm gegen Sanchez, einseitig!), mit der unauffälligen, aber nahezu vollständigen Verdichtung im Zentrum. Arsenal suchte neunzig Minuten lang nach Möglichkeiten, irgendwie in dieses Spiel hineinzufinden, aber noch spät und mit einem überzeugenden 2:0 im Rücken presste Dortmund weit vorne, schnitt schon die Verbindung zwischen der Viererkette und den Aufbauspielern ab.

Özil suchte schließlich wenige Meter vor Kieran Gibbs den Ball, es gelang ihm aber auch nicht, ein Kombinationsspiel in Gang zu bringen, das den aufopferungsvollen und in der Umschaltbwegung rasanten Anläufen von Dortmund entkommen hätte können.

Jürgen Klopp sprach nach dem Spiel von zwei, drei Pressingsituationen, die er als Schulbeispiele wahrnahm. Er nahm sie aber mit der Haltung eines Connoisseurs wahr, wie jemand, der mit der Zunge schnalzt, wenn er etwas besonders Gelungenes beobachtet. Es wäre reizvoll, wenn er diese Situationen irgendwann genauer benennen würde, dazu müssten wir Einblick in die Videoanalyse des BVB bekommen, worauf meine Chancen gering sind.

Aber auch dem Laienblick konnte nicht entgehen, dass hier die alte Interviewformel voll und ganz zutraf: "Wir haben sie nicht ins Spiel kommen lassen." Oder, in der immer ein wenig bildlicheren Formulierung von Klopp: "Wir haben uns Arteta geschnappt, wir haben uns Wilshere geschnappt." Sie haben sich eine europäische Spitzenmannschaft geschnappt, die nicht so schwer zu schnappen ist, weil Arsenal häufig mit einer strukturellen Naivität in solche Spiele geht. Wenger macht zu wenig Unterschied, er stellt seine Teams selten einmal spezifisch auf einen Gegner oder gar auf eine erwartbare Formation ein.

Ohnehin hätte Klopp ihn vermutlich überrascht, weil er nicht den in Form kommenden Ramos brachte, sondern Immobile, der schon ein wenig als Sorgenkind galt, der allerdings mit viel "fiducia" aus der Länderspielpause zurückgekommen war. Dazu Großkreutz, Aubameyang und der wunderbare Mkhytarjan, und schon diese offensive Viererreihe mit den ungeheuer wachen Außendeckern ließ Arsenal bei Ballbesitz kaum Luft.

Ein entscheidender Faktor muss allerdings berücksichtigt werden: der Spielverlauf. Es gab diese Begegnung vor nicht ganz einem Jahr ja schon einmal, damals war sie ähnlich einseitig, sie ging allerdings anders aus. Denn damals gelang Dortmund in einer fulminanten ersten Halbzeit eben kein Tor (dieses Mal gelang Immobile knapp vor der Pause ein Treffer, zu dem er sich selbst mit einem "auto-assist", copyright Raphael Honigstein, ein wenig überlistete). Damals traf Ramsey in der zweiten Halbzeit ein wenig aus heiterem Himmel.

Dieses Mal lief alles auch bei der Verwertung nach Plan. Manchmal war das ja ein bisschen das Problem beim BVB. Jetzt bin ich eben gespannt, ob Arsenal etwas aus der Begegnung lernen kann. Die Erfahrungen machen mich skeptisch: zu oft gab es schon ähnliche Situationen, und der einzige, der daraus wirklich Konsequenzen ziehen könnte, ist der Unbelehrbare: Arsène Wenger.

Vielleicht steckt hinter der Sache aber ja auch ein Kalkül. Wenn nämlich Manchester City heute die Bayern ärgert, was selbst passionierte Miasanmirer für denkbar halten, dann könnte Guardiolas Elf am Ende vielleicht als Gruppenzweiter in die Auslosung des Achtelfinales gehen. Und dann müsste Arsenal ebenfalls Gruppenzweiter werden, um die Bayern sicher zu vermeiden. Sagen wir einmal so: dazu wäre das gestern ein großer Schritt gewesen.


Eingestellt von marxelinho am 17. September 2014.
1 Kommentare

Der Wiener
meint um 17. September 2014 19:36:48

Özil ist depressiv, Mertesacker lahm, Welbeck falsch eingestellt, Poldi findet seine Deckel nicht, Bellerin hängt noch der Preiszettel hinten aus der Hose, Szesney läuft immer falsch raus, aber für Wenger ist alles in Ordnung. In Wahrheit kennt der sich schon lange nicht mehr aus, wohingegen Klopp aus jedem Hasenstall eine Weltklassemannschaft macht.

Kommentieren


16. September 2014

Halb volle Pulle

Als ich am vergangenen Samstag am frühen Nachmittag zu Arsenal gegen Manchester City vor dem Fernseher saß, war ich ein wenig benommen. Eine Stunde Schlaf in der Holzklasse eines Flugs von Toronto nach Frankfurt ist nicht gerade eine ideale Voraussetzung für einen sechsstündigen Fußballnachmittag, den ich dann aber halbwegs souverän bestritten habe. Grund war wohl auch, dass Arsenal eine Leistung zeigte, die man phasenweise mit dem Begriff "elektrisierend" versehen könnte. Es wäre aber nicht die Mannnschaft von Arséne Wenger, wenn das nicht nur die halbe Wahrheit wäre. Die andere waren zwei schnöde Gegentore, sodass am Ende ein verdientes 2:2 stand. Es reicht eben nicht nur, zu glänzen, man muss auch grundieren.

Zwei Traumtore von Jack Wilshere und Alexis Sánchez hatten einen Rückstand wettgemacht, den Arsenal sich auf eine typische Weise eingehandelt hatte: ein Pressball in der gegnerischen Hälfte fällt mit großem Schwung in den Lauf von City, Flamini macht zwar die Rückwärtsbewegung, ist am Ende des Sprints aber nicht mehr konzentriert genug, um eine Hereingabe von Jesus Navas zu entschärfen. Aguero verwertete gekonnt.

Davor aber und vor allem danach zog Arsenal ein ziemlich fintenreiches Offensivspiel auf, in dem sich vor allem Wilshere besonders auszeichnen konnte. Er übernahm in diesem Spiel von Ramsey die Rolle des Freigeists, der im entscheidenden Moment vor dem Tor auftaucht. In den guten Momenten ist die Flexibiliät von Arsenal für die meisten Gegner zu viel: "teams can't live with us", hat Wilshere formuliert, und dabei auch die Sekundenregel verschärft, auf der das Gegenpressing beruhen soll. Fünf Sekunden zur Rückeroberung des Balls, das schafft verheißungsvolle Offensivaktionen. Es ist aber auch nötig, denn Arsenals Spiel durch die Mitte wird sonst schnell einmal unproduktiv.

Ein Geheimnis war an diesem Samstag die Variabilität von Sanchez, der oft über links kam, und dort mit Özil, der längst aus der Zentrale weichen musste und derzeit im Grunde nur die Nummer vier im Konzert ist, viel probierte. Das zweite Tor war allerdings ein Konter auf kürzeste Distanz, Kompany klärte eine Situation mit einem Kopfball, Wilshere köpft gleich wieder in den Strafraum, und Sanchez verwertete volley. Absolutely amazing.

Danach passierten zwei Dinge, die auch längerfristig von Bedeutung sind. Zuerst verletzte Debuchy sich ohne gegnerische Beteiligung schwer, danach traf Demichelis per Kopf nach einem Corner. Arsenal setzt bei dieser Standardsituation auf Raumdeckung, die Mannschaft interpretiert das allerdings viel zu wörtlich, und City hat das (es war ja in dieser Saison schon zu studieren) geradezu schulmäßig ausgenützt: Vier Blaue um den Elfmeterpunkt herum überluden einfach den zentralen Raum, so kam Demichelis unbedrängt an den Ball. Es sah naiv aus, wie Arsenal nicht nur in diesem Moment die eigentlich progressivere Methode gleichsam zu sehr beim Begriff nahm.

Debuchy, und damit bin ich schon beim heutigen CL-Spiel gegen Dortmund, wird vermutlich länger ausfallen. Damit hat Arsène Wenger schon zwei Wochen nach Ende der Transferperiode die Quittung für sein zentrales Versäumnis bekommen: Er hat es nicht für nötig befunden, einen weiteren exzellenten Defensivmann zu kaufen. Nun wird Calum Chambers, den er wohl in dieser Rolle sieht, für eine Weile auf rechts gebunden sein (zudem ist er für das Dortmund-Spiel seinerseits fraglich), und in der Innenverteidigung darf nichts mehr passieren: Fällt Kosciely oder Mertesacker aus, dann muss schon stark improvisiert werden.

Das erinnert zwar ein wenig an die Saison 2005/2006, als Arsenal es bis in das CL-Finale schaffte, und als Flamini häufig als linker Außendecker aushelfen musste. Von guter und vor allem ausreichender Planung kann man allerdings nicht sprechen, zumal ja nun auch überhaupt kein Spielraum mehr dafür besteht, zum Beispiel die Leistung von Mertesacker auch nur sinnvoll zu evaluieren, da es ja ohnehin keine Alternative zu ihm gibt. Gegen City war er gut, jetzt wird er sich aber eine ganze Weile lang gegenüber dem hochinteressanten Calum Chambers nicht legitimieren müssen, denn der wird anderswo gebraucht.

Arsenal macht Spaß in dieser Saison, mit Sanchez gibt es eine neue Identifikationsfigur, die Özil so in den Schatten stellt, dass der deutsche Feingeist sich vielleicht dort allmählich an das Spiel in England gewöhnen kann. Wilshere und Sanchez sind absolute Passionsfußballer, sie reißen die Leute von den Sitzen. Wie schön wäre es, wenn das Spektakel auch einmal auf Grundlage eines in allen Teilen durchdachten Plans (und Kaders) stattfinden könnte. Aber so ist das eben mit Arsenal unter Arsène Wenger, in dessen zweiter Phase, die 2006 begann: das Glas ist immer nur halb voll. Immerhin jetzt wieder halb volle Pulle.



Eingestellt von marxelinho am 16. September 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


03. September 2014

Murmel, Murmel

In einer englischen Zeitung steht heute zu lesen, dass Arsenal gern Marco Reus verpflichten möchte. Nächstes Jahr. Das ist die passende Meldung (auch, weil sie zu großen Teilen aus Hörensagen und Vogelfluglektüre besteht) zur Transferperiode Sommer 2014 für Arsenal-Fans. Am Ende war wieder einmal alles wie gehabt: In letzter Sekunde wurde noch ein Stürmer verpflichtet. Danny Welbeck kam für 16 Millionen Pfund von Manchester United. Das war ein Manöver, das wegen der schweren Verletzung von Oliver Giroud nötig geworden war.

Die von den meisten Experten als strategisch wichtig erkannten Stellen blieben hingegen unbesetzt. Im defensiven Mittelfeld und in der Verteidigung ist die Personaldecke dünn. Es sei denn, man setzt große Hoffnungen in Calum Chambers, der von Southampton kam, und der Innenverteidiger, rechter Außendecker und auch Sechser spielen kann. Er ist 19 Jahre alt, hat in diesem Jahr schon mehrfach beeindruckt, aber ist er wirklich die Lösung, wenn es gegen Chelsea und später im Jahr vielleicht wieder gegen einen echten Spitzenclub in der CL geht?

Es ist schon interessant, wie ein Manager einem Club seinen persönlichen Stempel aufdrücken kann, wenn die Strukturen nicht stimmen. Bei Arsenal ist Arsène Wenger ja Coach und Sportdirektor in einer Person. Am Montag, der in England vom zuständigen Fernsehkanal als "manic monday" vermarktet wird, war Wenger in Rom, um bei einem Wohltätigkeitsspiel für den Frieden als Schiedsrichter zu fungieren. Das ist eine hübsch souveräne Geste, um die Hysterie von Sky ins Leere (oder zum falschen Gate in Heathrow) laufen zu lassen.

Doch es ist auch ein Zeichen von Überheblichkeit. Wenn die Arbeit nicht getan ist, sollte man nicht so tun, als wäre Zeit für Nebensachen. Für Arsenal war dies ein erwartungsvoller Sommer, nach dem Gewinn des FA Cups und den positiven geschäftlichen Nachrichten. Die Verpflichtung von Alexis Sanchez war ein Signal, denn sie erfolgte früh, sie betraf einen Spieler, den andere Clubs auch wollten, und sie deutete darauf hin, dass in diesem Sommer vielleicht planvoller gehandelt werden könnte als in den vergangenen Jahren.

Der Transfer von Calum Chambers folgte bald darauf, ein typisches Wenger-Manöver, der gern britische Hype-Talente im Alter von 17, 18 oder 19 Jahren kauft (Walcott, Ramsey, Oxlade-Chamberlain), und dann sieht, ob und wie sie sich entwickeln. Ich bin wirklich begeistert von Chambers, er wirkt jetzt schon sehr erwachsen, seine Physis ist beeindruckend, und seine Einstellung, so weit man sie aus seiner Spielweise erschließen kann, zeugt von Selbstbewusstsein.

Aber er kann auch nur auf einer Position spielen, und eigentlich hätte Arsenal zwei Spieler gebraucht. Für meine Begriff einen Ersatz für Mertesacker, und einen für Arteta. In beiden Fällen kann Flamini notfalls aushelfen, doch der Franzose, den ich schätze, dessen Grenzen aber auch nicht mehr zu übersehen sind, ist eben eine Aushilfe.

Wer im Fußball auf der allerhöchsten Ebene mitspielen will, muss schon ganz schön Vorsorge treffen. Das ist es, was die Arsenal-Fans so frustriert. Denn Wenger macht zwar jedes Jahr etwas, aber er macht immer nur halbe Sachen. Letztes Jahr setzte er, in einem besonders spektakulären Vabanque-Akt, alles auf Mesut Özil, und bekam einen Spieler, der für die Premier League einfach ungeeignet zu sein scheint. Das Spiel gegen Leicester am vergangenen Sonntag sah jedenfalls wieder einmal sehr danach aus.

Wenger sieht inzwischen selber ein, dass Özil Probleme hat. Deswegen setzt er ihn zunehmend "out of position" ein, meistens links auf dem Flügel, wo er ohnehin nicht bleibt, wo er aber immerhin noch defensive Aufgaben vernachlässigen kann. Nach vernünftiger Planung sieht das alles nicht aus. Insofern würde die Nachricht mit Marco Reus sogar passen. Denn sie betrifft einen Spieler, für den Arsenal eigentlich gar keinen Platz hat. Deswegen sind die Chancen tatsächlich groß, dass er verpflichtet wird.

Einen Defensivmann, der Autorität mit Kompetenz verbindet, muss man natürlich auch erst einmal finden. Bei Arsenal musste man allerdings den Eindruck haben, dass sie gar nicht wirklich gesucht haben. Kein Wunder, dass jetzt wieder das Wort von Groundhog Day die Runde macht. Nach den halben Sachen von Arsène Wenger kann man wirklich inzwischen den Wecker stellen.


Eingestellt von marxelinho am 03. September 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


28. August 2014

Würfelspiel


Gute Güte, war das ein Thriller gestern zwischen Arsenal und Besiktas. Ich musste ihn in einem Hotelzimmer anschauen, bin für zwei Tage in Chisinau in Moldawien, wo ich zu einer Hochzeit eingeladen bin. Der Stream funktionierte gut, ich war voll dabei, konnte aber wegen verspäteter Ankunft nur die zweite Halbzeit sehen. In der ersten gab es wohl zwei Momente, in denen der Schiedsrichter gut auch auf Elfmeter für Besiktas entscheiden hätte können. Selbst Jack Wilshere selbst zeigte sich nach dem Spiel schuldbewusst. Sein Tackling gegen Motta hätte geahndet werden müssen.

Verschwörungstheoretiker werden aus diesem Spiel eine Menge mitnehmen können. Die Uefa möchte in ihrem Elite-Wettbewerb eben die großen Namen alle beisammen haben, können sie unterstellen. Davon abgesehen, ließ Besiktas allerdings auch erkennen, dass sie es schwer gehabt hätten im Bewerb. Die Qualität ließ nämlich doch zu wünschen übrig. Das Spiel lebte in der zweiten Halbzeit ganz und gar von dieser eigenartigen Gottesurteilslogik, die nur bei Rückspielen unter den Bedingungen der Auswärtstorregel entstehen kann. "That would have killed us", sagte auch Arsène Wenger nachher über eine Chance, die Demba Ba kurz vor Abpfiff noch hatte.

Der Mann des Spiels bei Arsenal war Alexis Sánchez. Er erzielte den Treffer, vor allem aber arbeitete er mit einer Hingabe, die ungeheuer ist. Und er ist dabei auch noch trickreich, er kann sich offensiv aus den dicksten Kalamitäten befreien, und er setzt nach, und nach, und nach. Die Fans haben dieses Ethos schon erkannt, und feiern ihn dafür. Und es scheint sich auch auf die Mannschaft zu übertragen. Jack Wilshere zeigte eines seiner besten Spiele, auch wenn seine Defensivarbeit häufig gefährlich ist.

In diesem umkämpften Spiel war auch wieder einmal deutlich zu sehen, was für ein eigentümlicher und unzeitgemäßer Fußballer Mesut Özil ist. Er spielt derzeit meist auf dem linken Flügel, eine personelle Notlösung, die niemand glücklich macht. Özil wirkt, als wäre er körperlich nicht in der Lage, mit dem heutigen Fußball mitzuhalten. Das ist schade, denn er bringt etwas in Spiele, was einmalig ist. Aber in einer Auseinandersetzung wie gestern, die vor allem verbissen geführt wird, ist er verloren. Und nun spielt er in der Premier League, der verbissensten Liga der Welt. Als er eine Viertelstunde vor Schluss ausgewechselt wurde, wirkte er bleich, als hätte er den Teufel gesehen. Er hatte aber nur eine Unmenge von Zweikämpfen gesehen, für die er nicht gemacht ist.

Sánchez hingegen ist ein Typ, der aus dieser Körperlichkeit erst die Energie zu gewinnen scheint, die ihn beflügelt. Er spielt aber auch trickreich, und kann den brillanten Pass. Aber er lässt sich vor allem niemals abschütteln. Das war es schließlich, was Arsenal überleben ließ. Mit Hingabe hat sich die ganze Mannschaft dagegen gestemmt, dass der Würfel kippte. Das war, nach dem späten Ausgleich bei Everton, schon der zweite extreme Test in dieser jungen Saison, die Arsenal ja mit einer neuen Ambition begonnen hat. Sánchez ist die Verkörperung dieser Ambition.

Nebenbei finde ich es gut, dass der Retortenclub Stiersaft Salzburg wieder einmal in der Qualifikation ausgeschieden hat. Hier noch eine Impression von gestern Abend: Ausklang des Nationalfeiertags in Moldawien.


Eingestellt von marxelinho am 28. August 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


12. August 2014

Schildwache

Am Sonntag konnte der Arsenal FC zum zweiten Mal innerhalb von ein paar Monaten Silberzeug in die Luft halten. Mit einem 3:0 gegen den nicht besonders gut disponierten Gegner Manchester City entschied die Mannschaft von Arsène Wenger das Spiel um den Community Shield für sich, das ist der englische Supercup. Santo Cazorla, Aaron Ramsey und Olivier Giroud erzielten die Tore.

Die Begegnung unter den konfusen Bedingungen, denen die Vorbereitungen von globalen Topclubs unterliegen, brachte doch ein paar interessante Aufschlüsse. Arsenal ist für die neue Saison offensiv schon ziemlich gut aufgestellt. Alexis Sanchez, der spektakulärste Neuzugang, kam eine Halbzeit lang über rechts, scheint also eher nicht für das Sturmzentrum gedacht. Dort spielte zuerst Yaya Sanogo, in der zweiten Hälfte Olivier Giroud.

Sanogo ist sehr interessant. Eigentlich wirkt er unbeholfen mit seiner schlaksigen Physis. Er ist es aber nicht. Wie er Ramsey vor dem 2:0 den Ball servierte, das war Solostürmerarbeit nahezu in Perfektion: Ball in exponierter Lage annehmen, behaupten, dem Kollegen Zeit zum Nachrücken geben, den Gegner im Zweikampf schwindlig werden lassen, dann den Ball irgendwie zu Ramsey bringen.

Cazorla auf der linken Seite komplettierte das Offensivtrio. Im Zentrum gab es eine schon bewährte Konstellation: Arteta, der neue Kapitän, dazu Ramsey und Wilshere in einem flexiblen Pressing-Umschalt-Kreisel, in den sich bei Gelegenheit auch die beiden Außendeckert Gibbs und Debuchy (offensiv gute Ansätze, defensiv minimale Stellungsprobleme) einschalteten.

Am spannendsten war natürlich die Innenverteidigung. Immerhin hatte Arsenal am Wochenende Thomas Vermaelen an den FC Barcelona verkauft, was zur Folge hat, dass neben Koscielny und Mertesacker kein lupenreiner Centerback mehr zur Verfügung steht. Viel wird für meine Begriffe davon abhängen, ob Wenger die Lektion des deutschen Teams in Brasilien beherzigt, das mit dem Wechsel von Mertesacker auf die Bank defensiv auf jeden Fall besser wurde.

Wenger reagierte auf eine für ihn typische Weise. Er stellte Calum Chambers in die Innenverteidigung, einen 19 Jahre alten Neuzugang von Southampton. Der Clou bei diesem Spieler ist, dass er ursprünglich als Rechtsverteidiger galt (für diese Position in der Nachfolge von Bacary Sagna wurde aber schon Debuchy gekauft, der keineswegs uninteressante Carl Jenkinson wird an West Ham United ausgeliehen), dass Wenger aber anscheinend ganz andere Pläne mit ihm hat: defensives Mittelfeld oder eben Innenverteidigung. Mit einem satten Lob ("outstanding") hat er Chambers schon einmal in Position gebracht.

Damit deutet sich für die zwei relevanten Fragen schon eine Antwort an, die bei Arsenal derzeit offen sind. Eine vernünftige Kaderplanung müsste eigentlich ergeben, dass zwei Positionen offen sind, die im Idealfall mit Weltklasseleuten zu besetzen wären. Ein "holding midfielder", also ein Vertreter für Arteta, der 2013/14 eine mäßige Saison gespielt hat und dringend mehr Konkurrenz bräuchte als Flamini, den ich persönlich auch vor Arteta sehe. Wenger sieht das anders, und auch das Teamgefüge spricht für Arteta: Er verfügt über eine gute Autorität, die er aber, wie das nicht selten in solchen Fällen ist, nicht mehr vollständig durch Qualität auf dem Feld bestätigen kann.

Dass Khedira für diese Position nicht in Frage kommt, erschien mir immer relativ klar. Gleichermaßen bei Fabregas. Vielleicht wollte Wenger sogar noch einmal sehen, ob Abou Diaby nicht doch noch einmal eine Chance bekommen sollte, doch der vermutlich größte Pechvogel der von mir beobachteten Fußballgeschichte hat sich neuerlich verletzt. Im Moment ist offen, ob und wie Arsenal hier aktiv werden wird. Ich tippe eigentlich darauf, dass nichts mehr passieren wird, zumindest entspräche das dem Temperament von Wenger.

Für die Position, die nach Vermaelens Abgang vakant ist, ist das vermutlich anders. Denn die defensiven Optionen von Sonntag (Innenverteidigung in der zweiten Halbzeit: Chambers und Monreal!) reichen nicht für eine Saison, die kommenden Samstag mit einem Heimspiel gegen Crystal Palace beginnt und nächste Woche schon einen CL-Qualifier gegen Besiktas Istanbul bringt. Die Frage ist, ob Wenger rechtzeitig für klare Verhältnisse sorgt, oder ob er den Rest der Transferperiode als Gamble sieht, das für ihn erst Ende August aufgehen muss. Bekanntermaßen lässt er es gern auf sehr späte Entscheidungen ankommen, sowohl Mertesacker als auch Özil kamen "last minute".

Vorbehaltlich dieser beiden Personalien macht Arsenal in diesem Jahr einen guten Eindruck. Der FA-Cup hat Druck vom Team genommen, finanziell hat sich die Situation deutlich verbessert, offensiv gibt es jede Menge Potential und Qualität. Der neue Fitnesstrainer Shad Forsythe soll sich darum kümmern, die bedenkliche Häufung von Verletzungen bei Arsenal einzudämmen. Es hängt nun also viel davon ab, an den zwei neuralgischen Punkten dem Kader noch jenes Stück Extraqualität zu geben, das Wenger bisher partout lieber in Nachwuchsleuten sehen wollte. Calum Chambers ist auf jeden Fall eine aufregende Verpflichtung, aber er kann sicher keine ganze Saison auf höchstem Niveau spielen. Er ist 19 Jahre alt.

Dann aber wäre da nur noch der BFG, der große "fucking" Deutsche, nun sogar BFGWC (World Champion). Der kann sicher eine ganze Saison die Stellung halten, aber er lässt sich eben in den großen Spielen gern überlaufen. Deswegen wäre es besser, Mertesacker wäre nicht mehr erste Wahl. Dafür bräuchte es aber einen entsprechenden neuen Mann.


Eingestellt von marxelinho am 12. August 2014.
1 Kommentare

Der Wiener
meint um 22. August 2014 19:51:44

in einem qualitativ so hochstehenden fußballblog will ich das wort QUALITÄT nicht lesen.

Kommentieren


13. Juni 2014

Blaue Stunde

Da lief ja gleich einmal eine Menge schief an diesem Eröffnungsabend der Fußball-WM, und doch war das überwältigende Gefühl: Wie großartig, dass es losgeht! Wie großartig, die Spieler im Tunnel zu sehen, den gehörig ergriffenen brasilianischen Kapitän Thiago Silva, den (vielleicht nicht in erster Linie spielerisch) beeindruckenden Paulinho, den Alemao-Dandy Luiz Gustavo, und den Pimpf Oscar; an der Seite dann den ehemaligen Herthaner Niko Kovac, der offensichtlich fürchtete, man könnte ihn verwechseln, so unübersehbar trug er den Akkreditiertenausweis vor dem glänzenden Sakko.

Dann die üblichen Machenschaften: Ein Referee, der an Spitzenspiele nicht gewöhnt ist, erweist der Mannschaft des Gastgeberlandes die Großzügigkeit, die sich die FIFA mit Steuerfreiheit erstatten lässt. Alles natürlich im Rahmen der menschlichen Fehlbarkeit, für deren großzügige Auslegung Joseph Blatter seit Jahrzehnten persönlich einsteht - dieses Mal allerdings offensichtlich in einer diskreten Fürstenloge.

Heute greift Spanien in das Turnier ein, die Mannschaft, der vermutlich doch meine größten Sympathien gelten. Eine Lehre aus dem Eröffnungsspiel könnte sich da schon niederschlagen. Brasilien gegen Kroatien, das sprach auf jeden Fall eher für die falschen Neunen als für die gelernten Mittelstürmer. Und bei Spanien läuft das auf eine Frage hinaus, die mich aus einem aktuellen Grund besonders interessiert: Fabregas oder Diego Costa, oder auch: Fabregas oder Torres?

Cesc Fabregas Soler, wie er sich seit einiger Zeit vollständig nennt, ist nicht Stammspieler bei der roten Furie. Aber er war in den wichtigen Begegnungen immer dabei, er legte Iniesta das Tor vor vier Jahren auf, und er glänzte im EM-Finale von Kiew 2012. Die WM 2014 begann er mit einer Nachricht aus seinem Brotberuf: Er wechselt von Barcelona zu Chelsea. Das bedeutet auch: Der Arsenal FC hat eine Rückkaufoption nicht in Anspruch genommen.

Das Ergebnis ist eine Personalrochade, die viele Anhänger der Gunners verbittert. Dass sie Fabregas im nächsten Jahr in einem blauen Jersey sehen müssen, ist für sie schwer erträglich. Dabei hat Arsenal doch längst einen Nachfolger. Es ist Aaron Ramsey, der tatsächlich in diese Rolle hineingewachsen ist.

Um zu verstehen, welchen Nimbus Cesc Fabregas für Arsenal-Fans hat, muss man weit zurückgehen, fast zehn Jahre, bis in den Oktober 2004. Damals kam es in Old Trafford zu einer denkwürdigen Begegnung. Mit kräftiger Unterstützung des äußerst fehlbaren, auch heute noch aktiven Schiedsrichters Mike Riley verlor Arsenal gegen Manchester United mit 0:2.

Es war die erste Niederlage nach der Saison 2003/2004, die bekanntlich mit dem Meistertitel der "Invincibles" endete. Eine Spielzeit, in der Arsenal unbesiegt blieb, und die Serie setzte sich noch fort bis zu diesem Spiel in Manchester. Fabregas, damals 17 Jahre alt und schon als Hoffnungsträger einer nächsten großen Arsenal-Mannschaft identifiziert, stand nicht im Kader, machte sich aber hinterher noch in der "Battle of the Buffet" verdient. Zwei Jahre später führte er Arsenal in das Champion's League-Finale gegen den FC Barcelona.

Seine Jahre bei Arsenal waren geprägt von Erfahrungen des Scheiterns in wichtigen Momenten. Die Mannschaft war nie wirklich stark genug für einen Titel, und auch wenn Fabregas immer als der Liebingsschüler von Arsène Wenger galt, so ließ er nach seinem Wechsel nach Barcelona doch erkennen, dass er sich taktisch nicht hinreichend instruiert gefühlt hatte.

Interessanterweise kam Fabregas bei Barcelona nie wirklich gut und längerfristig zur Geltung. Noch schlimmer erging es Alex Song, der in seiner letzten Saison bei Arsenal phasenweise brillant war, in Spanien aber unterging. Robin van Persie wechselte im selben Jahr zu Manchester United, wurde dort einmal englischer Meister, ist aber auch weiter entfernt von europäischer Glorie denn je.

Alle drei wurden also mit ihrem Weggang nicht wirklich glücklich. Alle drei greifen heute in die Weltmeisterschaft ein. Es ist also auch ein Arsenal-Tag. Ich freue mich über jede Ballberührung von Fabregas, aber ich hätte es für eine sentimentale Aktion gehalten, wenn Wenger ihn zurückgeholt hätte. Die Balance im offensiven Mittelfeld bei Arsenal ist auch so schon fragil genug, mit dem rätselhaften Özil als Faktor, um den herum alles gedacht wird. Es wird wichtiger sein, einen starken Ersatz für Arteta zu finden,  also einen exzellenten Spieler mit den Qualitäten eines Javi Martinez.

Dass Chelsea jetzt Fabregas bekommt, schmerzt natürlich besonders vor dem Hintergrund, dass José Mourinho allen Grund hat, seinen Kollegen Wenger als Experten im Scheitern zu qualifizieren. Die letzte Begegnung zwischen Chelsea und Arsenal endete mit 6:0. Und doch blieb Chelsea 2014 ohne Titel, während Arsenal seit Wochen den Gewinn des FA-Cups nach Kräften für eine neue Siegermentalität reklamiert. Heute müssen wir aber erst einmal unsere Verflossenen Revue passieren lassen.


Eingestellt von marxelinho am 13. Juni 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


18. Mai 2014

Familiensilber

Fast 120 Minuten mussten die Fans des Arsenal FC am Samstag warten, dann fiel in der zweiten Hälfte der Nachspielzeit das erlösende Tor zum 3:2 gegen Hull City: ein Fersler von Giroud, den Aaron Ramsey mit dem Außenrist unhaltbar in die kurze Ecke setzte. Es war ein passender Abschluss, denn es war der "man of the season", der Arsenal den ersten Titel seit 2005 sicherte. Dass Arsène Wenger später von dem "wichtigsten Titel" seiner Karriere sprach, genau zehn Jahre nach dem Meistertitel mit der "unbesiegbaren" Generation von 2004, das sagt alles über die veränderten Verhältnisse bei Arsenal. Oder aber über die Veränderungen in einer Fußballwelt, mit denen Wenger nur bedingt Schritt hält.

Es war keine überzeugende Leistung, zumal Arsenal sich wieder einmal einen zerstreuten Beginn leistete. Nach zehn Minuten führte Hull mit 2:0, ohne dass jemand genau hätte sagen können, was da schief gegangen war. Zwei Flanken, einmal nach einem Corner, einmal nach einem zweiten Ball; am ehesten könnte man sagen, dass der Rückstand ein Resultat des mangelnden Willens von Arsenal war, sich sofort des Spiels zu bemächtigen. Hull hatte anfangs viel vom Ball, und machte mit ein wenig Glück ein Optimum daraus.

Es blieben 80 Minuten in der regulären Spielzeit, das reichte, um durch einen Freistoß von Cazorla (relativ bald) und einen Abstauber von Koscielny (auch noch immer deutlich vor der Panikphase) den Gleichstand wieder herzustellen. In der Verlängerung kamen schließlich noch Rosicky und Wilshere für Özil und Cazorla. Oxlade-Chamberlain und Walcott waren gar nicht im Kader, ebenso Gnabry. Man sieht also, dass Arsenal offensiv nicht dringenden Bedarf hat, trotzdem halten sich hartnäckig Gerüchte über Julian Draxler, der dann vermutlich Podolski das Leben schwer machen würde, der in London sehr populär ist, am Samstag aber schwach war.

Sehr interessant fand ich den Vergleich zwischen den beiden Verleihungszeremonien, die ich unmittelbar hintereinander sah: Zuerst die im Olympiastadion live, danach die in Wembley. Nicht nur wegen der Anwesenheit eines Prinzen in England hatte die Überreichung des Pokals dort eine deutlich feudalere Note. Die Spieler und Trainer müssen an einer seltsamen Kombination von Menschen vorbeidefilieren. Hull City gehört ja einem aus Ägypten stammenden Geschäftsmann, dazu kamen diverse weitere Vertreter der besitzenden Klasse, die ich nicht erkannte. Arsenal war durch CEO Ivan Gazidis vertreten, auch Chips Keswick habe ich erkannt, und der rare Stan Kroenke war aus den USA eingeflogen.

Unnötig zu sagen, dass das deutsche Modell, wo die Clubs zumeist niemand oder aber gewissermaßen sich selbst "gehören", vorzuziehen ist. Und so lief auch die Siegeszeremonie nach dem Sieg des FC Bayern über Borussia Dortmund anders ab: Ich würde sagen, demokratischer und mit flacher gehaltenem Ball. Allerdings hat das englische Modell natürlich auch seine unterhaltsamen Seiten. Es ist aber eine Form von Entertainment, von der dubiose Zeitungen wie die Daily Mail leben, die viel Coverage aus dem jeweils neuesten Narren gewinnt, den die Globalisierung durch die englische Provinz treibt, wo Clubs in Entsprechung zu den Launen von Emporkömmlingen durch die Spielklassen purzeln.

Im Arsenal-Clubfernsehen war heute selbstverständlich ein hoher Feiertag. Es gab zahlreiche großartige Einblicke in den Jubelparcours, der unmittelbar nach dem Spiel noch auf dem Feld begann, und der heute mit einer Parade durch Islington (bei strahlendem Wetter, anders als in Berlin) seine Fortsetzung fand. Man sieht dann zum Beispiel, dass Mesut Özil auch in solchen Situation nicht leicht aus sich heraus geht, während Per Mertesacker seine Länge immerhin dazu nützte, um Arsène Wenger eine Champagnerdusche zu verabreichen. Die aber, eh klar, von Poldi ausging. Bier war wohl keines da, obwohl Budweiser den FA Cup sponsert. Aber das ist ein Flaschenbier, das müsste man für eine richtige Dusche erst mühsam zusammenleeren.

Arsenal hat wieder einen Titel. Das Stichwort, das danach mehrfach fiel, war "platform". Es gibt etwas, auf das sich aufbauen ließe. Dazu braucht es aber einen besser balancierten Kader und generell Veränderungen in vielen Bereichen. Vielleicht nimmt der allwissende Trainer ("Arsène knows") den Erfolg ja auch für sich selbst als eine Plattform für einen Versuch, noch einmal alle Bereiche seiner Arbeit auf den Prüfstand zu stellen. Dann wäre das vielleicht wirklich der wichtigste Titel.


Eingestellt von marxelinho am 18. Mai 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


12. Mai 2014

Jährlich grüßt das Murmeltier

Die englische Premier League endete gestern mit dem üblichen Groundhog Day für Arsenal. Ein 2:0 gegen die Absteiger von Norwich war für die Tabelle ohne Bedeutung. Die Mannschaft von Arsène Wenger wird auch im kommenden Jahr in der Champion's League vertreten sein, sofern es ihr gelingt, die Qualifikationsrunde zu überstehen. Das würde bedeuten, dass der Arsenal FC seit 1998 kontinuierlich im höchsten europäischen Bewerb mitspielt. Das ist schon was, wenn auch insgesamt eher zählt, was dabei herausgekommen ist, nämlich nichts.

In der Liga fehlten am Ende 7 Punkte und 38 Tore auf Manchester City. Das entspricht, nicht in der Tordifferenz, aber im Ergebnis, ziemlich genau den neun Punkten, die Arsenal in den drei spektakulären Auswärtspleiten gegen die Topkonkurrenten Manchester City (3:6), Liverpool (1:5) und Chelsea (0:6) abgegeben hat. In allen drei Fällen fiel auf, dass die Mannschaft überhaupt nicht auf die besondere Herausforderung eingestellt war. Sie begann nachlässig, und ließ sich auf die allerpeinlichste Weise überrumpeln.

Gegen Norwich erzielte Aaron Ramsey mit einem großartigen Volley den letzten seiner neun Saisontreffer (dazu kamen neun Assists). Viele sehen eine deutliche Verbindung zwischen den drei Monaten bis Anfang April, in denen Ramsey verletzt fehlte, und der Zeit, in der Arsenals Titelambitionen kollabierten. Tatsächlich ist der Waliser, der Ende des Jahres 24 wird, der vielleicht wichtigste Spieler bei Arsenal geworden. Er verkörpert eine gute Mischung aus Kampf und Inspiration, anders als Mesut "poetry in motion" Özil, bei dem es in dieser Hinsicht gar keine Balance gab, es fehlte häufig beides.

Wilshere und Oxlade-Chamberlain, die beide auf Ramseys Halbposition im zentralen Mittelfeld spielen können, waren ebenfalls häufig verletzt, und Flamini fand nach einer roten Karte in dem wegweisenden Spiel bei Southampton nicht mehr in den Rhythmus. So blieb zu viel an Arteta hängen, der eine uninteressante Saison gespielt hat, an dem Wenger aber unbeirrt festhielt.

Die Vorlage zu Ramseys Treffer am Sonntag kam von Giroud, der einzige wirkliche Angreifer im Kader von Arsenal 2013/14. Ich bin nach wie vor ein Fan von dem Franzosen, der mich gerade auch durch sein Kombinationsspiel überzeugt - er bereitet auch vor, zu seinen 16 Treffern kamen acht Assists. Dass er in der entscheidenden Phase der Saison nicht auf der Höhe war, war mehr oder weniger programmiert bei einem Kader, der in wichtigen Momenten nur noch Bendtner enthielt, und der Wenger dazu zwang, in der Champion's League gegen Bayern auf den unerfahrenen Yaya Sanogo zurückzugreifen.

Die an Talenten nicht arme Offensivabteilung von Arsenal kam das ganze Jahr hindurch nicht wirklich in eine gute Gemengelage. 68 Tore (gegen 102 von City und 101 von Liverpool) sind ein mäßiger Wert. Taktisch spielt Arsenal unbeirrt seinen "bewährten" Ballbesitzfußball mit weitgehend planlosem Gegenpressing, es gab aber auch einige Spiele (vor allem das Auswärtsderby gegen Tottenham), in denen sie hinten drin standen, als wären sie Stoke City.

Die eigentlich positiven Defensivstatistiken werden auch durch die drei Debakel beeinträchtigt. Koscielny, der gerade seinen Vertrag langfristig verlängert hat, und Mertesacker bildeten eine überzeugende Innenverteidigung, links war Gibbs einmal mehr häufig verletzt, und Monreal ließ sich vor allem in einem, ebenfalls entscheidenden Match (beim 1:3 bei Everton) vorführen. Sagna spielte eine starke Saison, er wird Arsenal aber verlassen. Sczeszny ist für meine Begriffe ein exzellenter Tormann, da besteht kein Handlungsbedarf.

Mittlerweile hat Arsène Wenger die Ungewissheit über seine Vertragsverlängerung beendet. Er will drei weitere Jahre als Cheftrainer bei Arsenal arbeiten. Er hat also nicht bis zum kommenden Wochenende gewartet, an dem es gegen Hull City im FA Cup-Finale eine gute Chance auf den ersten Titel (in England gern mit den Synonym "silverware" umschrieben) gibt. Die Saison ist also noch nicht ganz zu Ende, doch der ambivalente Eindruck  aus den letzten Jahren bleibt: Arsenal stagniert auf dem relativ hohen Niveau, das in dem Tabellenplatz 4 seine numerische Definition findet.


Eingestellt von marxelinho am 12. Mai 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


13. April 2014

Abspannkraft

Das Stenogramm zum Auswärtsspiel in Leverkusen. Nach hinten geht nichts mehr, nach vorne auch nicht. Das trifft nicht nur auf die Tabelle zu. Es ist, als würde sich die undramatische Position in der Liga auf das Spiel der Mannschaft auswirken. Sie weiß nicht, wo sie hinschauen soll. Ein ganz früher Gegentreffer hatte keineswegs wegweisende Bedeutung. Van den Bergh denkt zu sehr als Manndecker, wird aber auch gegen Donati und Brandt allein gelassen - zwei kann er nicht manndecken. Beim zweiten Gegentor durch Brandt läuft wieder van den Bergh ungeschickt, der Pass kam aber auch sehr genau und perfekt für den Offensivspieler. Schwer, aber nicht unmöglich zu verteidigen.

Zwei denkbare Handelfmeter gegen Hertha stehen auch noch zu Buch, dem steht gegenüber ein Treffer durch Wagner nach einem Freistoß von Cigerci, der sich nicht bei allen Standards wirklich konzentriert hat und auch defensiv etwas weniger glücklich agierte als früher in der Saison. Insgesamt fehlt bei allen Spielern ein bisschen was, woran das liegt, lässt sich wohl nur kumulativ erklären - aus einer Verkettung von Kleinigkeiten, die dieser Rückrunde die letzte Spannung genommen haben. Die andere Spannung, die sich schon deutlich aufbaut, ist keine positive, und führt dazu, dass das Kombinationsspiel mehr oder weniger vollständig zum Erliegen gekommen ist.

Der Vorteil: gegen Augsburg gibt es noch einmal ein Vorbereitungsspiel auf die nächste Saison unter den Wettbewerbsbedingungen der laufenden.


Eingestellt von marxelinho am 13. April 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


13. März 2014

Antiklimax

Als Thomas Müller gegen Ende der Begegnung zwischen dem FC Bayern und Arsenal am Dienstagabend zu einem Elfmeter antrat, und der Ball nach einer Fußabwehr von Fabianski heftig rotierend kurz vor der Linie liegen blieb, da war das wieder einer dieser Momente, in denen der Fußball ironische Volten produziert. Die Szene erinnerte natürlich an den berühmten Elfmeter von Schweinsteiger, bei dem der Ball von der Stange zurückprallte und sich irgendwie im Rücken von Cech die Linie entlang schlich, ohne ins Tor zu gehen. Champion's League-Finale 2012. Dieses Mal ging es um nichts. Bayern war sicher durch. Arsenal war für eine seriöse Herausforderung nicht stark genug.

Dass Arsène Wenger später sich ausgerechnet auf einen völlig nebensächlichen Tauchgang von Robben einschoss (von einem "dive" spricht man in England, wo das Deutsche von einem Abflug einer Schwalbe in eine andere Richtung imaginiert), zeugt davon, dass er auch in der Kunst des diplomatischen Ablenkungsmanövers nicht wirklich auf der Höhe ist.

Man kann verschiedene Ansatzpunkte für diese erwartbare Antiklimax finden. Arsenal spielt regelmäßig Champion's League, spielt aber mit ein, zwei Ausnahmen ebenso regelmäßig keine Rolle, wenn es um den Titel geht. Das Achtelfinale ist fast schon das Maximum, was zu erwarten ist.

Der erste Ansatzpunkt betrifft die Kaderplanung. Wenger hat von der Beginn von 2013/2014 alles auf eine einzige Personalie gesetzt: Mesut Özil. Das Manöver ging eine Weile ganz gut auf, mit Fortdauer der Saison zeigt sich aber, dass ein mittlerweile selbst schon ziemlich erschöpfter Spieler die Mängel nicht beheben kann, die der Kader insgesamt hat. In erster Linie fehlt ein zweiter Topstürmer. Ich bin ein großer Fan von Giroud, aber ich kann nicht übersehen, dass er zur Zeit nicht in Form ist. Wenn man dann entweder, wie im Hinspiel, einen Yaya Sanogo aufstellen muss, oder mit dem indisponierten Giroud weiterarbeiten muss, der seit Juli keine Verschnaufpause hatte, dann bekommt man eben ein stumpfes Offensivspiel.

Die Sache mit Özil ist natürlich speziell. Denn sie ist zutiefst rätselhaft. Und gibt Grund zur Sorge über das Spiel hinaus. Bei dem, was der deutsche Superstar in den letzten Wochen auf dem Feld zeigte, würde man als unbefangener Beobachter wohl zuerst einmal sagen: Der Junge muss zum Arzt, und zwar nicht zum Sportarzt, sondern zu einem Spezialisten. Das geht doch deutlich über Verunsicherung hinaus, was Özil an Freudlosigkeit zu erkennen gibt. Vielleicht gefällt es ihm nicht bei Arsenal, aber eigentlich hatte er ja bis vor drei Wochen noch intakte Chancen auf drei Titel. Wenn einer dann so zum Elfmeter antritt wie Özil neulich gegen Neuer, dann sieht doch die Welt, dass etwas Gröberes im Argen liegt. So müde kann einer doch nicht sein, nicht einmal im Kopf, dass er die paar Schritte Entschlossenheit nicht zuwegebringt, die es hier braucht. Doch manchmal ist sie eben unauffindbar, diese Klarheit.

Die Sache ist nun mit einer Muskelverletzung gleichsam geklärt. Özil fällt für ein paar Wochen aus. Und Arsenal geht ohne ihn in die entscheidenden Spiele gegen Tottenham, Chelsea und Manchester City. In England hat sich nun ein interessanter Mann sehr deutlich sehr kritisch zu Wenger geäußert: Raymond Verheijen, Konditionsexperte, wirft dem Trainer von Arsenal (aber nebenbei auch David Moyes von Manchester United) veraltete Trainingsmehoden vor, die für die vielen Verletzungen von Arsenal-Spielern verantwortlich sind. Verheijen stand unter anderem auch hinter der einen oder anderen verblüffenden Laufleistung der russischen Nationalmannschaft unter Guus Hiddink, die damals ja auch von Dopinggerüchten umgeben war.

Dass Arsenal in dieser Hinsicht nicht perfekt gecoacht wird, glaube ich gleich, denn es fehlt ja auch sonst an einem nachvollziehbaren Plan. Gegen den FC Bayern war es allerdings auch sehr schwer, denn es gibt ja im Grunde nur eine extrem riskante Möglichkeit: den Versuch, genau so hoch zu pressen wie der Gegner. Das Risiko, dass eine Mannschaft mit Götze, Robben und Ribéry dabei einmal hinter oder durch die eigene Defensive findet, ist zu groß. Also entschied Wenger sich für eine plausible Lösung. Er brachte Oxlade-Chamberlain neben Arteta, ging also von Balleroberungen hinter der Mittellinie aus, und tatsächlich gingen von dem jungen Dynamiker ein paar gute Szenen aus. Aber der Weg zum Tor war einfach zu weit, und mit den paar Leuten, die nach vorne mitgingen, nicht zu überbrücken.

Das Tor durch Schweinsteiger war dann aber wieder ein Beispiel für die neue Kultur des FCB, die für meine Begriffe ja auch sehr stark aus einem prinzipiellen Laufen in mögliche Räume besteht. Fast im Sprint kam Schweinsteiger an den Elfmeterpunkt, während das Arsenal-Mittelfeld keine Anstalten machte, ihm zu folgen. Ribéry brachte den Ball zur Mitte, er kann das halt, und so stand es "im Aggregat" (Frank Beckenbauer später) 3:0 für die Favoriten.

Podolski glich fast postwendend aus (nach einem wohl doch unzulässigen Schubser gegen Lahm), und dann wäre eigentlich noch Zeit gewesen, um zumindest etwas zu versuchen. Doch Arsenal war auch 2014 "nicht gut genug" (The Telegraph") für die höheren Weihen des europäischen Fußballs.


Eingestellt von marxelinho am 13. März 2014.
1 Kommentare

Der Wiener
meint um 30. März 2014 20:16:07

"For all the fluidity of his teams' passing style, Arsène Wenger is very much a fixed-gear tactician. To steal a line from Shane Warne, Arsenal haven't simply played 12 matches in the past eight weeks: they have played the same match 12 times – the same shape, the same passing patterns game after game." Barney Ronay, The Guardian

Kommentieren


02. März 2014

Stuck in Stoke

Man spricht in England gern von einem "massive result", wenn ein Spiel als bedeutsam für den Verlauf eines Bewerbs angesehen wird. Das an sich triviale 0:1 von Arsenal bei Stoke City am Samstag war insofern massiv, als es nach dem 0:2 gegen den FC Bayern in der Champion's League die Ambitionen auf den zweiten wichtigen Titel der Saison stark beinträchtigen muss. Liverpool ist nun an Arsenal vorbeigezogen, Chelsea hat vier Punkte Vorsprung, Manchester City nach Verlustpunkten ebenfalls.

Arsenal ist also de facto jetzt auf Platz 4, das ist bezeichnenderweise die Position, auf die Arsène Wenger den großen Club aus London zuletzt mehr oder weniger abonniert hatte. Doch in diesem Jahr sah es lange Zeit so aus, als könnte wieder einmal mehr möglich sein. Nicht zufällig kam der Rückschlag in Stoke, bei einer Mannschaft, die wie kaum eine andere für all das steht, wogegen Wenger kein Rezept findet: Härte, Leidenschaft, Pragmatismus.

Mir Arsenal geht es uns also wie in diesem Song von den Talking Heads: Same as it ever was. Doch ist dieses Mal die Situation ein wenig pointierter. Das hat mit dem Umstand zu tun, dass der Coach seinen Vertrag noch nicht verlängert hat. Zu Beginn des Jahres, als alles noch besser aussah, lag anscheinend schon ein Entwurf vor, doch aus Gründen, die auch die gut informierte britische Presse nicht im Detail nachvollziehen kann, wurde noch nichts unterschrieben.

Es gibt dazu zwei Denkmodelle. Das eine wäre, dass Arsène Wenger selber warten wollte, bis er tatsächlich gute Gründe vorweisen kann, dass seine Arbeit noch zu Titeln führen kann. Und damit ist nicht der FA-Cup gemeint, auch wenn selbst diese Notlösung wenigstens helfen würde, die Jahreszahl 2005 zu überschreiben - damals gewann Arsenal auch den FA-Cup, es war der bislang letzte Titel. Nun fehlen diese Gründe gerade massiv, der "Boss" hatte also vor sechs Wochen bessere Argumente als aktuell.

Das andere Denkmodell sieht den relevanten Akteur nicht in Wenger, sondern in Ivan Gazidis, dem mächtigen, dabei ungeheuer diskreten Executive von Arsenal. Unter seiner Ägide wurden zuletzt einige kommerziell sehr einträgliche Deals ausgehandelt und bekannt gegeben. Arsenal hat Geld, ist bestens aufgestellt, nun fragt sich eben, wie es sportlich weitergehen soll. Gazidis gilt als Technokrat, der auf amerikanische Berechnungsmodelle schwört.

Ganz auszuschließen ist es nicht, dass er inzwischen bemerkt hat, dass das System Wenger inzwischen doch sehr verlässlich "underachievement" produziert. Es könnte also sein, dass er über Alternativen nachdenkt. Und wenn Arsenal vermutlich gegen Bayern aus der diesjährigen Champion's League ausscheidet, wird sich vieles auf das Nord-London-Derby bei Tottenhaum am 16. März zu spitzen, dazwischen gibt es nur noch ein Heimspiel im FA-Cup gegen Everton.

Die Niederlage gegen Stoke hatte im Detail auch mit einer diskutablen Schiedsrichter-Entscheidung zu tun (einer dieser Handelfmeter, bei denen man bis in alle Ewigkeit diskutieren könnte, wo die absichtliche Bewegung anfängt und ob sie überhaupt Zeit hat, jemals anzufangen). Doch dass die Leistung dürftig war, ist sonnenklar. Besonders indisponiert war übrigens Lukas Podolski. Mesut Özil spielte eine knappe halbe Stunde, ohne große Wirkung.

Der Mann des Spiels, jedenfalls für den Independent, war ein Österreicher: Marko Arnautovic, Bad Boy und inzwischen entschärfter Irokese, der sich immer mehr zu einem mustergültigen Winger entwickelt, mit vorzüglicher defensiver "work rate" und herausragenden Chancenvorbereitungen. Eigentlich ein Mann, wie er Hertha derzeit fehlt. Aber wohl viel zu teuer. Änis Ben-Hatira sollte seine Spiele studieren.


Eingestellt von marxelinho am 02. März 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


20. Februar 2014

Höhenkoller

In England spricht man vor großen Aufgaben gern von einem Hügel, den es zu erklimmen gilt. Arsenal hat gestern auf den sowieso schon großen Hügel, den der FC Bayern in der CL darstellt, noch zwei Auswärtstore draufgeschüttet, erzielt von Kroos und Müller. Eine Wiederholung des Vorjahresergebnisses in München würde reichen, um dort in die Verlängerung zu kommen - doch war mag daran bei einer Mannschaft glauben, die so offensichtlich in ihren und den Mustern ihres Trainers verhaftet ist?

Es war eine Nacht, die von Beginn an von unglücklichen Entscheidungen geprägt war. Arsenal begann gut, aber dem Elfmeter, den Özil schon früh zugesprochen bekam, war eine nicht erkannte Abseitsstellung vorangegangen. So etwas muss man normalerweise mitnehmen, wenn man gegen die übermächtigen Bayern eine Chance haben will, doch der zaghafte Özil lud Neuer mit seinem Nichtanlauf ein, ihn zu blamieren. Seit Wochen bietet der größte Star von Arsenal ein Bild des Jammers, jede Großaufnahme verlangt eigentlich nach der Sprechblase: "Ich bin unglücklich."

Nach einer guten halben stunde trat Boateng Gibbs aus dem Spiel, der Referee verzichtete aber aus unerfindlichen Gründen auf eine zweite gelbe Karte. Die erste war natürlich, nimmt man die Abseitsstellung von Özil als Grundlage, unberechtigt, für das Foul aber zu geben. Wir haben hier also ein sehr schönes Beispiel für die paradoxe Salomonik, die sich in solchen Spielen immer wieder ergibt.

Kurz vor der Pause erkannte Robben dann eine Lücke, Koscielny wurde von Mandzukic gesperrt, Robben war durch, Sczeszny holte ihn von den Beinen. Arsène Wenger sprach später davon, der Niederländer hätte "the most if it" gemacht. Aber es war ein eindeutiges Foul in der Position des letzten Mannes. Die rote Karte war hart, aber regelkonform. Sie "tötete" das Spiel, "it killed the game", damit hat Wenger recht, auch wenn Alaba den Elfmeter nicht verwerten konnte.

Sczesznys Ausschluss tötete das Spiel, und nicht nur Arsenal-Fans werden sich an die rote Karte gegen Jens Lehmann im Jahr 2006 erinnern, die damals ein Champion's League-Finale tötete, das dann noch eine Weile recht lebendig weiterging, bevor Barcelona sich dann doch durchsetzen konnte. Aus dem Emirates sahen wir gestern eine groteske zweite Hälfte, in der Arsenal mehr oder weniger in leichtem Trab das Ballgeschiebe des FC Bayern in die Schranken wies. Zwei Tore nach Vorbereitung von Lahm gab es aber doch, es reichte eine mäßig inspirierte Darbietung des Favoriten, weil Bayern eines wirklich kann: Lücken zu spüren, zu erlaufen.

Es sind kleine Lücken, die in Sekundenbruchteilen zu klaffenden Unterschieden werden. In drei Wochen darf Arsenal, nun schon aus nahezu aussichtsloser Position, noch einmal einen Anlauf nehmen. Doch insgesamt muss man sagen, dass sich die Mythologie dieser Mannschaft wieder einmal durchgesetzt hat: Sie verbindet gute Ansätze verlässlich mit Pech und Unvermögen.

Die taktischen Erkenntnisse über das Spiel von Dienstag sind natürlich begrenzt. Der Ausschluss von Sczeszny hat die Situation einfach zu sehr bestimmt. Davor war allerdings deutlich zu sehen, dass die Defensive des FCB durchaus angreifbar ist. Allerdings war die Defensive von Arsenal um diesen einen vertikalen Lauf von Robben angreifbarer.

Arsenal wird sich sicher bemühen, ein anständiges Rückspiel hinzukriegen. Jetzt noch Hoffnungen zu hegen, ist allerdings Pflichtübung. Ohnehin ist der Kader insgesamt nicht gut genug besetzt, um drei Bewerbe stark spielen zu können (gestern bot Wenger Yaya Sanogo als Stürmer auf, einen jungen Franzosen in seinem erst zweiten wichtigen Spiel). Die spannende Situation in der Premier League bietet mehr Anlass zur Hoffnung, doch eigentlich gibt es bei Arsenal, wie ich die Mannschaft seit zehn Jahren kenne, die Gewissheit: Irgendwas passiert immer. Irgendwas geht schief.


Eingestellt von marxelinho am 20. Februar 2014.
1 Kommentare

der wiener
meint um 20. Februar 2014 17:31:03

ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass özil irgendein internet-problem hat, entweder er hängt die ganze nacht in irgendwelchen chats herum und lässt sich fotos schicken, oder er spielt poker, irgendwas nimmt ihm die kraft, mehr psychisch als physisch. er sieht, wie du sagst, total unglücklich aus, wie einer, der vom internet nicht mehr los kommt.

Kommentieren


19. Februar 2014

Handtuchfühlung

Man trifft sich im Leben immer zweimal - diese für Verlierer tröstliche Weisheit hat gelegentlich einen wahren Kern. Der Arsenal FC trifft zum zweiten Mal hintereinander in einer Ausscheidungsrunde der Champion's League auf den FC Bayern München. Vor einem Jahr war die Konstellation noch nicht so deutlich wie dieses Mal. Doch dann dauerte es nur 22 Minuten, bis Bayern im Emirates mit 2:0 vorn lag, und alles, was danach kam (darunter eben ein 2:0 von Arsenal im Rückspiel in München), konnte diesen desaströsen Einstieg in die Begegnungen nicht mehr korrigieren.

Wir können davon ausgehen, dass Arsenal heute anders in das Spiel gehen wird, zumal ähnliche Erfahrungen aus der jüngeren Zeit zu Buche stehen. Bei den Auswärtsspielen in der Premier League bei Manchester City und beim FC Liverpool ließ Arsenal sich jeweils dramatisch überrumpeln. Das 1:5 in Anfield war so ziemlich eine der schmerzhaftesten Erfahrungen, an die ich mich als Fan erinnern kann. Faustkampfmetaphern sind hier voll und ganz zulässig.

Wie lassen sich also die Chancen von Arsenal insgesamt bewerten? Die Mannschaft hat sich gegenüber den Vorjahr konsolidiert, allerdings hat Bayern vermutlich deutlicher an Qualität zugelegt. Ich würde die Wahrscheinlichkeit, dass Arsenal sich über die zwei Spiele hinweg durchsetzen kann, mit 20:80 beziffern. Aber das ist natürlich in den Wind gesprochen.

Es gibt ein paar Faktoren, die mich sogar noch ein wenig hoffnungsvoller stimmen. Das Handtuch muss noch nicht geworfen werden. Der wichtigste hat mit einer Erfahrung zu tun, die Arsenal 2010/2011 gemacht hat. Damals traf Arsène Wengers Team zweimal hintereinander auf den FC Barcelona, damals das Maß aller Dinge in Europa. Und ausnahmsweise hatte der Coach, der einem berühmten Diktum zufolge "es weiß" (Arsène knows), sich tatsächlich für die zweite Auflage des Duells etwas überlegt.

Arsenal tritt in dieser Phase des Bewerbs ja traditionell zuerst daheim an, das hat mit der Tatsache zu tun, dass mit unschöner Regelmäßigkeit das letzte Auswärtsspiel in der Gruppenphase und damit der Gruppensieg verschenkt wird. 2011 gewann Arsenal das Heimspiel mit 2:1, und überzeugte dann in Barcelona fast eine ganze Halbzeit lang mit einer sehr aggressiven, sehr hohen Defensivlinie - bis Fabregas, damals schon halb bei Barca und sowieso halb verletzt angetreten, mit einem Fersentrick vor dem eigenen Strafraum die Niederlage einleitete. Eine kontroverse gelb-rote Karte gegen van Persie besiegelte sie dann. Doch in diesem Match hätte Arsenal eine Chance gehabt.

So wird es heute vor allem darum gehen, "im Spiel zu bleiben", also mit einer noch irgendwie plausiblen Ausgangsposition nach München fahren zu können. Ein 0:0 gilt dabei als keineswegs verkehrt. Welche Mannschaft können wir für diese Aufgabe erwarten? Die Defensivformation steht weitgehend fest, wenn man davon ausgeht, dass Gibbs, der zuletzt oft pausiert hat, der eindeutig bessere Leftback gegenüber Monreal ist. Koscielny, Mertesacker und Sagna komplettieren die Viererkette, Sczeszny im Tor ist unumstritten.

Arteta ist gesperrt, ohnehin hätte ich ihm Flamini vorgezogen, neben dem Wilshere zu erwarten ist, davor Özil als Freigeist, und Giroud als "target man". Bleibt die Frage nach den Flügelspielern. Vermutlich wird Rosicky aufgrund seiner Erfahrung und auch seiner größeren Defensivqualitäten in die erste Elf rücken, dann bleibt noch die Entscheidung zwischen Oxlade-Chamberlain und Cazorla. Ich wäre für "The Ox", er ist gut in Form, kann Lücken reißen, zumals Ribéry bei Bayern fehlen wird. Cazorla zieht oft nach innen, und hat in der Rückwärtsbewegung doch Defizite. Ich würde ihn von der Bank kommen lassen.

Podolski und Gnabry sind nicht in der Startelf zu erwarten, auch wenn das manche Kommentatoren beim Bezahlfernsehen anders sehen werden. Am Sonntag hatte Arsenal im FA-Cup die Chance, sich gegen Liverpool zu rehabilitieren. Das gelang, mit Hilfe des Schiedsrichters, aber auch mit einer ansprechenden Leistung von Mesut Özil, und einer soliden Defensive gegen die gefährlichen vertikalen Läufe von Daniel Sturridge. Die mentalen Voraussetzungen sollten also stimmen. Das Emirates riecht noch nach einem Sieg gegen einen schweren Gegner.

Das Spiel heute Abend läutet auch die heiße Phase des Wettbewerbs "Alle gegen den FCB 2014" ein. Der europäische Fußball in seiner Gesamtheit hat nun noch ein paar Gelegenheiten, in dieser Saison Rezepte gegen die Dominanz auszuprobieren. In der Bundesliga sind es eine Handvoll Mannschaften, die vielleicht in der Lage sind, den übermächtigen Favoriten vor eine Aufgabe zu stellen. Hertha sollte dazuzählen. In der CL sind es maximal sieben Begegnungen. Wenn der Arsenal FC über sich hinauswächst, dann sind es vielleicht nur zwei. Es wäre ein gefühlter Champion's League-Sieg, auf den dann allerdings ein ganz normales Viertelfinale folgen würde. Eine Normalität, die dem ganzen Fußball gut tun würde.


Eingestellt von marxelinho am 19. Februar 2014.
0 Kommentare

Kommentieren


17. Dezember 2013

Herausforderung

Eine einzige schnelle (für Per Mertesacker zu schnelle) Bewegung von Gonzalo Higuain hat vor einer Woche dazu geführt, dass das Champion's League-Achtelfinale aus dem Vorjahr eine Neuauflage findet: Arsenal gegen den FC Bayern, neuerlich zuerst das Heimspiel im Emirates, danach in München. In Neapel, wo ein Punkt für den Gruppensieg gereicht hätte, wollte Arsenal auch nicht mehr. Das rächte sich, weil mit zunehmender Spieldauer die Spannung nachließ, und das gibt dann eben Momente für jemanden wie Higuain, der ansatzlos explodieren kann. Insgesamt sah mir sein Spiel allerdings so aus, dass ich keineswegs traurig darüber bin, dass er nicht nach Londn gewechselt ist im Sommer, er spielt doch eher einen gomezigen, nicht-integrierten Verwerter als einen vordersten Umschaltspieler, wie das ein Mandzukicz so wadenbeißerisch vorlebt, oder in Berlin der defensiv wie offensiv großartige Adrián Ramos.

Arsenal bekommt nun also Gelegenheit, zu demonstrieren, ob sich in diesem einen Jahr etwas verbessert hat. Auf der einen Seite steht eine Mannschaft, die in einen Frühling der potentiell absoluten Dominanz geht, an der sich nun allerdings auch ganz Europa ausrichtet. Im Vorjahr ging Arsenal naiv vor allem in das Heimspiel, nach einer Halbzeit war die Sache im Grunde entschieden, alles, was danach kam, war für die Ehre. Das 2:0 in München könnte sich nun als tückisch erweisen, weil es nämlich dazu angetan ist, die Kräfteverhältnisse falsch einzuschätzen.

Trotz des deutlichen Außenseiterstatus glaube ich allerdings, dass Arsenal, wenn der Coach eine kluge Einstellung findet, eine seriöse Herausforderung für den FC Bayern darstellen könnte. Dazu braucht es aber eine Rückkehr zu einem etwas orthodoxeren System als zu dem amorphen Mittelfeld, das zuletzt häufig zu sehen war. Die Rückkehr von Walcott und vielleicht sogar von Oxlade-Chamberlain könnte sich als wichtig erweisen. Allerdings sind bis zum ersten CL-Match noch 13 Spiele zu absolvieren, darunter kurz vor den Bayern das schwere Auswärtsspiel in Liverpool und gleich danach das Heimspiel gegen Manchester United. Und wir wissen auch nicht, welche Verpflichtungen Arsenal im Winter noch machen wird - einen Stürmer ziemlich sicher, denn Olivier Giroud braucht Konkurrenz und Entlastung. Muss ja nicht Kevin Volland sein, von dem zuletzt verschiedentlich die Rede war.

Für die nächsten zwei Monate ist nun jedenfalls das Geschehen perspektiviert: Ich werde bei jedem taktischen Manöver Arsenals, bei jedem unterbliebenen Zurücklaufen von Walcott oder Cazorla, bei jedem Ausflug von Ramsey oder Özil, bei jedem Ballverlust von Flamini oder Arteta, an die Bayern denken. Das große Spiel im Februar ist die Folie, vor deren Hintergrund ich mir viele Spiele ansehen werde. Das gilt bis zu einem gewissen Grad sogar für Hertha, die allerdings einen Monat Pause haben wird, was mir vielleicht Gelegenheit geben könnte, meinen Vergleich von Tolga Cigerci mit Aaron Ramsey zu erhärten, indem ich mir ein paar Hertha-Spiele noch einmal anschaue. Doch halt, ich vergaß, Hertha hat ja keinen Clubkanal. Ist doch noch nicht alles perfekt beim Hauptstadtclub.


Eingestellt von marxelinho am 17. Dezember 2013.
0 Kommentare

Kommentieren


15. Dezember 2013

Schwere Beine

Nach dem 6:3 von Manchester City gegen Arsenal am Samstag ist das Titelrennen in der EPL wieder deutlich offen (war es vorher aber angesichts der Länge der noch ausstehenden Saison und der gerade erst beginnenden Weihnachtssaison auch). Insgesamt war das für Arsenal nach dem 0:2 in Neapel eine Woche der Ernüchterung, in der nicht nur deutlich wurde, dass der Kader zu klein für die Strapazen ist (das wusste man ohnehin), sondern dass ein zentrales Problem der letzten Jahre keineswegs behoben ist. Arsenal geht häufig ohne erkennbare Einstellung in Spitzenspiele, das Spiel gegen den Ball ist relativ planlos, eine auf den Gegner abgestimmte Taktik ist nicht erkennbar, und auch das Ethos ließ gegen City wieder einmal zu wünschen übrig.

Die Mannschaft von Pellegrini hingegen, die gegenüber dem Auswärtsspiel bei den Bayern an vielen Stellen umgebaut worden war, spielte wuchtig, zielstrebig, und nützte geschickt die Schwachstellen, die Wengers Formation anbot: Vor allem die linke Defensivseite, mit Monreal an Stelle von Gibbs, und mit Jack Wilshere, der wegen des Überangebots im zentralen Mittelfeld auf dem linken Flügel begann, und der in der Rückwärtsbewegung große Probleme hatte, sich zu orientieren und zu engagieren.

Er hatte auch einen der Ballverluste, die City zu einem von sechs relativ einfachen Toren nützte. Dazu die Anfälligkeit von Arsenal bei Standards, ein Moment von Schwerfälligkeit von Mertesacker (gegen Silva, vergleichbar dem gegen Higuain in Neapel), und generelle Saumseligkeit der offensiven Vier, zurückzulaufen, und schon hat man eine Niederlage, für die sie in England gern das Wort "comprehensive" verwendet. City gilt nun, obwohl Arsenal noch drei Punkte Vorsprung hat, als die Mannschaft mit dem Momentum.

Bei Arsenal steht Arsène Wenger vor einer Verlängerung seines Vertrags, ohne dass meiner Meinung nach die prinzipiellen Probleme gelöst sind: ungenügende Kaderplanung, fehlende taktische Instruktion, Probleme in der Mannschaftsbalance. Dazu kommen deutliche Zeichen von "wear and tear" bei Spielern wie Ramsey, der in Neapel geschont wurde. Ich wollte ursprünglich sogar nach Neapel fahren, das ging sich dann jedoch nicht aus. Irgendwie hatte ich ohnehin damit gerechnet, was dann eintrat: Mit einer schwachen Leistung im letzten Auswärtsspiel der Gruppenphase hat Arsenal einmal mehr den Gruppensieg verspielt - ein Muster, das sich nun schon sieben, acht Jahre so durchzieht.

Wie geht es Mesut Özil? Nach dem Spiel gegen City wurde er von Mertesacker zusammengestaucht, weil Özil sich nicht von den mitgereisten Fans verabschieden wollte. Daraus muss man keine große Sache machen, aber es zeugt doch davon, dass der Sonderstatus, den Özil hat, komplex ist. Eindeutig hatte seine Unterschrift einen galvanisierenden Effekt, sie ließ auch vergessen, dass die Transferperiode trotzdem insgesamt unprofessionell genutzt worden war. In den Spielen hat Özil eine Rolle, die sich so kein anderer Club leistet: buchstäblich von allen Defensivarbeiten befreit, kann er sich in aller Ruhe seinem genialen offensiven Positionsspiel widmen, also nach Räumen suchen, aus denen heraus er etwas lancieren kann. Darin ist ihm niemand gleich, ihm dabei zuzuschauen, macht in gewisser Weise so viel Spaß, dass ich sogar von Ergebnissen abstrahieren kann.

Wenn es aber darum geht, schwierige Spiele zu gewinnen, bestätigt sich der Ruf, der ihm aus Madrid vorausgeeilt war. Özil ist kein Spieler, der dann leidenschaftlich wird, wenn es bergauf geht; im Gegenteil wirkt er äußerst stimmungsabhängig. Es passt zu Wenger, dass er die Lösung für Arsenals Wettbewerbsfähigkeit um große Titel im Grunde nicht in mannschaftlicher Kohäsion sucht (wie es Luhukay und so vielen andere "Konzepttrainer" tun), sondern in Momenten des Genialen.

Having said all that, ist natürlich trotzdem festzustellen, dass Arsenal vor dem Auftakt des Feiertagsmarathon gegen Chelsea am 23. Dezember gut dasteht: Die Mannschaft ist extrem begabt, nun kann sie sich über eine Woche ausruhen und einstellen, ein Sieg gegen Chelsea würde sicher den "spirit" für die nicht ganz so harten Matches gegen Westham, Newcastle und Cardiff heben. Und dann öffnet ja schon wieder das Transferfenster. Wir können sicher sein, dass Arsenal aktiv sein wird.


Eingestellt von marxelinho am 15. Dezember 2013.
0 Kommentare

Kommentieren


06. November 2013

Grundbummeln

In den letzten Wochen war ich viel unterwegs, das verträgt sich mit der Begeisterung für Fußball gar nicht gut. Spiele im Hotel zu schauen, auf dem Computer, mit allerlei Tricks die Ländergrenzen überwindend, die es auch im "weltweiten" Netz gibt, das macht oft nur wenig Freude. Heute steige ich aber trotzdem in einen Zug und fahre einmal quer durch die Republik, und dieses Mal ist Fußball der Anlass der Fahrt: Arsenal spielt beim BVB, ich habe mir den Luxus gegönnt und über ein Reisebüro eine Karte besorgt. Wo ich sitze, weiß ich noch nicht, der Eindruck wird aber ein wenig abgeschwächt sein, denn bei CL-Spielen dürfen nur 65000 ins Stadion, die "gelbe Wand" wird ein bisschen weniger laut und kompakt sein als bei einem Ligaspiel.

Es spricht alles dafür, dass es ein spannendes Spiel wird, denn Arsenal hat ja das Heimspiel vor drei Wochen vergeigt (Bacary Sagna lief bei einem späten BVB-Konter nicht mehr mit zurück, sodass Lewandowski eine Flanke von Großkreutz, der davor mehrfach den Himmel durchlöchert hatte mit seinen Hereingaben - man verzeihe die Metapher, ich habe gerade einen Artikel über Neues aus der Kosmologie gelesen -, verwerten konnte: 1:2 war das Endergebnis).

In der Premier League führt Arsenal nach einem Heimsieg gegen Liverpool mit fünf Punkten Vorsprung. (Ein Spiel, das ich nicht sehen konnte, weil ein bekannter Trash-Autor eine Lesung in meiner Heimat hatte, die ich besuchen wollte.) Interessanterweise ist der Hype um Mesut Özil zuletzt ein wenig abgeklungen, es ist insgesamt die Offensivabteilung, die überzeugend auftritt.

Arteta, um ganz hinten anzufangen, spielt wieder initiativer und strukturierter, was man ganz klar als Effekt einer Konkurrenzsituation mit dem Neuzugang Flamini sehen kann (mit dem er aber auch nebeneinander spielen kann); Rosicky macht das Kombinationsspiel sichtlich Spaß; Cazorla findet sich nach einem anstrengenden Sommer und einer Verletzung allmählich wieder in die Mannschaft; Özil versteht sich prima mit dem offensiven Rightback Sagna; Giroud spielt eine unberechenbare Zentralspitze, er legt gern originell ab; und dass Aaron Ramsey zu einer zentralen Figur werden würde, war in der Rückrunde der letzten Saison schon tendenziell absehbar, dass er aber so wirkungsvoll werden würde, das hat sicher mit dem katalytischen Element zu tun, dass Özil die Aufmerksamkeit (nicht nur der Gegner auf sich zieht). Schließlich gibt es mit Serge Gnabry einen Jungstar, der auf den rechten Flügel geschickt werden kann. Verlierer dieser Konstellation ist Jack Wilshere, der mit Verletzungsproblemen kämpft. Auch für Walcott, nicht zu reden von Podolski, wird es nicht leicht, wieder in die erste Elf zu finden.

Dazu kommt eine solide Viererkette, und ein starker Keeper. Im Heimspiel gegen den BVB konnte man aber auch sehen, dass die alten Arsenal-Probleme keineswegs behoben sind: eine unentschlossene Taktik (oder eigentlich gar keine) brachte es dort mit sich, dass die Mannschaft nie so richtig aus der Defensive kam, das Pressing des BVB war der dominierende Faktor, Arsenal versuchte zwar wie immer, "sein Spiel" aufzuziehen, war aber über weite Strecken ohnmächtig. Arsène Wenger "knows" eben nur eine Stilistik, ich kann mich nur an ganz wenige Spiele erinnern, in denen Arsenal eine spezifische Konfiguration zeigte (gegen Barcelona in der CL zum Beispiel).

So bin ich also umso gespannter, wie er sich die Sache in Dortmund vorstellt. Ich hoffe, dass mein Platz es mir erlaubt, das Spiel mit taktischem Auge zu sehen, dass ich also nicht zu niedrig sitze. Einen Film werde ich auch drehen, ich freue mich auf einen Höhepunkt meiner Grundbummlerei.


Eingestellt von marxelinho am 06. November 2013.
0 Kommentare

Kommentieren


03. September 2013

Houdinismus

Es hatte etwas von einer amerikanischen Präsidentschaftswahl, wie sich die letzte Nacht der Transferperiode in diesem Sommer gestern entwickelte. Viele Nachrichten, von denen viele sehr lang auf Bestätigung warten ließen, manche konnten schließlich gar nicht bestätigt werden, der eine oder andere Wechsel fiel durch, weil: "too close to call". Hertha wurde noch aktiv und leiht Tolga Cigerci für eine Saison vom VfL Wolfsburg aus, eine kleine, pragmatische Maßnahme, die genau richtig dosiert ist, um Ronny ein wenig anzuspornen und Mukhtar nicht vor den Kopf zu stoßen. Ich habe ihn letztes Jahr bei Gladbach gelegentlich gesehen, er ist auf jeden Fall ein interessanter Spieler, von dem sich nun weisen wird, ob er sich in das Luhukay-Ethos finden wird.

Wesentlich hektischer als in Deutschland, wo die Clubs während der Transferzeit ihre Aufgaben erledigt hatten, ging es in England zu. Dort gab es sogar echte Blamagen. Manchester United hatte Ander Herrera von Atletico Bilbao vermeintlich schon sicher, doch dann ging doch noch etwas schief, und es war zu spät, um zu korrigieren.

Der Transfer des Abends gelang aber Arsenal: Mesut Özil wechselt von Real Madrid nach London, und zwar für eine zweifache Rekordsumme - er wird der teuerste Spieler, den Arsenal jemals verpflichtet hat, und auch der teuerste deutsche Spieler, der jemals einen Verein gewechselt hat. Arsène Wenger kann also mit einigem Recht behaupten, dass einer späten Karriere als Entfesselungskünstler nichts im Wege steht. Am Sonntag hat seine Mannschaft das Derby gegen Tottenham (Gareth Bale raus, sieben teure Neue) verdient mit 1:0 gewonnen (durch ein virtuoses Tor von Giroud). Am Tag darauf nun also eine spektakuläre Neuverpflichtung, die vor allem der "midfield maestro" Tomas Rosicky wehmütig sehen wird.

Denn Özil (oder Ozil, oder Oezil, über den Umlaut wurde in England gestern schon viel geschrieben) wird natürlich der neue Maestro. Er wird gut in die Mannschaft passen, aus drei Gründen: Cazorla hat gerade am Sonntag angedeutet, dass ihm die Position auf links, von der aus er nach innen ziehen kann, sehr behagt; Ramsey und Wilshere (oder neuerdings wieder Flamini) sorgen im zentralen Mittelfeld für die nötige Kombination aus Biss und Kreativität; und Walcott und Giroud gehen in die Lücken. Mit Özil kommt ein Element hinzu, das seit Bergkamp und Fabregas fehlte: ein Air von absoluter Weltklasse.

Für den immer noch jungen Mann aus Gelsenkirchen steckt in dieser Sache allerdings auch eine Demütigung. Er sah sich gezwungen, zu einem Club aus der zweiten Reihe zu wechseln (wobei für mich Real Madrid da momentan auch - noch - dazugehört, allerdings nur sportlich; in jeder anderen Hinsicht sind sie natürlich galaktisch). Ich hoffe, er nimmt es sportlich, und führt Arsenal ein Stück nach oben. Wenn wir Pech haben, verstärkt sich seine andere Tendenz, und er taucht ab, wenn es hart wird. Dagegen spricht für meine Begriffe, dass Arsenal - angeführt von Aaron Ramsey - eine neue Haltung entwickelt, die von enormer Leidenschaft geprägt ist. Flamini (ablösefrei) erwies sich am Sonntag jedenfalls gleich als einer, der da bestens dazu passt.

Der Coup mit Özil sollte aber nicht überstrahlen, dass Arsenal keinen Stürmer verpflichten konnte. Sie hängen also ganz und gar von Giroud ab, einer exzellenten ersten Wahl - was aber, wenn er sich verletzt? Dann müsste Walcott zentral spielen, was zu einer eher barcelonischen oder peppigen Konzeption führen würde. Die Transferbilanz von Wenger ist also gemischt, er wird sich aber voll und ganz legitimiert sehen, und tatsächlich kann man von einer gerade noch erfolgreichen Schlussoffensive sprechen, wobei ich sagen würde, dass Flamini fast so wichtig werden könnte wie Özil. Das wäre eine herrliche Ironie, ungefähr so, als hätte Hertha Kacar zurückgeholt, und der würde wieder zu einer Säule. Wofür ja nun leider nicht nur nicht so viel spricht, sondern gar nichts. Es wäre ja auch schon zu spät. Für dieses Mal.


Eingestellt von marxelinho am 03. September 2013.
0 Kommentare

Kommentieren


19. Februar 2013

Ausredefreiheit

Der Arsenal FC geht heute als klarer Außenseiter in das CL-Duell gegen den FC Bayern. Das müsste nicht so sein, denn eigentlich hat der Club aus Nord-London ähnlich gute Standort-Faktoren wie der Krösus aus München. Und das nominelle erste Team ist zumindest auf dem Papier eine interessante Herausforderung für die in diesem Jahr so sagenhaft dominante Mannschaft von Jupp Heynckes, von dem Arsène Wenger in seiner Pressekonferenz bekannt, dass er ihn als Spieler "geliebt" habe (er ist deswegen auch bis heute Gladbach-Fan).

Wo liegt also das Problem bei Arsenal, das 2004 in England ungeschlagen den Titel gewann, und das 2006 immerhin noch in das CL-Finale gegen den FC Barcelona kam, damals mit Cesc Fabregas und Jens Lehmann, wobei der deutsche Keeper nur wenige Minuten auf dem Platz war? Das Problem ist, so weit man das von außen beurteilen kann, der Mann, der bei Arsenal ziemlich einsam das Sagen hat: Arsène Wenger ist recht eindeutig in die späte Phase seines Wirkens eingetreten, er vermag keine positiven (und vor allem auch: keine taktisch strukturierten) Impulse mehr zu geben, er hält sich zunehmend an Verdiensten fest, die man nach den Maßstäben des modernen Fußballs als historisch begreifen muss, die aber mit der Gegenwart nichts zu tun haben.
?
Immerhin kann man dem Club zugute halten, dass sie die deutlich gereizte Pressekonferenz im hauseigenen Fanfernsehen ungeschnitten zugänglich halten. Man sieht dort einen Mann, der nach dem Ausscheiden im FA-Club gegen Blackburn am vergangenen Samstag sehr angegriffen wirkt. Er weiß auch, was Stewart Robson in einem sehr interessanten Interview, das die SZ heute bringt, unverhohlen ausspricht: Vielen Fans wäre eine Niederlage gegen Bayern willkommen, weil sie hoffen, dass danach endlich über die Wenger-Nachfolge gesprochen würde. Doch die Strukturen bei Arsenal sind so, dass Veränderungen schwer durchzusetzen sind. Und dass der "Boss", wie er sich nennen lässt, selbst einer sinnvollen Lösung der Weg bereiten könnte, ist bisher nicht abzusehen.
?
Ich werde es nicht schaffen, das Spiel "sub specie longevitatis" anzuschauen. Wie jedes Mal, wenn Arsenal ein Spiel anfängt, werde ich auch dieses Mal darauf hoffen, dass das Team so spielt, wie es das im Grunde kann, aber eben selten tut. Personell hat die Elf, die vermutlich antreten wird, nicht die Weltklasse der meisten Bayern-Spieler, aber es ist eine interessante Formation, die zudem taktisch auch deswegen einiges verspricht, weil die Spielsysteme einander sehr ähneln.
?
Was beim FCB die zentrale Triangel Martinez-Schweinsteiger-Kroos ist, sind bei Arsenal Arteta-Wilshere-Cazorla. Dies allerdings nur, wenn Walcott auf dem Flügel spielt - ich würde allerdings nicht ganz ausschließen, dass Wenger heute anders aufstellt, Giroud draußen lässt, Walcott zentral aufbietet, Cazorla über rechts kommen lässt, Wilshere vorzieht, und Abou Diaby oder Ramsey neben Arteta als Sechseinhalber. Podolski auf links dürfte gesetzt sein. Die Verteidigung könnte (falls Koscielny wirklich verletzt ist) unorthodox aussehen, nämlich so: Vermaelen-Mertesacker-Sagna-Jenkinson. Das würde einen Feiertag für Ribéry bedeuten.
?
Beginnt Walcott vorne zentral, wäre dies ein strategisches Eingeständnis der Außenseiterrolle, denn dann spielt Arsenal im eigenen Stadion auf Konter. Die letzte taktisch wirklich interessante und auch erfolgreiche Darbietung von Arsenal in der CL brachte vor ziemlich genau zwei Jahren auf ähnlicher Grundlage einen 2:1-Heimsieg gegen Barcelona (den dann ausgerechnet Cesc Fabrègas mit seinem Fersler im Camp Nou entwertete). Damals spielte Arsenal im Grunde Vabanque: eine extrem hohe Defensivlinie verengte das Spielfeld so weit, dass Barcelona Mühe hatte, sein Offensivpressing ins Laufen zu bekommen; hinten hinaus schoss Arsenal zwei Tore, und auch im Rückspiel war das Konzept noch zu erkennen (eine rote Karte gegen van Persie trug damals auch zum Ausscheiden bei).
?
Interessant wird es heute sicher, aber es ist eben nur ein Spiel, dem ein größeres Bild gegenübersteht: Arsenal spielt zwar jedes Jahr CL, sorgt aber mit schwachen Hinrundenleistungen wie in diesem Jahr gegen Schalke dafür, dass meist schon im ersten Frühjahrs-Duell eine sehr starke Mannschaft kommt; dazu ist Arsenal in der EPL seit Jahren ohne Chance, verliert zudem kontinuierlich an Boden, bei soliden Jahresgewinnen, die in die USA zu Stan Kroenke und nach Usbekistan zu Alisher Usmanow abfließen (der Letztere immerhin würde eigentlich gern reinvestieren, darf aber nicht mitreden).
?
Stewart Robson spricht von einer Diktatur, die Arsène Wenger errichtet habe. Sein Unmut dürfte auch persönliche Gründe haben. Im Vorjahr arbeitete er noch für Arsenal TV, machte dort die Match-Analysen, in dieser Saison wurde er durch Adrian Clarke ersetzt. Die Hintergründe sind unklar. Klar ist nur, dass Arsenal gegen Bayern eine Topleistung brauchen wird, um eine Chance zu haben. Der Trainer spielte schon einmal die Erwartungshaltung für das Hinspiel ein wenig hinunter: Ein 0:0 wäre ein gutes Ergebnis. Ganz falsch liegt er damit nicht, denn im Rückspiel hat der FCB einen Nachteil: Ein Auswärtstor kann dann nicht mehr erzielt werden. Allerdings sollten sie dafür auch aus London keines mit nach Hause nehmen. Ich bin gespannt.


Eingestellt von marxelinho am 19. Februar 2013.
0 Kommentare

Kommentieren


13. März 2012

39 Sekunden

Arsenal hat gestern gegen Newcastle einen Premier-League-Rekord gesetzt, auf den die meisten Teams wohl keinen Wert legen würden: Noch nie ist eine Mannschaft viermal in Folge nach einem Rückstand zurückgekommen und hat noch gewonnen. Die Dramatik wurde noch dadurch verschärft, dass der entscheidende Treffer wie schon neulich gegen Liverpool in der Nachspielzeit fiel, genauer gesagt in der 95. Minute.

Und weil das ein exzellentes Beispiel für die Zeitmaße des Fußballs ergibt, habe ich mir die kleine Mühe und das große Vergnügen gemacht und bin mit dem Notizzettel noch einmal an diese Szene gegangen, um sie in ihre Einzelteile zu zerlegen. Da sieht man dann nämlich, was im Fußball möglich ist - Agonie und Ekstase lagen gestern so nahe beisammen, dass der World Feed der EPL sogar noch zwei sehr schöne "reaction shots" einbauen konnte, zwei Bilder, die nachgerade wie Beschwörungen wirkten, jedenfalls in der Rückschau von dem Tor, das gleich danach fiel. Es entwickelte sich so:

93:26 Newcastle ist auf der rechten Offensivseite in Ballbesitz, sucht aber nicht mehr den Abschluss. Es steht 1:1, das wäre für die Magpies ein gutes Ergebnis nach einem ziemlich guten Spiel, das der Mannschaft von Alan Pardew aber alles abverlangt hat. Der Ball geht ins Out, Einwurf neuerlich für Newcastle.

93:39 Erst nach fünfzehn Sekunden hat Danny Simpson den Ball wieder an den Spielfeldrand gebracht, er hat ihn sich aus der leicht abgesenkten Zone neben dem Feld geholt, ist gemächlich wieder hinangestiegen zur Linie, nun steht er dort, bereit zum Einwurf. Nun sucht er einen Mitspieler, zu dem er werfen kann. Das dauert.

93:45 Simpson wirft an die Toroutlinie, der Ball geht ein paar Mal hin und her, Newcastle kann ihn nicht richtig behaupten, Arsenal kann aber erst nach sieben Sekunden eine Klärung herbeiführen. Die hat es aber in sich. (Jetzt ist noch eine Minute zu spielen.)

93:52 Song spielt von der Strafraumgrenze vertikal auf van Persie.

93:54 Van Persie geht mit dem Ball in Richtung der Hälfte von Newcastle

93:57 Song schließt zu ihm auf, übernimmt den leicht zurückgespielten Ball, und spielt einen Pass nach rechts außen

93:59 Thomas Vermaelen überquert die Mittellinie (zweitbester Offensivsprint ever bei Arsenal, nach dem von Arshavin beim 4:4 gegen Liverpool)

94:00 Walcott nimmt auf dem rechten Flügel den Ball an und schlenzt ihn in den Strafraum

94:04 Van Persie springt unter der Flugbahn des Balls durch (im Arsenal TV schreit der Kommentator in diesem Moment: "this one might fall for Vermalen")

94:05 Der Ball fällt "für" Vermaelen, der ihn aus einem Meter über die Linie drückt.

Von den 39 Sekunden, auf die es ankam, vergingen also 26 mit Zeitschinden, und 13 brauchte es für den Konter, der das Tor brachte. Eine schöne Proportion. Im Vorjahr schaffte Arsenal es übrigens einmal, in der 97. Minute gegen Liverpool in Führung zu gehen, und in der 102. noch den Ausgleich zu kassieren. Damals begann die Saison nach der Niederlage im Carling Cup dramatisch auszurinnen, das führte dann auch zum Abgang von Nasri und Fabregas. Heuer sieht es zumindest jetzt gerade so aus, als könnte das Momentum ein anderes sein - Titel ist keiner mehr drin, aber wenn sich die Mannschaft noch mehrfach so belohnt wie zuletzt, dann könnte sie sich anders für nächste Saison in Stellung bringen als 2011.

Gegen Liverpool war die Leistung noch schlecht, aber das Ergebnis stimmte. Gegen Newcastle gestern war das Spiel zum Teil wunderbar (Rosicky, Walcott, Arteta), trotzdem brauchte es einen Moment, in dem das Glück ein wenig aufs Tempo drückte. Daraus entstehen Szenen wie die auf dem Bild: Vermaelen verwertet, und Gervinho tanzt dazu.


Eingestellt von marxelinho am 13. März 2012.
0 Kommentare

Kommentieren


14. August 2008

Arnautovic

Gestern hat auch meine zweite Herzensmannschaft, der Arsenal FC, die
Pflichtspielsaison eröffnet, mit dem Hinspiel in der CL-Qualifikation
gegen Twente Enschede, ausgetragen in Arnheim. Es war eine prekäre
Angelegenheit, soweit ich das dem Livestream aus dem Irak (?), den ich
im Netz aufspürte, entnehmen konnte. Mit Ramsey und Denilson war Arsenal
in der Zentrale juvenil-fragil besetzt, dazu spielte Djourou in der
Innenverteidigung, und Clichy wirkte links hinten nicht immer hellwach.

Ein 19jähriger Österreicher namens Marko Arnautovic (wunderbarer Name,
serbischer Ursprung), der in Floridsdorf beim FAC seine ersten
Fußballschuhe schnürte, hatte zwei gute Chancen. Die zwei Tore schoss
aber Arsenal: Gallas nach einem langen Freistoß von rechts, und später
Adebayor nach Vorlage von Walcott. Wie gesagt, das war nicht berühmt
gestern, mich hat aber ohnehin mehr das Suchen nach dem Stream bewegt,
denn ich sehe schon kommen, dass die paradiesische Fastvollversorgung
mit Fußball, die Premiere eine Weile bot, nicht mehr lange vorhalten
wird.

Beim ersten Spiel wollte ich aber unbedingt dabei sein, vor allem,
weil Arsenal heuer schwerer auszurechnen ist denn je. Für meine
Begriffe hat der alte Knauserer Arsène Wenger in diesem Sommer nicht gut
vorgesorgt: Die Innenverteidigung und das zentrale Mittelfeld sind
nicht hinreichend stark abgesichert, ich mache mir ein wenig Sorgen.
Heute tritt die Hertha in Ljubljana an, da bin ich zuversichtlicher.
Play Ball!


Eingestellt von marxelinho am 14. August 2008.
0 Kommentare

Kommentieren


12. Mai 2005

Birthday Party

Man soll ja nicht zu früh mit dem Feiern anfangen. Was Arsenal allerdings gestern veranstaltet hat, war dann doch der schönste Auftakt zu einem Geburtstag, den ich im übrigen dieses Jahr ohne eigene Party verstreichen lassen werde - mir ist derzeit mehr nach Arbeit, ich bin mit so vielen interessanten Dingen beschäftigt.

Es war das letzte Spiel der Saison in Highbury, ein Auswärtsmatch steht dann noch aus. Zu Gast war Everton, immerhin auf Position 4 in der Premier League und damit Teilnehmer an der nächsten CL-Qualifikation. Wenger hatte Sol Campbell wieder in die Innenverteidigung genommen, und Edu machte sein Abschiedsspiel.

Am Ende hatte Arsenal 7 Tore von sechs Torschützen, und Lehmann hielt seine Kiste sauber. Die Leichtigkeit und pure Freude dieses Spiels war sicher auch dem Gegner geschuldet. Es war aber doch mehr als ein Trainingsmatch, es war die Bestätigung, daß Arsenal nach dem traumatischen Mittelteil der Saison seinen Stil wieder gefunden hat - neben dem Vorstoß über die Flügel an die Grundlinie zelebrierten sie gestern vor allem den berühmten "tödlichen" Paß, der in Spielrichtung hinter die Innenverteidigung führt.

Reyes, mein Favorit, wirkt integriert in die Mannschaft und glänzte gestern als Vorbereiter. Bergkamp, für den die Fans am Ende "One More Year" forderten, spielte virtuos Marionettentheater mit seinen Leuten - er lenkte sie durch Pässe. Henry kam nach der Pause und brachte jenes Gran Arroganz auf das Feld, das die Kehrseite von Arsenals Verwundbarkeit ist - gegen eine robuste Mannschaft wird ihr System leicht entropisch, zudem haben sie die labile Genie-Psychologie.

Wenger baut die Mannschaft gerade von hinten heraus neu auf. Senderos ist wohl jetzt schon Stammspieler. Campbell hingegen geht in den Herbst seiner Karriere. Am Wochenende hat Arsenal auch den FC Liverpool locker mit 3:1 geschlagen. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Saison - dann geht das Gigantenduell unter anderen Voraussetzungen von vorne los.


Eingestellt von marxelinho am 12. Mai 2005.
0 Kommentare

Kommentieren


26. Oktober 2004

Konferenzschaltung

Die Champions Sportbar im Wiener Ringstraßenhotel Marriott war in den letzten Tagen unser Domizil, wenn es um Fußball ging. Zwischen den Filmen im nahen Gartenbaukino ging es darum, zumindest das Wichtigste aus der Welt mitzukriegen. Von Hertha war das nicht viel, denn in der Konferenzschaltung arbeitet jede Mannschaft an ihrer Quote, und nachdem bereits am Samstag das erhoffte und von mir dann auch verschiedentlich ohnmächtig in den neutralen Champions-Sportbar-Raum gerufene "Tor aus Bielefeld!" ausblieb, brachte die Sportschau dann immerhin die Aufklärung, daß das zweite Bielefelder Tor irregulär gewesen wäre.

Heute saßen wir natürlich wieder dort, und wenn nicht alles täuscht, waren einander die beiden Matches ein wenig ähnlich: Die Hertha spielt nach vorne, schießt kein Tor, dann entsteht vor dem eigenen Gehäuse eine Situation, die Dick van Burik mit aufreizender Faulheit als ungefährlich einstuft. Im Trab holt er den Gelben, der dieselbe Situation als Gelegenheit wertet, natürlich nicht ein. Der Dortmunder erreicht den Ball dort, wo Dick van Burik ihn gern hinüberrollen lassen wollte, genau an der Linie - Flanke. Koller. Aufholjagd. Ohnmacht. Nando Rafael. Hader.

Falko Götz wollte mehr über die Außen spielen, aber in einem System, in dem das Mittelfeld zu einer Form der Superrotation aufgefordert ist, stellt sich das halt nicht einfach so ein. Flügelstürmer wären eine Idee. Nun höre ich aber, daß Elber im Gespräch ist, ein Zentralist und Lauerer (den ich immer geliebt habe, den ich aber nicht kaufen würde, es soll die Regel gelten: Wer bei den Bayern ausgemustert wurde, ...).

Die Konferenzschaltung mag ich nun noch weniger. Das Match zwischen Manchester United und Arsenal haben wir in voller Länger gesehen, allerdings ohne Bilder aus dem Kabinengang - das Sakko von Sir Alex Ferguson, an dem Pizza und Suppen kleben, würde ich bei Ebay jedenfalls nicht ersteigern wollen. Natürlich war der Referee ein Skandal, natürlich war das ein Spiel, in dem die niedrigen Instinkte gewonnen haben, und trotzdem war es schmerzlich zuzusehen, wie die Spieler von Arsenal sich nachher dem Selbstmitleid ergaben: Wayne Rooney erinnert mich nicht nur phsyiognomisch an manche Figuren aus Gangs of New York, an eine Kultur, in der man nur mit dem Dolch im Wams auf die Straße ging - heute wäre es das Springermesser.

So hat er gespielt, niederträchtig, aber eben auch obenauf, ein leader of the pack. Auf der anderen Seite der edle Reyes, den ein Neville von hinten niedermähen darf, wenn ein Eitler wie Riley für die Ahndung zuständig ist. Das ist fast wie Shakespeare, dort gewinnen auch selten die Guten. In der unverdienten Niederlage bleibt nur: das erhobene Haupt. Wir haben die Champions Sportsbar erhobenen Hauptes verlassen, aber das ist natürlich niemandem aufgefallen. Ich freue mich schon wieder auf die Konzentrationsschaltung daheim Berlin, im Sektor 25.2. oder vor dem Fernseher, bei dem ich die Optionentaste so beherrsche, wie Riley in Old Trafford hätte pfeifen sollen: souverän.


Eingestellt von marxelinho am 26. Oktober 2004.
0 Kommentare

Kommentieren


04. Oktober 2004

Medium Cool

Der Wiener (yo, brother!) hat in einem Kommentar auf einen Artikel von Wolfram Eilenberger hingewiesen, der am Wochenende im Tagesspiegel erschienen ist. Es ging darin um den Gigantenkampf zwischen Arsenal und Chelsea, der die Premier League heuer bestimmt - zur Erinnerung: für diese Seite ist Arsenal das Maß der Dinge (siehe Declaration of Principles). Eilenberger bemüht in seiner Analyse eine berühmte Unterscheidung des Strukturalisten Claude Levi-Strauss, zwischen "heißen" und "kalten" Kulturen. In den einen tut sich viel, in den anderen tut sich wenig - dabei ist nicht ausgemacht, welche Kultur besser überlebt.

Marshall McLuhan hat diese Unterscheidung einmal auf die Medien angewandt, das Kino ist für ihn "heiß", das Fernsehen dagegen "kühl", weil man sich als Zuschauer eine Menge dazudenken muß, damit man auf ein Bild kommt. Eilenberger sieht in Chelsea eine klassische "kalte" Mannschaft, Arsenal dagegen ist "heiß", weil von jedem einzelnen Spieler die Intensität ausgehen kann, die sich in das ganze Line-Up fortsetzt. Arsenal besteht als einer ganzen Reihe von Energieträgern (Reyes!), paradoxerweise muß die Kunst eines Trainers wie Arsene Wenger jedoch darin bestehen, diese Kraft "kühl" zu halten, sie immer nur dann ausbrechen zu lassen, wenn es angebracht ist - Freddie Ljungberg hat vor wenigen Tagen in dem einzigen League-Match, das Arsenal heuer nicht gewonnen hat, beim 2:2 gegen die Bolton Wanderers gezeigt, was ich meine: Einen langen Querpaß hat er auf eine Weise mitgenommen, daß der Ball schon zehn Meter in der gegnerischen Hälfte war, und Ljungberg hinterher, bevor der gegnerische Defensivmann überhaupt begriff, daß man daraus einen Angriff entwickeln kann.

Arsenal war nämlich noch nicht aufgerückt, es reichte dann auch, daß Pires vorne war, um hineinzuschieben. Ich weiß noch nicht, ob das 4:0 gegen Charlton am Wochenende heiß war oder kühl, ich weiß aber, daß große Mannschaften erst dann entstehen, wenn sie zwischen diesen beiden Aggregatuständen zu existieren vermögen, je nach Bedarf sich in einen versetzen können. Arsenal ist sicher heiß konzipiert.

Und die Hertha: Sie trägt beide Ansätze in sich wie eine Möglichkeit, an deren innerer Konsolidierung gerade gearbeitet wird, während der Umschlag noch ein bißchen dem Zufall überlassen wird - sie spielt schon die ganze Saison ganz passabel "kühl", und sie hat sich von der heißen ersten Halbzeit gegen Bochum noch nicht ganz erholt. Sie weiß aber, daß sie beide Optionen hat, und eine dritte noch dazu: Sie ist häufig lauwarm.


Eingestellt von marxelinho am 04. Oktober 2004.
0 Kommentare

Kommentieren