03. November 2014

Ostwestfälischer Unfrieden

Das eigene Deutsch, das Jos Luhukay spricht, ist immer verständlich, häufig charmant, und gelegentlich unfreiwillig verräterisch. So wurde er gestern nach der Niederlage in Paderborn zitiert: "Wir haben auf das Spiel hingewiesen." Da fehlt natürlich etwas. Gemeint ist sicher: Es wurde auf das Spiel besonders hingewiesen, die Mannschaft wurde darauf intensiv eingestellt. Leider sah es eher danach aus, als hätte der Hinweis in einer bloßen Aufforderung bestanden, sich um 17.30 zu einem Spiel einzufinden und an diesem Tag nicht zum Kegeln oder in die Paris Bar zu gehen.

Hertha wirkte jedenfalls nicht so, als wäre die Mannschaft darauf eingestellt gewesen, was dann kam. Es kam eigentlich nichts Ungewöhnliches. Es kam einfach ein engagierter Gegner, während Hertha zwanzig Minuten lang zu überlegen schien, warum ein Spiel schon begonnen hatte, für das die Mannschaft keinen Plan hatte. Sie fand dann auch keinen mehr, geriet folgerichtig in Rückstand, konnte mit einer einzelnen Aktion noch vor der Pause ausgleichen, die zweiten 45 Minuten waren zum Vergessen.

Es war die zweite blamable Leistung in einer Woche, und damit sind auch die zehn Ligaspiele absolviert, nach denen Jos Luhukay sich der Kritik stellen wollte. Die Sache sieht nun so aus, dass er eine Niederlage von einer Trainerdiskussion entfernt ist, die unter den Fans eigentlich schon geführt wird. Denn von diesen zehn Spielen war nur ein einziges wirklich stark (Wolfsburg), eines war gut (HSV), zwei Halbzeiten waren in Ordnung (Werder und Leverkusen), dazu kam ein sehr glücklicher, nicht verdienter Sieg gegen Stuttgart und eine verdiente Niederlage gegen S04.

Gegen Gegner in der eigenen (angenommenen) Preisklasse spielte die Mannschaft verlässlich schlecht: Freiburg, Mainz, Augsburg, Paderborn. In allen diesen Begegnungen fehlte es an der Einstellung. Das wirft unweigerlich ein Licht auf die Betreuer, die ja für die Einstellung verantwortlich sind. Einstellung betrifft nicht nur die mentale Ebene, sondern konkrete taktische Ideen. In dieser Hinsicht fiel Hertha in dieser Saison bisher eigentlich erst zweimal auf: mit einem guten Zweidrittelmatchplan gegen Leverkusen und einem naiven Dominanzspiel gegen Schalke.

Gegen Paderborn fehlte es von Minute eins an an allem. Dass den Spielern die eigene Leistung ein Rätsel ist, fällt auf den Trainer zurück. Dass er diesen Kader bisher nicht produktiv zu machen versteht, lässt Raum für Spekulationen: Wurden vielleicht doch nicht alle Verpflichtungen im Einvernehmen zwischen Trainerstab und Management getätigt? Man wird jedenfalls den Eindruck einer leichten Trotzhaltung nicht los, die Luhukay gegenüber dem Personal an den Tag legt.

Am Sonntag war Plattenhardt im Kader, auf der linken Defensivposition spielte Pekarik, der dieses Mal schwach war. Lustenberger und Heitinga strahlten keinerlei Sicherheit aus, gingen vor dem ersten Gegentor in das gleiche Kopfballduell. Ndjeng gab die Flanke zum Kopfballtreffer von Kalou, spielte aber auch sagenhaft sinnlose Bälle. Große Verlegenheit ist der Gesamteindruck, aus dem allenfalls Skjelbred auszunehmen ist. Niemeyer, der als der taktische Schachzug der Betreuer in diesem Match zu gelten hat, rang intensiv mit sich, seiner Aufgabe und dem Gegner, außer einer gelben Karte und einer eigentlich fälligen zweiten kam nichts heraus.

Vor über einem Jahr schrieb ich hier nach dem Kantersieg gegen Frankfurt jubelnd: Hertha hat Kontakt zum modernen Fußball. Inzwischen muss sich einsehen: diesen modernen Fußball gibt es, gerade in der Liga der Weltmeister, zweimal. Der eine ist ein leichtfüßiger, intelligenter, leidenschaftlicher Fußball auf Grundlage variablen Pressings, der andere ist ein unerquicklicher Abnützungsfußball auf Grundlage verbissener Zweikämpfe in allen Winkeln des Feldes. Mannschaften kommen dann voran, wenn sie den zweiteren gelegentlich in den ersteren umschlagen lassen können, sie müssen aber beide beherrschen.

Hertha scheint im Moment weder den einen noch den anderen zu verstehen. Das hat mit dem Urproblem zu tun: Hertha ist die Mannschaft in der Liga, die per definitionem am wenigsten weiß, wer sie ist. Hauptstadtclub, Spekulantenvehikel, Fahrstuhlgeschichte, zugleich aber seit dem Ende der Ära Hoeneß eigentlich Provinzclub mit den Standortbedingungen eines HSV oder eines BVB. Im Moment sieht es so aus, als hätte der große Umbau im Sommer den Trainer am meisten überfordert. Und so spielt Hertha, als wüsste gerade niemand so richtig, was Sache ist.


Eingestellt von marxelinho am 3. November 2014.
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