26. August 2017

Fernweh kann auch nah gestillt werden

Die Auslosung für die Gruppenphase der Europa League gestern Mittag war einer der besten Momente meines Lebens als Hertha-Fan. Und das Ergebnis finde ich richtig gut: mit Athletic Bilbao gibt es eine europäische Topmannschaft als echten Gradmesser, mit Östersunds FK ein mögliches, sehr interessantes Reiseziel (wenn das Heimspiel denn tatsächlich in der Jämtkraft Arena stattfinden sollte), und mit Luhansk hat es für mich sowieso eine besondere Bewandtnis, weil ich das Geschehen in der Ukraine seit einigen Jahren sehr intensiv verfolge - begonnen hat dieses Interesse auf einer Fußballreise im Jahr 2012.

Auch das ist ja einer der Aspekte des Lebens als Fan: die Verbindung von zyklischen Momenten (jedes Jahr Liga, hoffentlich erste) mit besonderen Ereignissen (diesen Herbst sechs europäische Spiele, im nächsten Jahr vielleicht sogar noch mehr) macht uns unsere eigenen Veränderungen sehr intensiv bewusst. Als Hertha zuletzt europäisch spielte, da wusste ich vom östlichen Europa noch ganz wenig, obwohl der Fall des Eisernen Vorhangs mit einer spontanen Reise nach Prag in den ersten Tagen des Jahres 1990 ein prägendes Erlebnis gewesen war.

2008 musste Hertha für die Qualifikation zum Europacup nach Moldawien. Damals recherchierte ich immerhin schon einmal Varianten, wie ich nach Otaci kommen könnte, was dann aber ohnehin hinfällig war, weil das Spiel gegen Nistru Otaci in der Hauptstadt Chisinau stattfand. Den restlichen Bewerb dieses Jahres habe ich nicht mehr so präsent, damals gab es auch einen merkwürdigen Modus, der zur Folge hatte, dass Hertha anscheinend einmal in Kharkov spielte, zu dieser Begegnung gab es aber kein Retourmatch in Berlin.

Ein Jahr später war ich dann im Dezember zwei Tage in Lettland, stattete der Kleinstadt Ventspils einen Besuch ab und sah tags darauf in Riga das dazugehörige Spiel, das in die Hauptstadt verlegt worden war. Es war ein denkwürdiges Erlebnis, seither zieht es mich aus Gründen, die ich vermutlich nur in einer Psychoanalyse wirklich herausfinden würde, eher in den Osten als in die klassischen europäischen Fußballländer.

Mit diesem Umstand hat auch zu tun, dass ich die Europa League eigentlich mehr mag als die Champions League, auch wenn dieser andere Bewerb natürlich das Ziel sein muss. Die Auslosung von 12 Vierergruppen war gestern ein geographisches Memoryspiel der ganz eigenen Art, das die Phantasie auf wunderbare Weise angeregt hat. Und so sehr ich mir wünsche, dass Hertha vielleicht eines Tages eine halbwegs seriöse Opposition für Real Madrid oder den FC Barcelona (oder vielleicht sogar den FC Arsenal, wenn der seinen Niedergang irgendwann aufhalten kann) sein möge - die vielfältige Welt, die sich für uns nun einen Herbst lang mit den Städtenamen Bilbao, Östersund und Luhansk verbindet, ist doch die wichtigere.

Weil ich gerade so Fernweh habe, werde ich heute Hertha gleich zweimal zuschauen, und am frühen Nachmittag nach Lichterfelde zu Viktoria 1889 fahren, auch das eine Auswärtsfahrt, mit der U23, die in diesem Jahr deutlich "näher dran" ist an der ersten Mannschaft als zuletzt meistens. Abends dann der Auftritt beim BVB im Fernsehen. Morgen noch Arsenal beim Liverpool FC.



Eingestellt von marxelinho am 26. August 2017.
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